Nr. 6/31. Januar 2002
S p e r r f r i s t: 31. Januar 2002, 24.00 Uhr
Organabstoßung mit embryonalen Stammzellen unterdrückt
Erste Ergebnisse im Tierversuch
Eine der gefürchtetsten Komplikationen in der
Transplantationsmedizin ist die Abstoßung des verpflanzten Organs durch das
Immunsystem des Empfängers. Medikamente, die dafür sorgen, dass der Empfänger
das Spenderorgan toleriert und nicht abstößt, müssen ein Leben lang eingenommen
werden und können langfristig Nebenwirkungen haben. Wissenschaftler und
Kliniker versuchen deshalb neue Strategien zu entwickeln, um die Toleranz des
Immunsystems gegenüber einem Spenderorgan zu erhöhen und eine Abstoßung zu
verhindern. So ist es mit Blutstammzellen in einigen Tierversuchen gelungen, Toleranz
zu erzielen. In der Klinik hat sich dieser Ansatz zur Auslösung von
Immuntoleranz jedoch nach Aussage von Prof. Fred Fändrich (Universität Kiel)
nicht bewährt, denn es traten verschiedene Abstoßungsreaktionen auf. Prof.
Fändrich hat jetzt in Zusammenarbeit mit Forschern des Max-Delbrück-Centrums
für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch sowie der Universität von Iowa (USA)
bei Laborratten Toleranz mit embryonalen Stammzellen von Ratten erzielen
können. Die Forschungsarbeit von Prof. Fändrich und Dr. Michael Bader sowie Dr.
Bert Binas (beide MDC) hat jetzt das renommierte Fachblatt Nature Medicine
(Vol. 8, Nr. 2, 2002, pp. 171-178)* veröffentlicht. Noch haben die
Wissenschaftler nicht genau klären können, wie die Abstoßung durch das
Immunsystem der Tiere verhindert wird. Sie sehen aber in dieser Methode einen
vielversprechenden Ansatz, künftig Toleranz bei Organtransplantationen zu
erzeugen.
Die Wissenschaftler haben Stammzellen von so genannten Wistar-Kyoto-Ratten auf Laborratten eines anderen Stamms, kurz DA genannt, übertragen. Das Immunsystem der DA-Tiere stieß die übertragenen Stammzellen nicht ab. Nach sieben Tagen pflanzten die Forscher den Tieren, die zuvor die embryonalen Rattenstammzellen erhalten hatten, ein Herz in die Bauchhöhle ein, das ebenfalls von Wistar-Kyoto-Ratten stammte. Bei rund 70 - 80 Prozent der Tiere schlugen die transplantierten Herzen nach Aussage von Prof. Fändrich länger als 100 Tage, ohne dass Abstoßungsreaktionen beobachtet worden waren.
Beide Transplantate - sowohl die embryonalen Stammzellen als auch die Herzen stammen von ein und demselben Rattenstamm, den Wistar-Kyoto- Ratten, sie sind also immunologisch identisch. Weshalb aber das Immunsystem der Organempfängerratten weder die embryonalen Stammzellen noch das transplantierte Herz abgestoßen haben, ist, so die Wissenschaftler, nicht völlig verstanden.
Mitentscheidend ist bei diesem Prozess jedoch nach Auffassung der Forscher ein Protein, das sie auf der Oberfläche der von ihnen eingesetzten embryonalen Rattenstammzellen nachweisen konnten. Dieses Protein, in der Fachsprache Fas ligand (FasL/CD95) genannt, befindet sich normalerweise auf der Oberfläche bestimmter Immunzellen, den aktivierten T-Zellen und Killerzellen. Es spielt eine Schlüsselrolle bei der Immunantwort. Die Forscher weisen zugleich darauf hin, dass bei diesem Ansatz das umstrittene “therapeutische Klonen” entfallen könnte, das bisher für zukünftige Therapien mit Zellpräparaten aus menschlichen embryonalen Stammzellen für notwendig erachtet werde. Eine Abstoßung dieser Implantate könnte, so die Forscher weiter, durch vorherige Injektion undifferenzierter embryonaler Stammzellen verhindert werden.
*
Preimplantation-stage stem cells induce allogeneic graft tolerance without
supplementary host conditioning FRED FAENDRICH1, XIONGBIN LIN1,
GUI X. CHAI2,5, MAREN SCHULZE1, DETLEV GANTEN2; MICHAEL BADER2, JULIA HOLLE1,
DONG-SHENG HUANG1, REZA PARWARESCH3, NICHOLAS ZAVAZAVA4, & BERT BINAS2,6 1Department of General Surgery
and Thoracic Surgery, Christian-Albrechts-University (CAU), 24105 Kiel, Germany 2 Max-Delbrück-Center for
Molecular Medicine (MDC), 13092 Berlin, Germany 3 Institute of Hematopathology,
CAU, 24105 Kiel, Germany 4 University Iowa Hospitals and
Clinic & VA Medical Center, Iowa City 5 Present Address: BML 116,
Pathology Department, Yale University School of Medicine, New Haven, CT 06520-8023, USA 6 Present Address: Department of
Veterinary Pathobiology, College of Veterinary Medicine, Texas A&M University, Texas 77843-4467, USA F.F. and X.L. equally contributed to this
study.
Barbara Bachtler
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