Nr. 16/25. Oktober 2001

S p e r r f r i s t: Donnerstag, 25. Oktober 2001, 12.45 Uhr

Adipositas – Forscher auf der Suche nach Genen

Genetische Ausstattung des Menschen für moderne Lebensweise nicht geschaffen - Gegen Stigmatisierung adipöser Menschen

Das genetische Programm, das unseren Vorfahren in der Steinzeit das Überleben gesichert hat, ist für den modernen Homo sapiens offenbar weniger von Vorteil. Konnten die Jäger und Sammler von den in guten Zeiten angegessenen Fettpolstern in Hungerszeiten zehren, haben die Menschen heute in der Regel jeden Tag genug zu essen und müssen nicht hungern. Verbesserte Lebensbedingungen mit zu fettem Essen und mangelnder Bewegung haben in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass Millionen von Menschen in den westlichen Industrienationen aber auch in einigen Schwellenländern zu dick oder sogar adipös (fettsüchtig) sind. Zunehmend sind auch Kinder und Jugendliche übergewichtig. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung geht davon aus, dass etwa jedes 6. Kind im Einschulalter in der Bundesrepublik zu dick ist. Doch sind zum Teil, so Prof. Johannes Hebebrand, Kinder- und Jugendpyschiater sowie Biowissenschaftler an der Universität Marburg, die Gene mit an dieser Entwicklung schuld. “Die genetische Ausstattung des Menschen ist für die moderne Lebensweise nicht geschaffen. Das heißt, Adipositas ist auch genetisch bedingt. Darauf deuten Studien mit Tausenden von Zwillingen, Adoptivkindern und Familien hin”, sagte er in einer Pressekonferenz am 25. Oktober 2001 im Rahmen des 2. Internationalen Symposiums über Adipositas (Fettsucht) und Bluthochdruck im Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC-Berlin-Buch).

In Berlin führte Prof. Hebebrand einige Beipiele an, die nach seinen Angaben für den Einfluss genetischer Faktoren auf das Körpergewicht sprechen. So zeigte sich in einer so genannten Überernährungsstudie mit eineiigen Zwillingen, dass nicht alle Probanden gleich viel an Gewicht zulegten. Vielmehr schwankten die Gewichtszunahmen zwischen 4,3 und 13,4 Kilogramm. Beide Zwillinge eines Paares nahmen jedoch jeweils ähnlich zu. Frauen, die sich fettreich ernährten, wurden insbesondere dann übergewichtig, wenn Verwandte ersten Grades adipös waren. Übergewicht bei einem Kleinkind, zunächst nichts Besorgniserregendes, wird dann im späteren Leben zu einem Risiko dick zu bleiben, wenn ein oder beide Elternteile adipös sind. Offenbar spielt zudem der Grad der Adipositas eine Rolle: je übergewichtiger ein Kind ist, desto höher ist das Risiko, dass es auch im Erwachsenenalter adipös ist.

 

Neben diesen Beobachtungen haben Forscher in den vergangenen Jahren aber handfeste Beweise für ihre Vermutungen vorlegen können. Sie konnten verschiedene Gene aufspüren, die bei der Regulation des Körpergewichts eine Rolle spielen, zunächst bei Mäusen, dann aber ebenfalls beim Menschen. Dazu gehört zum Beispiel das 1994 entdeckte Leptin-Gen. Es bildet normalerweise in Fettzellen ein Hormon, das das Hungerfühl reguliert. Ist es defekt, entsteht starkes Übergewicht. Des Weiteren sind verschiedene Gene identifiziert worden, die unterschiedliche Formen der Adipositas auslösen können. Die häufigste bislang bekannte Form der genetisch bedingten Adipositas, die auf Mutationen im so genannten Melanokortin-4 Rezeptorgen beruht, kommt mit einer Häufigkeit von rund zwei bis vier Prozent bei extrem übergewichtigen Personen vor.

 

In der Marburger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters steht für Prof. Hebebrand und seine Mitarbeiter neben der Erforschung der genetischen Ursachen der Adipositas die Therapie im Mittelpunkt. Möglicherweise, so Prof. Hebebrand, führen die neuen Erkenntisse aus der Genforschung zur Entwicklung wirksamer Medikamente der bisher nur schwer zu behandelnden Adipositas. “Die Tatsache, dass nicht nur der Lebensstil sondern auch die genetische Veranlagung bei der Entwicklung der Adipositas eine Rolle spielt, führt hoffentlich dazu, dass übergewichtige Menschen von der Gesellschaft nicht mehr ausgegrenzt werden”, betonte er.

 

Barbara Bachtler
Pressestelle
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch
Robert-Rössle-Straße 10
13125 Berlin

Tel.: +49 (0) 30 94 06 - 38 96
Fax:  +49 (0) 30 94 06 - 38 33

e-mail: presse@mdc-berlin.de
http://www.mdc-berlin.de/de/news