Klaus Rajewsky in the lab

Das „kleine Universum“ als vorbildliches Labor - Klaus Rajewsky erinnert sich an über 50 Jahre herausragende Forschung und die Laborkultur, die sie ermöglichte

In einem Interview spricht Klaus Rajewsky über die Erfahrungen, die ihn und mehr als fünf Jahrzehnte Forschung geprägt haben. Er erläutert, worauf es bei exzellenter Wissenschaft ankommt und erzählt von den wichtigsten Lektionen, die er in Harvard und am MDC gelernt hat.

In den frühen 1960er-Jahren begann Klaus Rajewsky das aufzubauen, was er später als „kleines Universum“ bezeichnen sollte: die Abteilung für Immunologie am Kölner Institut für Genetik. 38 Jahre lang forschte er dort. Die Abteilung für Immunologie ist beispielhaft dafür, wie vor dem Hintergrund von sich wandelnden Konzepten, Technologien und wissenschaftlichen Laufbahnen herausragende Forschung betrieben werden kann. Sie brachte Generationen von Wissenschaftlern hervor, die später führend auf ihren jeweiligen Gebieten wurden. Die Wissenschaftskultur in Klaus Rajewskys Labor war so prägend und inspirierend, dass viele dieser Koryphäen noch heute in engem Kontakt mit ihrem ehemaligen Mentor stehen und nach seinem Vorbild ihre eigenen kleinen Universen aufbauen. Am 4. November dieses Jahres versammelt sich diese „wissenschaftliche Großfamilie“ am MDC, um Rajewskys 80. Geburtstag im Rahmen einer zweitägigen Veranstaltung zu feiern. Den Auftakt bildet am 4. November ein Symposium unter dem Titel „Mechanisms of Molecular and Cellular Immunity 1964-2016“. Am folgenden Tag werden die Feierlichkeiten im engeren Rahmen fortgesetzt: bei einem Symposium für geladene Gäste mit fünf Vorträgen unter dem Motto „New Scales“ in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und einem anschließenden Konzert und Abendessen.

In dem kürzlich geführten Interview spricht Klaus Rajewsky über die Erfahrungen, die ihn persönlich sowie mehr als fünf Jahrzehnte Forschung geprägt haben. Dabei erläutert er, worauf es seiner Ansicht nach bei exzellenter Wissenschaft ankommt. Er beschreibt die wichtigsten Lektionen, die er während seiner zehnjährigen Arbeit in Harvard und seit dem anschließenden Aufbau seines Labors am MDC gelernt hat, und erklärt, an welchen Werten die Wissenschaft auch in Zeiten sich schnell wandelnder Bedingungen festhalten sollte. 2013 veröffentlichte Klaus Rajewsky einen wunderbaren Rückblick auf seine Arbeit in Köln, der als Zeugnis dafür gelten kann, wie seine Grundhaltung bahnbrechende Erkenntnisse ermöglicht hat, sowohl über das Immunsystem als auch zu zahlreichen Krankheiten und zur Entwicklung neuer Gentechnologien.

In jüngster Zeit kamen einige biografische Spielfilme über Wissenschaftler heraus. Die meisten von ihnen beginnen mit einem zentralen, prägenden Ereignis in der Kindheit oder Jugend des Porträtierten. Wie sähe eine solche Szene bei Ihnen aus?

Ich glaube, sie müsste in einem Pariser Seminarraum in den frühen 1960er-Jahren spielen, bei einem der wöchentlich stattfindenden Seminare des Labors von François Jacob und Jacques Monod. Ihre wissenschaftliche Forschung zur Bakteriengenetik befand sich damals auf dem Höhepunkt. Der Raum war klein, aber das Seminar war immer so gut besucht, dass wir auf den Tischen und Fensterbänken saßen, rauchten und diese unglaublichen Diskussionen führten. Am Anfang gab es immer einen Vortrag, und dann fingen alle an, wild zu debattieren, wobei der Vortragende oft vergessen in der Ecke stand. Ich war für eine Postdoc-Stelle nach Paris gekommen und arbeitete zu LDH-Isoenzymen, die ich mittels Antikörper zu charakterisieren versuchte. Damals begann man gerade damit, Antikörper als Forschungsinstrumente einzusetzen, aber es war nur sehr wenig über ihre Herkunft und das Immunsystem insgesamt bekannt, und viele der Annahmen, die im Umlauf waren, erwiesen sich als falsch. Ganz kurz darauf wurde ich vollständig in dieses Thema hineingezogen, genau zu dem Zeitpunkt, als einige der sehr grundlegenden Konzepte der Immunologie ausgearbeitet wurden. Wegen meines Hintergrunds verstand ich nicht viel von den wissenschaftlichen Argumenten, die in diesem kleinen, verrauchten Seminarraum hin- und herflogen. Was mich jedoch nachhaltig beeindruckte, waren das immense intellektuelle Engagement und die Leidenschaft, die sich in diesem freien Diskussionsklima entfalten konnten. Diese Grundhaltung und Stimmung habe ich nie vergessen, und sie war prägend für meine Entscheidung, in Köln Mitglied eines molekularbiologischen Forschungslabors zu werden.

