Nr.19 /27. Oktober 2001
S p e r r f r i s t: Samstag, 27 Oktober 2001, 8.55 Uhr
Adipositas – Eine weltweite Epidemie
“Gewichtige” Folgen westlichen, urbanen Lebensstils
Weltweit sind zur Zeit rund 250 Millionen Menschen
übergewichtig oder zu dick. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf
schätzt, dass sich diese Zahl bis 2025 auf 300 Millionen erhöht haben wird.
“Heute ist die Adipositas (Fettsucht) zu einer weltweiten Epidemie geworden”,
sagte Prof. Dr. Jaap Seidell von der Abteilung Epidemiologie chronischer
Erkrankungen des Niederländischen Instituts für Public Health und
Umweltforschung, Bilthoven, Niederlande am Samstag, den 27. Oktober beim “2.
Internationalen Symposium über Adipositas und Bluthochdruck” im
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch. “Am meisten
macht sich der Anstieg in den Ländern Asiens und Lateinamerikas bemerkbar,
deren Volkswirtschaften wachsen”. Der niederländische Epidemiologe bezog sich
dabei auf einen Bericht der WHO, die den Hauptgrund für diese Entwicklung in
der Übernahme des westlichen Lebensstils, verbunden mit energiereicher
Ernährung sowie Mangel an Bewegung.
In Berlin zeigte Prof. Seidell einige Daten, die das Problem verdeutlichten. “Gegenwärtig ist mehr als die Hälfte der US-Bevölkerung, rund 125 Millionen Menschen, übergewichtig, mehr als 25 Millionen (20 Prozent) sind adipös. Obwohl in den meisten europäischen Ländern Übergewicht nicht so verbreitet ist, wie in den USA, bringen doch in den Ländern der Europäischen Union (EU) 100 Millionen Erwachsene zuviel Gewicht auf die Waage. Die Bundesrepublik, Finnland und Großbritannien stehen dabei in der EU an erster Stelle. In diesen Ländern sind mehr als die Hälfte der Erwachsenen zu dick.
Wie in Nordamerika, sind allerdings auch in Europa mehr als 20 Prozent der Bevölkerung adipös. Für die Bundesrepublik bedeutet das, dass mehr als 16 Millionen Menschen adipös sind und mehr als 40 Millionen, das entspricht der Hälfte der Bevölkerung, übergewichtig, ergänzte Prof. Arya Sharma, Internist und Bluthochdruckexperte (Franz-Volhard-Klinik der Charité, Humboldt-Universität zu Berlin, Campus Berlin-Buch) und einer der Organisatoren des Symposiums.
Risikofaktor für schlechte Gesundheit
Die Adipositas ist ein großer Riskofaktor für eine Reihe von Folgeerkrankungen wie Herzgefäßerkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes. “Für die Entstehung von Typ 2 Diabetes ist Adipositas sogar der größte Risikofaktor”, sagte Prof. Seidell. Geht man davon aus, dass die Zahl der Übergewichtigen steigt, dann wird sich auch die Zahl der Menschen, die Diabetes bekommen, erhöhen. Die WHO rechnet mit einem Anstieg der an Typ 2 Diabetes Erkrankten von 140 Millionen (1997) auf rund 300 Millionen im Jahr 2025.
Vorbeugen durch gesunden Lebensstil
“Adipositas und Typ 2 Diabetes sind die Folgen eines Lebenstils mit energiereicher Ernährung und einem Mangel an Bewegung, der sich in den vergangenen Jahrzehnten herausgebildet hat”, erläuterte Prof. Seidell. Es habe sich zwar gezeigt, dass durch Abnehmen sowohl der Blutdruck gesenkt, als auch die Blutfettwerte verbessert und das Risiko für die Entwicklung von Typ 2 Diabetes Typ verringert wird. “Allerdings halten diese Erfolge meist nur kurz an. Es ist nahezu unmöglich, für eine lange Zeit einen gesunden Lebensstil durchzuhalten. Diese Entwicklung macht deutlich, wie dringend wir weltweite und nationale Strategien benötigen, mit denen wir der Adipositas vorbeugen als auch die Behandlung der Adipositas und des Typ 2 Diabetes verbessern. Bisher gibt es jedoch solche Strategien nicht”, kritisierte der niederländische Epidemiologe.
Barbara Bachtler
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