Nr. 26/ 30. November 2001
Sperrfrist: Freitag, 30. November 2001, 15.30 Uhr
Neue Erkenntnisse über Morbus Hodgkin
Botenstoffe locken bösartige Zellen in bestimmte Regionen von Lymphknoten
Botenstoffe des Immunsystems, die normalerweise für den
gezielten Einsatz von Abwehrzellen sorgen, weisen offenbar auch bösartigen
Zellen ihren Platz für die Ansiedlung im Organismus zu. Diese neue Erkenntnis
über das Hodgkin-Lymphom, eine bösartige Erkrankung, welche die Lymphknoten
befällt, stellte PD Dr. Martin Lipp (Max-Delbrück-Centrum für Molekulare
Medizin, MDC, Berlin-Buch) jetzt auf einem internationalen Kongress des MDC
über “Zellwanderung in der Entwicklung von Organismen und bei der Entstehung
von Krankheiten” in Berlin vor. Er konnte zeigen, dass sich die Hodgkin-Zellen
nur in bestimmten Regionen von Lymphknoten, den so genannten T-Zell-Zonen,
ansiedeln.
Die Hodgkin-Krankheit, von der weder Ursache noch Entstehung bekannt sind, zählt zu den Lymphomen, da sie mit einer Schwellung der Lymphknoten einhergeht. Weitere Symptome sind Fieber, Müdigkeit sowie Juckreiz. Charakteristisch für den “Morbus Hodgkin” sind einkernige Hodgkin-Zellen und riesige, mit mehreren Kernen auftretende Reed-Sternberg-Zellen in den Lymphknoten. Behandelt wird die Erkrankung mit Strahlen- und Chemotherapie. Die 1832 erstmals von dem englischen Arzt Thomas Hodgkin (1798-1866) beschriebene Krankheit ist sehr selten. Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 2 000 Menschen daran. Forscher vermuten inzwischen, dass eine Gruppe von bösartig veränderten Immunzellen, die B-Lymphozyten, die Ausgangszellen des Hodgkin-Lymphoms sind.
Lymphozyten gehen aus dem Knochenmark hervor und werden in zwei große Gruppen unterteilt: die T-Lymphozyten - so benannt nach einem kleinen über dem Herzen liegenden Organ, in dem sie heranreifen, der Thymusdrüse - und die B-Lymphoyzten (B-Zellen), die sich im Knochenmark entwickeln. Die herangereiften B- und T-Zellen sind jedoch noch nicht voll funktionstüchtig. Sie müssen erst auf Wanderschaft gehen und in verschiedenen Stationen - zum Beispiel in der Milz und in den Lymphknoten - ein Ausbildungsprogramm absolvieren. Dort treffen sie auf bereits von anderen Immunzellen dingfest gemachte Erreger, die quasi zur Fahndung ausgeschrieben sind und deren Merkmale sich die B- und T-Zellen einprägen müssen.
T- und B-Zell-Zonen in den Lymphorganen
Dies geschieht in den T-Zell- und B-Zell-Zonen der Lymphknoten sowie in den so genannten Keimzentren, auch der Milz. Dort reifen die Lymphozyten aus und werden für ihre Aufgabe bei der Immunabwehr fit gemacht. In den Keimzentren werden die B-Zellen beispielsweise so geschult, dass sie nicht nur hochaktive Antikörper zur Bekämpfung von Erregern produzieren, sondern auch ihr “immunologisches Gedächtnis” ausbilden. In den Lymphorganen tauschen sie des Weiteren auch Informationen über Eindringlinge aus, um eine Armada spezialisierter Zellen für deren Bekämpfung zu mobilisieren. Kann dieses Zusammentreffen nicht stattfinden, etwa weil die Immunzellen den Weg zu den “Informationszentralen” oder Keimzentren nicht finden, so ist die Immunantwort des Körpers gestört.
Als Boten dienen Immunzellen bestimmte Botenstoffe, die Chemokine, die sie zu diesen strategisch wichtigen Ausbildungspunkten in den Lymphorganen hinführen. Chemokine sind es auch, die die Immunzellen zu einem Infektions- oder Entzündungsort locken. Chemokine sind von körpereigenen Zellen gebildete Signalstoffe. Sie binden an sogenannte Chemokin-Rezeptoren, Antennenmolekülen auf der Oberfläche von Zellen, und sind so in der Lage, diesen den richtigen Weg zu weisen. Dr. Lipp und seine Mitarbeiter hatten vor wenigen Jahren zum ersten Mal einen Chemokin-Rezeptor auf B-Lymphozyten nachweisen können, der das zielgerichtete Wanderverhalten von Immunzellen in die B-Zell-Zonen und Keimzentren steuert.
Herberge bösartiger Zellen
Wie Dr. Lipp in Zusammenarbeit mit dem Pathologen Prof. Harald Stein, vom Universitätskrankenhaus Benjamin Franklin, Berlin, jetzt zeigen konnte, steuert das Chemokin-System offenbar auch die unterschiedliche Ausbreitung von Hodgkin-Lymphom-Zellen innerhalb der Lymphknoten. Die Hodgkin-Zellen werden von verschiedenen Chemokinen, je nachdem, um welche Form von Hodgkin-Lymphomen es sich handelt, entweder in die T-Zell-Zonen oder in die B-Zell-Zonen gelotst.
Bei der häufigen Form des klassischen Hodgkin-Lymphoms spielt der Chemokin-Rezeptor CCR7 eine entscheidende Rolle für das Ansiedeln dieser bösartigen Zellen in den T-Zell-Zonen der Lymphknoten. Hingegen ist bei einer selteneren Form, dem so genannten “Lymphozyten-prädominante Hodgkin-Lymphom”, von dem zirka fünf Prozent der Patienten betroffen sind, nur der Chemokin-Rezeptor CXCR4 aktiv, nicht aber CCR7. Diese Hodgkin-Zellen breiten sich nur in den B-Zell-Zonen aus.
Die Forscher konnten zeigen, dass CCR7 von bestimmten Genregulationsfaktoren (NF-kappaB) gesteuert wird. Diese Faktoren übermitteln normalerweise bei den verschiedenen Immunreaktionen, etwa bei Virusinfektionen sowie bei Entzündungsprozessen, Signale. In den bösartig veränderten Zellen des Hodgkin-Lymphoms befindet sich ein bestimmter NF-kappa-B-Faktor ständig im Zellkern, er geht nicht mehr in das Zytoplasma zurück. Weshalb das so ist, ist noch völlig unklar. Es zeigt sich aber, dass diese Hodgkin-Zellen ungehemmt wachsen.
Offenbar löst das Anschalten dieser Chemokin-Faktoren auf der Oberfläche von Hodgkin-Zellen das Einwandern und auch das Verharren in bestimmten Regionen der Lymphknoten aus. Die Zukunft wird zeigen müssen, ob es möglich sein wird, die Chemokin-Rezeptoren zu blockieren, um damit eine Einnistung der Hodgkin-Zellen in die Lymphknoten zu verhindern und damit eine körpereigene Abwehr oder die Behandlung zu verbessern. Darüber hinaus wollen die Wissenschaftler die mögliche Rolle von Chemokinen und Chemokinrezeptoren bei der Entstehung von Lymphknotenmetastasen als Folge von beispielsweise Brust- und Darmkrebs untersuchen.
Barbara Bachtler
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