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„Als Feigenblatt instrumentalisiert“

Die betrügerischen Geschäfte von Raubverlagen haben in den letzten Wochen Schlagzeilen gemacht. Warum sie die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in der Gesellschaft gefährden, erklärt Professor Martin Lohse, Wissenschaftlicher Vorstand des MDC, im Interview.

Warum sind Publikationen in Raubverlagen oder die Teilnahme an einer solchen Konferenz problematisch?

Da kommen zwei Aspekte zusammen. Zum einen wird vorgespielt, dass die Publikationen ordentlich begutachtet und die Sprecherinnen und Sprecher bei Konferenzen entsprechend ausgewählt werden. Das wäre ein Niveau an Wissenschaft, das wir als normal empfinden. Eine solche Begutachtung findet aber gar nicht statt. Zum anderen begibt man sich in Gesellschaft von Dingen, die höchst fragwürdig sind. Es können sich hanebüchene Vorträge mit fundierten Erkenntnissen abwechseln, unwissenschaftliche neben wissenschaftlichen Publikationen stehen. Hier wird man als Feigenblatt instrumentalisiert, um alles unter die Leute bringen zu können.

Prof. Martin Lohse

Das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft könnte darunter leiden.

Insbesondere für Nicht-Fachkundige besteht das Risiko, dass sie gute Wissenschaft praktisch nicht mehr von nicht so guter Wissenschaft oder Unfug unterscheiden können. Für Laien wird es so schwieriger, eine Grenze zu ziehen. Das ist der wesentliche Grund, warum wir uns gegen die Machenschaften der Raubverlage zur Wehr setzen müssen.

Ist das MDC betroffen?

Am Anfang haben wir die Excel-Tabellen mit den Datensätzen aus der journalistischen Recherche überprüft, dabei das MDC nicht gefunden und aufgeatmet. Aber inzwischen mussten wir uns eingestehen, dass es doch einige unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler getroffen hat. Sowohl bei einzelnen Publikationen als auch bei Konferenzteilnahmen.

Fällt vor allem der wissenschaftliche Nachwuchs darauf rein?

Nein, das kann man so nicht sagen. Es geht durch die Bank, von profilierten Forscherinnen und Forschern bis zu unerfahrenen. Das Vorgehen dieser Raubjournale ist dafür offenbar geschickt genug. Man muss sehr genau hinschauen.

Wie reagiert das MDC?

Wir machen nachdrücklich auf das Problem aufmerksam – nicht erst seit dem Dossier von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Das Thema ist seit Jahren in der Wissenschaft bekannt, es gab zum Beispiel im Jahr 2016 eine gemeinsame Stellungnahme der Wissenschaftsakademien von Deutschland, Frankreich und England. Außerdem gibt es ja Fachleute des Publikationswesens, die Bibliothekare. Sie haben Listen von Journalen, in denen das Publizieren in Ordnung ist.

Die Raubverlage missbrauchen eine gute Idee: Open Access.

Diese Idee wollen wir weiterhin fördern. Schließlich sind die Abo-Gebühren, die große Verlage wie Elsevier verlangen, auch in gewisser Weise „Raub“. Diese Verlage hatten früher eine große Bedeutung, aber ihre Preise sind bis ins Unverschämte gestiegen. Deshalb übernimmt die Bibliothek seit 2018 über den Publikationsfond die Publikationsgebühren für sämtliche Artikel in Open-Access-Zeitschriften, die von Autoren des MDC veröffentlicht werden. Ausdrücklich ausgenommen sind aber die Raubjournale!

Die Rolle der Bibliotheken wandelt sich. Bislang haben sie darüber entschieden, welche Zeitschriften abonniert werden und damit waren diese Zeitschriften interessant, um darin zu publizieren. Für „Open Access“ brauchen wir nun eine Qualitätskontrolle der Zeitschriften. Wir sollten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern raten, nur in Journalen zu publizieren, die wir für anständig halten. Alles andere können wir ja auch nicht in Evaluationen und ähnliches einbeziehen.

Was ist mit den Konferenzen?

Das ist etwas schwieriger, denn es gibt ein Kontinuum zwischen vollkommenem Unsinn und exzellenten Veranstaltungen. Vor allem über gutes Mentoring müssen wir darauf achten, dass junge Leute nicht in die falschen Konferenzen geraten. Es gibt in fast allen Feldern führende Konferenzen, wo man hinfährt und wo man die entscheidenden Experten hören kann. Ich finde es sehr wichtig, dass Arbeitsgruppenleiterinnen und -leiter darauf hinweisen: Dort lernt ihr am meisten. Dort bekommt ihr auch die größte Resonanz auf das, was ihr vorstellt.

Andererseits versuchen dubiose Veranstalter, besonders prominente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu ködern, um das Renommee ihrer Konferenzen zu steigern. Darauf kann man leicht reinfallen.

Angenommen man merkt am Anfang einer Konferenz plötzlich, dass etwas nicht stimmt: Was sollte man tun?

Wenn es wirklich offensichtlich ist, sollte man die Teilnahme abbrechen und dem Organisator sagen, dass man nicht mit dieser Sache assoziiert werden will. Im Zweifelsfall müsste sich das MDC insgesamt dafür einsetzen. Andererseits gibt es auch bei anständigen Konferenzen ein Kontinuum. Man sollte sicher nicht gleich abreisen, weil man von den ersten Vorträgen gelangweilt ist.

Weiterführende Informationen

Stellungnahme der Akademien zu Pseudoverlagen (PDF)
Richtlinien und Hinweise der MDC-Bibliothek
Open Science am MDC
ORION Project on Open Science
Think. Check. Attend.
Think. Check. Submit.