Nr. 31/20. Oktober 2000
Prof. Albert Wollenberger verstorben
Pionier der modernen Herz-Kreislauf-Forschung
Im Alter von 88 Jahren ist in Berlin-Buch Prof. Albert
Wollenberger verstorben. Der international renommierte Pharmakologe gilt als
einer der Pioniere der molekularen und zellulären Herzforschung. Er hatte die
Herz-Kreislauf-Forschung in Berlin-Buch zu einem international beachteten
Forschungsschwerpunkt aufgebaut. Prof. Wollenberger, der am 25. September
verstarb, war am vergangenen Freitag (20. Oktober) in Berlin beigesetzt worden.
Albert Wollenberger wurde am 21. Mai 1912 in Freiburg/Breisgau geboren. In Berlin-Charlottenburg machte er sein Abitur und begann danach, ebenfalls in Berlin, Medizin und Biologie zu studieren. Die politischen Veränderungen durch die Nationalsozialisten zwangen ihn 1933 in die Emigration. Nach Aufenthalten in der Schweiz, Frankreich und Dänemark ging er in die USA. An der Harvard Universität in Boston setzte er von 1940-1945 sein Medizin- und Biologiestudium fort, unter anderem bei den beiden Nobelpreisträgern George Wald und Fritz Lippmann. In Boston machte er auch seinen Doktor.
Albert Wollenberger kehrte erst 20 Jahre später, Anfang der fünfziger Jahre, während der McCarthy-Ära, nach Europa zurück. Sein Weg führte ihn zunächst nach Dänemark, Schweden, England und von dort zurück nach Deutschland. Seine politische Überzeugung veranlasste ihn, in den östlichen Teil, in die DDR, zu gehen. Dort erhielt er 1954 einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1956 gründete er in Berlin-Buch die Arbeitsstelle für Biochemie des Herzens. Daraus ging später die Molekulare und Zelluläre Kardiologie am Zentralinstitut für Herz-Kreislauf-Forschung der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Buch hervor. Diesem Institut wurde in den 70er Jahren eine Herz-Kreislauf-Klinik angeschlossen, die heutige Franz-Volhard-Klinik, die zur Charité der Humboldt-Universität zu Berlin gehört. Nach der Wende entstand aus den Bucher Akademieinstituten das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch.
Albert Wollenberger setzte sich stets für die Verknüpfung von Grundlagen- und klinischer Forschung ein. 1949 publizierte er in der “Pharmakological Review” eine vielzitierte Arbeit über die Wirkung von Herzglykosiden, einer bestimmten Gruppe von Medikamenten, auf den Energiestoffwechsel des geschädigten Herzens. Ein Schwerpunkt seiner Forschungen waren die Regulation der Herzfunktion sowie die Erforschung von Mangeldurchblutungen (Ischämien) des Herzens und krankhafte Herzvergrößerungen (Herzhypertrophie). 1960 entwickelte er ein nach ihm benanntes, in der Grundlagenforschung weltweit eingesetztes Verfahren (“Wollenberger Clamp”), zur Erforschung des schlagenden Herzens. Darüber hinaus führten seine Forschungen auch zur Entwicklung eines Bluttests zur Früherkennung eines Herzinfarkts. Weiter endeckte er mit seinen Mitarbeitern sogenannte Autoantikörper gegen bestimmte Oberflächenproteine auf Herzzellen, die bei Patienten mit Herzmuskelschwäche auftreten.
Darüber hinaus hatte Prof. Wollenberger schon früh die Notwendigkeit erkannt, mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachrichtigungen, wie Biologen, Chemikern und Medizinern, zusammenzuarbeiten. Zudem setzte er sich für die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein. Er war nicht nur selbst ein passionierter Langläufer, sondern er initiierte und warb auch für die “Lauf-Dich-Gesund-Bewegung” in Berlin und in der DDR.
Prof. Wollenberger genoss im In- und Ausland großes Ansehen. So war es möglich, Wissenschaftler aus West und Ost nach Berlin-Buch einzuladen. Er war Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle und der Royal Society of Medicine in Großbritannien. Er war zudem Mitbegründer der Internationalen Gesellschaft für Herzforschung und mehrere Jahre deren Präsident. Sein Lebenswerk umfasst über 400 Publikationen und Bücher.
Barbara Bachtler
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