A. Franziska Schwarzbach
Gedanken vor dem Denkmal in Buchvon Jens Reich
Das Denkmal hält die Schwebe zwischen Abstraktion und Vergegenständlichung. Die Bildhauerin hat einen Menschen im mittleren Kindesalter modelliert. Man erkennt das an den Körperproportionen. Ihr ist auch gelungen, die geschmeidige Eleganz des noch unfertigen und dabei zugleich so vollkommenen kindlichen Körpers darzustellen, die wir Erwachsenen so anrührend finden, die wir dieses Alter und seine Körperlichkeit und Geistigkeit längst hinter uns gelassen haben. Dass die Kindheit glücklich sei, das ist eine Überzeugung, die aus der Sehnsucht nach dem Unwiderbringlichen, nach der Rückkehr zum Anfang kommt. Kindheit ist nicht glücklich.
Sie ist zuweilen unbeschwert und beschwingt, zuweilen aber auch bedrückend und traurig, und nicht jeder Mensch sehnt sich in die Kindheit zurück. Die Kinder, für die das Denkmal steht, hatten eine besonders schlimme Kindheit.
Aber die Skulptur ist auch in hohem Maße abstrakt. Es wäre unmöglich, das Kind wieder-zuerkennen, etwa einer Fotografie eines Euthanasieopfers zuzuordnen. Die Skulptur stellt auf eindrucksvolle Weise den Archetypus eines Kindes dar. Wenn wir vor ihr stehen und über sie nachsinnen, dann werden wir nicht auf ein Einzelschicksal geführt. Es gibt keinen Namen, es wird keine historisch nachweisbare Person zitiert. Nur in dieser Anonymität kann uns das Nachdenken über die Figur auf den Grund für ihre Aufstellung hier im Park führen. Nur vor einem so idealtypischen Kinderkörper wiederum können wir jedoch auch das Nachdenken zu uns zurückführen, konkret werden lassen. Etwa durch die Frage: Hätte eines deiner eigenen Kinder auch so ein Schicksal erleiden können? Wärest du selbst gefeit vor dem kalten ”Gnadentod”, wenn er über dich verhängt würde – bei dir ist ein solcher für ein vermeintliches oder wirkliches erbliches Gebrechen nicht mehr denkbar, wohl aber wenn du nicht durch Erbgang, sondern durch erworbene Krankheit alt und gebrechlich wirst?
Es steht für alle kranken und behinderten Kinder, die über ganz Deutschland verstreut in Anstalten gesammelt und nach bestimmten Verwaltungsprozeduren zum Tode bestimmt und getötet wurden. Es steht auch für diejenigen unter ihnen, die in ihrem Tode als Opfer für die Forschung ”verbraucht” wurden und damit zu Opfern einer entfesselten Forschungsneugier wurden.
Das Denkmal erinnert an einen Skandal, und es sollte für uns ein Stachel sein: mitten auf unserem Campus steht ein Mahnmal, das an die stets mögliche Überschreitung moralischer Grenzen unseres Forscherdrangs erinnert.
Zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Euthanasieverbrechen.
Von 1939 bis 1944 haben Wissenschaftler des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Hirnforschung in Berlin-Buch Gehirne von Opfern der Mordtaten für Forschungszwecke benutzt.
Als Verpflichtung und Mahnung für Wissenschaftler und Ärzte zu ethischem Handeln, zur Achtung der unveräußerlichen Rechte aller Menschen und zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Mitverantwortung.
Biografie
|
Jahr |
Ereignis |
|---|---|
| 1949 | in Rittersgrün/Erzgebirge geboren |
| 1968-73 | Studium an der Kunsthochschule Berlin- Weißensee im Fach Architektur bei Selman Selmanagic |
| 1973 | Diplom für Architektur am Institut für Theaterbau |
| 1973-75 | Architektin am “Palast der Republik” (Theatersaal) |
| 1975-79 | Abendstudium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Fach Porträtplastik |
Zahlreiche Ausstellungen von Paris bis Bagdad, von Völklingen bis Österitz.
“Als ich merkte, nicht projektieren zu können, was ich nicht auch leben will, begann ich zu bildhauern”.