Wie würden Sie die Entwicklung des Kölner Instituts beschreiben?
Das Institut wurde von Josef Straub und Max Delbrück gegründet. Letzterer arbeitete damals am Caltech in den USA, und der Aufbau des Kölner Instituts orientierte sich stark an Delbrücks Forschungserfahrungen in den USA. Das gilt besonders für die Kultur der kleinen Labore mit ihrer eher informellen Atmosphäre und den flachen Hierarchien. Viele der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Professoren, die in Köln eingestellt wurden, kamen gerade von Postdoc-Stellen in den USA zurück. Das war damals eine sehr spannende Zeit, in der Postdocs aus der ganzen Welt zu uns kamen. Damals veranstaltete das Institut jährlich den berühmten Phagenkurs, aus dem später die Kölner Frühjahrstreffen hervorgingen. Eine ganze Generation zukünftiger Molekularbiologen in Deutschland nahm an dieser Veranstaltung teil. Meinen eigenen, sehr kleinen Forschungsbetrieb nahm ich innerhalb einer der Gruppen für Molekularbiologie im Institut auf – als Immunologe, der zwölf Kaninchenkäfige unter sich hatte. Innerhalb weniger Jahre wuchsen wir jedoch zu einer Abteilung für Immunologie heran und zu dem, was ich gerne unser „kleines Universum“ nenne. Obwohl wir in ein deutschsprachiges Umfeld eingebettet waren, entschieden wir uns schon früh für Englisch als Laborsprache. Das war wichtig, denn es kamen immer mehr internationale Postdocs zu uns, mit denen wir nur auf Englisch kommunizieren konnten. Vor diesem Hintergrund wurden wir eine eingeschworene Gruppe. Wir organisierten ein weit verzweigtes System wöchentlicher Diskussionsgruppen, in denen die verschiedenen Forschungsprojekte sehr detailliert erörtert wurden. Außerdem gab es auch außerhalb des Labors viele gemeinsame Freizeitaktivitäten. All das trug zu der sehr besonderen Arbeitsatmosphäre bei, durch die die spannende Forschung noch angenehmer wurde. Ich bin sicher, dass dies einer der Gründe dafür ist, dass so viele ehemalige Labormitglieder zugesagt haben, zum Treffen im November zu kommen.

Wie hat sich der Forschungsschwerpunkt des Labors im Laufe der Jahre entwickelt?
Ich begann, mich stark für Immunologie zu interessieren, weil dieses Feld mit so allgemeinen Themen wie Erinnerung, Selbst und Nicht-Selbst und Lernen zu tun hat. Ich hoffte durch die Beschäftigung mit dem Immunsystem Erkenntnisse in diesen Bereichen zu gewinnen. Als ich anfing, waren die T-Zellen noch nicht entdeckt. Antikörper galten als Schlüssel zur Immunität. Niels Jerne, einer meiner wissenschaftlichen Mentoren, entwickelte das Konzept eines idiotypischen Netzwerks von Antikörpern. Das war ein ziemlich philosophisches, aber auch faszinierendes Konzept, das auch das Gedächtnis und die Lernfähigkeit der Immunreaktion berücksichtigte. Wir investierten viel Zeit und Arbeit in diesen Ansatz, der sich, zumindest damals, als Sackgasse erwies. Das Netzwerk-Konzept konnte nicht wirklich halten, was es zu versprechen schien. Es traf nicht den Kern dessen, was das Immunsystem wahrscheinlich wirklich tat: Infektionen bekämpfen. Damals hielten wir das für eine irgendwie zu prosaische Betrachtungsweise! Einige der Wissenschaftler, die zu dem Symposium im November kommen, haben ihre Forschungsarbeit damals innerhalb dieses Ansatzes begonnen und wurden dann Zeugen der unglaublichen Umwälzungen im Denken und in den wissenschaftlichen Experimentierweisen, die es seither gegeben hat.

