Nr. 13/3. Mai 2000

S p e r r f r i s t : Mittwoch, den 3. Mai 2000, 10.00 Uhr

Dr. Thomas Willnow vom MDC erhält hochdotierten Preis der SmithKline Beecham Stiftung

Für die Erforschung des Vitamin D-Stoffwechsels ist Dr. Thomas Willnow, Forschungsgruppenleiter im Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medi­zin (MDC) Berlin-Buch, mit dem diesjährigen Preis für ”Medizinische Grund­lagenforschung” der SmithKline Beecham Stiftung (München) ausgezeichnet worden. Dr. Willnow hatte nachgewiesen, auf welche Weise Vitamin D, ein Steroidhormon, das für gesundes Knochenwachstum unerlässlich ist, aus dem Blutkreislauf in die Niere geschleust wird, um dort aktiviert zu werden. Die Forschungs­ergebnisse geben möglicherweise auch einen Hin­weis darauf, wie andere Steroidhormone im Körper an ihren Zielort ge­langen, darunter auch solche, die das Wachstum bestimmter Brust- und Prostatatumoren fördern. Dr. Willnow erhielt die mit 25 000 Mark dotierte Auszeichnung am 3. Mai auf einer Festver­an­staltung der Deutschen Gesell­schaft für Innere Medizin in Wiesbaden.

Vitamin D gehört zu den Steroidhormonen, die wichtige regulatorische Funktionen im Stoffwechsel erfüllen. Vitamin D spielt eine entscheidende Rolle beim Aufbau der Knochen. Ist es im Körper nicht in ausreichenden Mengen vorhanden oder kann es nicht verwertet werden, erweichen die Knochen: die Folge sind irreversible Knochen­deformationen und Wachstumsstörungen. An ein Trägerprotein gekoppelt, zirkuliert Vitamin D im Blutkreislauf in einer nicht funktionstüchtigen, inaktiven Form. Es wird erst in der Niere aktiviert.

 

Wie das Vitamin D in die Niere gelangt, konnte jetzt Dr. Thomas Willnow, Wissen­­schaftler im Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch, aufklären. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Franz-Volhard-Herz-Kreislauf-Klinik (Charité der Humboldt-Universität zu Berlin, Campus Berlin-Buch) und der Universität von Aarhus, Dänemark, wies der Biologe nach, dass sich auf den Zellen der sogenannten Nierenkanälchen spezifische Bindungsstellen (Rezep­­toren) befinden. Diese Rezeptoren, so stellten die Wissenschaftler fest, binden das Trägerprotein  und schleusen es, zusammen mit dem daran gekoppelten Vitamin D, in die Niere.

 

Die Funktion des Rezeptors, der in der Fachsprache Megalin (griech. mega - groß) genannt wird, hatten Dr. Willnow und seine Mitarbeiter mit Hilfe eines Maus­stammes aufgeklärt, bei dem sie durch einen gentechnischen Eingriff den Rezeptor inaktiviert hatten. Die Forscher beobachteten, dass diese soge­nannten Megalin-Knockout-Mäuse nicht mehr in der Lage waren, Vitamin D in die Niere aufzu­nehmen und infolgedessen unter Vitamin D-Mangel litten. ”Dies erklärt auch, warum Patienten, deren Nieren geschädigt sind, oft Knochendefekte haben”, erläutert Dr. Willnow die Bedeutung dieser Forschungsarbeit.

 

Dr. Willnow vermutet, dass ähnliche Steroid-Rezeptoren nicht nur in der Niere, sondern möglicherweise auch in anderen Geweben, die auf Steroidhormone angewiesen sind, eine wichtige Rolle spielen. Zu diesen Hormonen zählen  beispielsweise die männ­lichen und weiblichen Geschlechtshormone, die Andro­gene und Östrogene. Von ihrer Wirkung hängen Entwicklung und Funktion der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, wie Prostata, Hoden, Eierstöcke, Gebärmutter und Brust, ab.

 

”Grundsätzlich werden”, so Dr. Willnow, ”alle Steroidhormone durch Träger­proteine im Kreislauf transportiert.” Es ist nach Ansicht des Biologen somit nahe­liegend, dass auch diese Steroidhormone über ihre Trägerproteine in die Zielzellen aufgenommen werden. Insbesondere für bestimmte Tumoren, welche Steroid­hormone zum Wachstum benötigen – einige Brust- und Prostatatumoren beispiels­weise – wird solch ein spezifischer Aufnahmeweg vermutet. Sollte sich diese An­nahme bestätigen, so wären nach Auffassung des Wissenschaftlers solche Rezeptoren ein wichtiges Angriffsziel für zukünftige Tumorbehandlungen.

 

Thomas Willnow wurde 1961 in Heidelberg geboren. Er studierte Biologie an der Uni­versität München. Im Anschluss an seine Promotion 1991 folgte ein mehr­jähriger Forschungsaufenthalt am Southwestern Medical Center, Dallas, USA. Seit 1996 arbeitet der Heisenberg-Stipendiat als Forschungsgruppenleiter im MDC. Für die Erforschung eines ähnlichen Rezeptors, der beim Fettstoffwechsel eine wich­tige Rolle spielt (LRP-Rezeptor), hatte Willnow 1998 bereits den Heinrich-Wie­land-Preis erhalten.

 

Barbara Bachtler
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