Nr. 55/11. Dezember 2003

S p e r r f r i s t: Donnerstag, 11. Dezember 2003, 13.00 Uhr

Was denkt der Bürger über die Stammzellforschung?

Bürgerkonferenz unter Schirmherrschaft von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse

In einem Grußwort zum Auftakt der Bürgerkonferenz über Stammzellforschung am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die Absicht des Europäischen Parlaments kritisiert, ab 2004 die Forschung mit Embryonen fördern zu wollen. Er sei froh, dass in Deutschland ein breiter Konsens darüber bestehe, dass Forschungsinteressen in der Bioforschung nicht höher bewertet werden dürfen als die Würde und das Lebensrecht menschlicher Embryonen. „Vor diesem Hintergrund habe ich kein Verständnis für das Votum des Europäischen Parlaments, die so genannte ‚verbrauchende‛ Embryonenforschung ab 2004 zu fördern“, schreibt er weiter. Zugleich sprach er die Hoffnung aus, dass die Europäische Union von diesen Planungen noch abrücke und die deutsche Auffassung in dieser Frage nicht unterhöhle. Thierse ist Schirmherr für die von MDC und vom Forschungszentrum Jülich (FZJ) gemeinsam veranstaltete Tagung.

„Die Ansichten zur Forschung mit embryonalen Stammzellen aus Politik und Wissenschaft sind bekannt, nicht zuletzt durch das jüngste Scheitern der Beratungen der EU-Forschungsminister“, sagte Dr. Christof Tannert, Leiter der Arbeitsgruppe „Bioethik und Wissenschaftskommunikation“ am MDC. „Was aber denkt der Bürger?“ Dieser Frage versuchen er, seine Mitarbeiter und Dr. Peter Wiedemann (FZJ) mit dem Instrument der Bürgerkonferenz nachzugehen. Prof. Detlev Ganten, MDC-Stiftungsvorstand und Mitglied im Nationalen Ethikrat, begrüßte diese Initiative. „Fragen der Bioethik und der Wissenschaftskommunikation spielen eine wichtige Rolle im Forschungsbereich Gesundheit der Helmholtz-Gemeinschaft“. Dazu gehöre auch die molekulare Medizin. Deshalb sei eine bioethische Forschungsgruppe am MDC und deren enge sozialwissenschaftliche Kooperation mit dem FZJ von besonderer Bedeutung. An der Auftaktveranstaltung nahmen Staatssekretär Wolf-Michael Catenhusen (Bundesforschungsministerium) sowie die Philosophen Prof. Julian Nida-Rümelin (Universität Göttingen) und Prof. Christian Kummer (Hochschule für Philosophie München, Philosophische Fakultät S.J.) teil. Am 15. März 2004 soll das Ergebnis der Konferenz, das „Bürgervotum zur Stammzellforschung“, der Öffentlichkeit und dem Deutschen Bundestag übergeben werden.

Die Bürgerkonferenz ist laut Dr. Tannert nach dem Modell der so genannten Konsensuskonferenzen organisiert. „Einer Untersuchungskommission ähnlich, wird dabei ein mit einem bestimmten Thema und im rationalen Diskurs geschultes Laienforum Experten zur Anhörung bitten, um auf der Basis des Gelesenen, Gehörten und Diskutierten ein Abschlussvotum zu verfassen“. Über mehrere Wochenenden hinweg diskutieren und bewerten die Bürgerinnen und Bürger die ethischen und gesellschaftlichen Aspekte der Stammzellforschung intern und mit Fachleuten, bevor sie ihr „Bürgervotum zur Stammzellforschung“ formulieren.

An der Bürgerkonferenz zur Stammzellforschung im MDC nehmen 19 Bürgerinnen und Bürger teil. Sie wurden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Dazu hatte die MDC-Arbeitsgruppe 14 000 Bürger in Berlin, Petershagen und Bernau (beide in Brandenburg) angeschrieben. Knapp 500 hatten geantwortet. Daraus wurden die jetzigen Teilnehmer ausgelost. Es sind neun Frauen und zehn Männer, von der Studentin bis zum Kapitän, von der Angestellten bis zum Juristen, im Alter von unter 30 bis über 50 Jahren.

„Die Ergebnisse dieses Bürgerbeteiligungsverfahrens sind nicht repräsentativ im statistischen Sinne“, räumte Dr. Tannert ein. „Sie sollen die bisher von Wissenschaftlern und Medien dominierte Diskussion um die lebensweltlichen Erfahrungen und Sichtweisen von Laien ergänzen und somit ein wichtiges und nicht überhörbares Element des gesellschaftlichen Diskurses werden.“

Der Auftaktveranstaltung schließt sich vom 12. bis 14. Dezember eine Klausurtagung an. Es folgen weitere Klausurtagungen im Januar/Februar. Am 12. und 13. März 2004 wird es eine öffentliche Expertenanhörung der Bürgerkonferenz geben, am 14. März wird das „Bürgergutachten zur Stammzellforschung“ formuliert und am 15. März der Öffentlichkeit übergeben. Erster Adressat wird der Deutsche Bundestag und dessen Präsident sein.

 

Weitere Informationen:

Dr. Christof Tannert

Leiter der Arbeitsgruppe „Bioethik und Wissenschaftskommunikation“

Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch

Robert-Rössle-Str. 10

13125 Berlin

Tel: +49/30/94 06 – 22 03

Fax:+49/30/94 06 – 21 58

e-mail: tannert@mdc-berlin.de

http://www.bioethik-diskurs.de/

 

Barbara Bachtler
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