Nr. 27/4. Juni 2008
Mutationen lösen schwere Herzmuskelerkrankung aus
Beim gesunden Herz sind die linke (rechts oben – linker Ventrikel, LV) und die rechte Herzkammer (links oben) sowie ihre Vorhöfe von kompaktem Muskelgewebe umgeben. (Aufnahme: Sabine Klaassen/ Copyright: MDC)
Erkrankt ein Mensch an LVNC, so ragt schwammartiges Muskelgewebe in die linke Herzkammer (rechts oben mit Pfeilen markiert) und beeinträchtigt die Pumpleistung des Herzens. (Aufnahme: Sabine Klaassen/ Copyright: MDC)
Mutationen in drei Genen, die für das Zusammenziehen des
Herzens wichtig sind, können eine spezielle Form der Herzmuskelerkrankung, die Linksventrikuläre
Noncompaction (LVNC), auslösen. Das haben jetzt Dr. Sabine Klaassen, Susanne
Probst und Prof. Ludwig Thierfelder vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare
Medizin (MDC) Berlin-Buch, Prof. Erwin Oechslin (Adult Congenital Cardiac
Centre, Toronto, Canada) und Prof. Rolf Jenni (Cardiovascular Center, Zürich,
Schweiz) herausgefunden. Bei dieser Erkrankung ist das Muskelgewebe der linken
Herzkammer schwammartig verändert und ragt in die Herzkammer hinein. Das kann
die Pumpleistung des Herzens stark beeinträchtigen. Unter 63 Patienten, die an LVNC
leiden, fanden die Wissenschaftler elf Patienten (17 Prozent), bei denen einzelne
dieser Herzmuskelgene mutiert sind. Die Forscher vermuten, dass diese genetischen
Veränderungen die schwere Herzerkrankung auslösen. In Zukunft können Gentests
Aufschluss darüber geben, ob Familienmitglieder von Betroffenen die Mutationen ebenfalls
tragen und somit an LVNC erkranken können. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt
in der Fachzeitschrift Circulation (2008,
Vol. 117, pp. 2893-2901)* erschienen.
Der Herzmuskel lässt das Herz 70-mal in der Minute schlagen und versorgt auf diese Weise den gesamten Körper mit Sauerstoff und Nährstoffen. Erkrankt der Herzmuskel, können Herzrhythmusstörungen und Herzschwäche (Herzinsuffizienz) bis hin zu Herzversagen die Folge sein.
Bei der erst vor wenigen Jahren entdeckten Erkrankung LVNC ähnelt die linke Herzkammer der eines Embryo. Da die Erkrankung zudem schon bei Kleinkindern auftreten kann, nahmen Wissenschaftler an, dass es sich um eine Entwicklungsstörung des Herzmuskelgewebes handelt. Dr. Klaassen und ihre Kollegen konnten jedoch zeigen, dass die Krankheit genetisch bedingt und somit ein Erbleiden ist. Sie betrifft Gene, deren Proteine für das Zusammenziehen und damit für die Pumpfunktion des Herzmuskels verantwortlich sind: die schwere Kette des Beta-Myosins, kardiales Aktin und Troponin T.
Die Wahrscheinlichkeit, dass betroffene Elternteile die Genmutationen an ihre Kinder weitergeben, liegt bei 50 Prozent. Das ergaben Untersuchungen einzelner Familien. „Gentests sind in diesen Familien deshalb sehr wichtig“, empfiehlt Dr. Klaassen. Denn fällt solch ein Gentest negativ aus, kann der Untersuchte sicher sein, nicht an LVNC zu erkranken. Fällt er jedoch positiv aus, ist die Aussage hingegen nicht so eindeutig. „Der Betroffene kann aufgrund des veränderten Herzmuskelgewebes eine Herzschwäche ausbilden“, so Dr. Klaassen. Eine Mutation in diesen Genen muss aber nicht zwangsläufig zu Herzmuskelschwäche führen. „So untersuchten wir eine Patientin, die auch mit 70 Jahren keine Krankheitssymptome zeigt, obwohl sie die Mutation aufweist“, berichtet die Kardiologin. „Offenbar beeinflussen andere genetische Faktoren, aber auch Umwelteinflüsse, wie zum Beispiel eine gesunde Lebensweise, die Ausprägung der Erkrankung.“
*Mutations in Sarcomere Protein Genes in
Left Ventricular Noncompaction Sabine Klaassen, MD1,2*; Susanne
Probst, MSc1*; Erwin Oechslin, MD3; Brenda Gerull, MD1,
Gregor Krings, MD2; Pia Schuler, MD4; Matthias Greutmann,
MD4; David Hürlimann, MD4; Mustafa Yegitbasi5,
MD; Lucia Pons, MD6, Michael Gramlich, MD1; Jörg-Detlef
Drenckhahn, MD1; Arnd Heuser, MD1, Felix Berger, MD2,5;
Rolf Jenni, MD4; Ludwig Thierfelder, MD1,7 1)Max-Delbrück-Center for Molecular Medicine, Berlin,
Germany; 2)Clinic of Pediatric Cardiology, Charité, Humboldt
Unversity Berlin, Germany; 3)Adult Congenital Cardiac Centre at
Peter Munk Cardiac Centre, University Health Network/Toronto General Hospital,
Toronto, Canada; 4)Cardiovascular Center, Division of
Echocardiography, University Hospital Zürich, Zürich, Switzerland; 5)Department
of Congenital Heart Defects/Pediatric Cardiology, German Heart Institute
Berlin, Berlin, Germany; 6)Ospedale Regionale di Mendrisio Beata
Vergine, Mendrisio, Switzerland; 7)Helios Clinic Berlin-Buch, Charité,
Humboldt University Berlin, Germany
Barbara Bachtler
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