Nr. 33/8. November 2002
Angeboren? Anerzogen? – Zwillingsstudien geben Antwort
Das Berliner Zwillingsregister
Zwillingsstudien sind nach Auffassung von Wissenschaftlern
eine geeignete Methode, um das Wechselspiel zwischen angeborenen Veranlagungen
und Umwelteinflüssen zu untersuchen. Die Kombination von Zwillingsstudien mit
modernen molekulargenetischen Methoden liefert wertvolle Informationen über die
genetischen Grundlagen komplexer Charakterzüge und häufiger Krankheiten. Darauf
haben jetzt Dorret Boomsma (Universität Amsterdam, Niederlande), Andreas
Busjahn (HealthTwiSt und Franz-Volhard-Klinik der Charité, Berlin-Buch) sowie
Leena Peltonen (Universität von Helsinki, Finnland) in einem Übersichtsbeitrag
für die renommierte Fachzeitschrift Nature Reviews Genetics (November 2002,
Vol. 3, No. 11, pp.872-882)* hingewiesen. Um die Aussagekraft der Studien zu
steigern, werden große Datenmengen von Zwillingen und ihren Verwandten
benötigt. Dafür stehen weltweit große Zwillingsregister mit unterschiedlichen
Studienschwerpunkten zur Verfügung. Eines davon ist das Berliner
Zwillingsregister mit Daten von über 900 Zwillingen.
Eineiige Zwillinge sind genetisch identisch, sie besitzen exakt die gleichen Erbanlagen. Zweieiige Zwillinge hingegen stimmen durchschnittlich zu 50 Prozent in ihren Erbanlagen überein, das ist mehr als die Übereinstimmung in den Erbanlagen bei normalen Geschwistern. Sowohl eineiige als auch zweieiige Zwillinge sind aber den gleichen Umwelteinflüssen, wie dem Lebensstil der Familie, ausgesetzt. “Auftretende unterschiedliche Merkmale lassen sich deshalb”, so die Wissenschaftler, “auf den Einfluss der Gene zurückführen.” Die Analyse einzelner Gene liefere deshalb noch genauere Informationen. Zwillinge hätten gegenüber Geschwistern, die keine Zwillinge sind, außerdem den Vorteil, dass sie gleich alt sind. Das sei vor allem bei Charakterzügen und biologischen Merkmalen, die altersabhängig sind, von Bedeutung und könne in Zwillingsstudien deshalb sehr gut untersucht werden.
Die für die Studien benötigten Datenmengen von Zwillingen werden weltweit in Zwillingsregistern gesammelt und ständig aktualisiert. Bedeutende Register mit unterschiedlichen Studienschwerpunkten befinden sich unter anderem in den skandinavischen Ländern, in Großbritannien, den USA, den Niederlanden, Australien und Deutschland. Zwei Schwerpunkte des Berliner Zwillingsregisters sind Untersuchungen des Herz-Kreislaufsystems und die Suche nach gesundheitlich relevanten Persönlichkeitsmerkmalen. Für die Stressverarbeitung (engl.: coping) konnten die Berliner sowohl die Bedeutung genetischer Einflüsse als auch den Einfluss des familiären Umfeldes nachweisen.
*CLASSICAL
TWIN STUDIES AND BEYOND Nature Reviews Genetics, November 2002, Vol.
3, No 11, pp.872-882 Dorret Boomsma1, Andreas Busjahn2
& Leena Peltonen3 1Department of Biological
Psychology, Vrije Universiteit, Van der Boechorststraat 1, 1081 BT Amsterdam,
The Netherlands. 2HealthTwiSt
and Franz-Volhard-Clinic of the Charité, Wiltbergstrasse 50, 13125 3Departments of Medical Genetics
and Molecular Medicine, University of Helsinki and National Public Health
Institute, Biomedicum, Haartmaninkatu 8, 00290 Helsinki, Finland.
Barbara Bachtler
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