Nr. 38/1. Dezember 2000
S p e r r f r i s t: 1. Dezember 2000
“Zwillingsgen” auf der Spur
Enge Kooperation von Berliner Wissenschaftlern mit Polen und Finnland
Mehrfach-Empfängnis ist bei Menschen häufiger als die Zahl der
letztendlich geborenen zweieiigen Zwillinge. Eine mögliche Ursache haben
Wissenschaftler des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC)
Berlin-Buch und der Franz-Volhard-Herz-Kreislauf-Klinik (Universitätsklinikum
Charité, Campus Berlin-Buch) zusammen mit Wissenschaftlern aus Finnland und
Polen jetzt herausgefunden. Die Arbeit von Dr. Andreas Busjahn* und
Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland ist jetzt in dem renommierten
britischen Fachblatt Nature Genetics (Vol.26, Nr. 4, pp 398f) erschienen.
Etwa 40 Prozent der Frauen, die zweieiige Zwillinge erwarten, verlieren im Laufe der Schwangerschaft eines der beiden Kinder. Die Medizin spricht in diesen Fällen von “vanishing twins”, “verloren gegangenen” Zwillingen. Ähnlich hoch ist die Rate, nämlich 30 Prozent, bei Frauen, die sich wegen Unfruchtbarkeit medizinisch behandeln lassen. Schuld daran ist möglicherweise ein Gen, das auf Chromosom 3 liegt.
Dem möglichen Zusammenhang zwischen diesem Gen, in der Fachsprache PPARgamma** Zeichen genannt, und Zwillingsgeburten kamen die Herz-Kreislauf-Spezialisten durch die Erforschung des Fettstoffwechsels bei Zwillingen auf die Spur. Dabei untersuchten sie über 122 eineiige und 181 zweieiige Zwillingspaare aus Deutschland, Finnland und Polen.
Das Gen spielt nicht nur beim Fettstoffwechsel, sondern auch beim Insulinhaushalt und der Entwicklung des Körpergewichts eine Rolle, erläutert Dr. Busjahn. Alle drei Faktoren sind am Gedeihen eines Kindes im Mutterleib beteiligt. Die Forscher vermuten deshalb, dass dieses Gen damit auch für das Aufrechterhalten einer Schwangerschaft wichtig ist.
Zweieiige Zwillinge, die beide mit der gleichen Variante des PPARgamma-Gens ausgestattet sind, müssten sich, so die Vorstellung der Wissenschaftler, auch gleich gut entwickeln. “Mit anderen Worten, von den Zwillingen wächst keiner auf Kosten des anderen im Mutterleib heran”, erläutert Prof. Friedrich Luft, Bluthochdruckforscher und Nierenspezialist an der Volhard-Klinik die Hypothese des Wissenschaftlerteams.
*Andreas Busjahn1,2, Hans Knoblauch1,2,
Hans-Dieter Faulhaber1, Atakan Aydin1, Regina Uhlmann1, Jaakko
Tuomilehto3, Jaakko Kaprio4, Piotr Jedrusik5,
Andrzej Januszewicz6, Jan Strelau7, Herbert Schuster1,2,
Friedrich C. Luft1, and Bertram Müller-Myhsok8 1Franz Volhard Clinic, Medical Faculty
of the Charité, Humboldt University of Berlin, Germany and Max Delbrück Center,
2Infogen, a subsidiary of ValiGen N.V., 3National Public
Health Institute, Helsinki, Finland, 4The Finnish Twin Cohort Study,
University of Helsinki, Helsinki, Finland, 5Warsaw Medical
University, Warsaw, Poland, 6National Institute of Cardiology,
Warsaw, Poland, 7University of Warsaw, Poland, and 8Bernhard
Nocht Institute for Tropical Medicine, Germany. **die Abkürzung PPARgamma steht für
Peroxysome Proliferator Activated Receptor
Barbara Bachtler
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