Eher „philosophische Ansätze“ haben zu unterschiedlichen Zeiten dazu geführt, dass bestimmte Fragen grundlegend anders betrachtet wurden – man denke beispielsweise an die frühe, konzeptionelle Arbeit zum Genom … Gibt es Ihrer Meinung nach heute Fragen, die von einer solchen eher abstrakten Betrachtungsweise profitieren könnten?
Ich denke, der wichtigste Unterschied zwischen damals und heute besteht darin, dass man damals nur sehr wenige Versuche durchführen konnte. Wir hatten einfach nicht die Mittel, um viele der Fragen experimentell zu untersuchen, an denen wir am meisten interessiert waren. Stattdessen gab es eine Tendenz, großartige Theorien zu präsentieren, die sich nicht experimentell überprüfen ließen. Das Modell der Bildung von Antikörpervielfalt durch somatische Mutation von Brenner und Milstein ist so ein Beispiel. Es wurde ohne experimentelle Belege in Nature veröffentlicht. Wenn man heute so eine Idee präsentieren will, muss man wissenschaftliche Belege dafür vorlegen. Heute gibt es so vieles, was sich experimentell machen lässt, dass es nicht mehr üblich ist, ungetestete Hypothesen zu veröffentlichen. Dieser Wandel hat mit den grundlegenden technologischen Fortschritten zu tun, die es uns ermöglicht haben, Molekularanalysen durchzuführen. Dadurch hat sich letztlich alles verändert, denn man hatte endlich Methoden, die stichhaltige Ergebnisse dazu lieferten, wie bestimmte Abläufe wirklich vonstattengingen. So konnte man beispielsweise damit beginnen, die somatischen Mutationen tatsächlich in den Genen zu identifizieren. Das erwies sich als so überwältigend erkenntnisreich, dass es unseren gesamten Ansatz umgekrempelt hat. Es war wirklich eine große, bedeutende Umwälzung.

In Ihrem Artikel beschreiben Sie noch eine weitere grundlegende Veränderung, an der Sie selbst unmittelbar beteiligt waren: die Einbeziehung der Genetik.
Das war ähnlich. Man muss sich vor Augen führen, dass 1963, als ich ans Institut für Genetik kam, die meisten Fortschritte in der Genetik von Forschungsgruppen erzielt wurden, die mit Bakterien und Bakteriophagen sowie mit Hefe arbeiteten. Ich war wirklich neidisch auf diese Erfolge. Aber in den Systemen, mit denen ich arbeitete, gab es fast keine Möglichkeiten, bis auf Zuchtexperimente mit genetisch unterschiedlichen Kaninchenstämmen – den Versuchstieren, mit denen meine Forschung begann – oder mit Mäusestämmen. Dann kam der Durchbruch mit den embryonalen Stammzellen und der Möglichkeit, sie genetisch zu manipulieren. Als Immunologe am Institut für Genetik wurde mir schnell klar, dass dies die Forschungsrichtung war, die ich einschlagen musste, und so fingen wir sofort damit an, die beiden Welten auf diese Weise zu vereinen. Wir hatten das große Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – wie viele andere natürlich auch. Als wir mit unserer Arbeit begannen, war nicht klar, dass sich die Dinge so entwickeln würden.

Sie sind sehr lange in Köln geblieben, fast bis zu Ihrer Zwangspensionierung. Heute ist es eher ungewöhnlich, als hochgradig erfolgreicher Wissenschaftler so lange am selben Institut tätig zu sein.
Das ist richtig. Es gab eine Reihe von Gründen, weshalb es so gekommen ist. Da war zum einen der Charakter des Instituts, der damals vollkommen untypisch war. Das wiederum lag zum Teil an den Werten, die Max Delbrück dazu brachten, es auf genau diese Weise aufzubauen. Ein weiterer Grund waren die Menschen, die das Institut anzog, darunter viele unabhängige Denker und unorthodoxe Persönlichkeiten, die nicht in den herkömmlichen universitären Strukturen hätten arbeiten wollen, die damals in Deutschland üblich waren. Das Institut bot also die Chance, auf vielen Ebenen mit spannenden Leuten in Kontakt zu kommen. Ich denke, dass ich vor allem aus diesen Gründen so lange dort geblieben bin. Im Laufe der Jahre bekam ich einige sehr interessante Angebote, und einige davon hätten das Institut in Geld schwimmen lassen. Wir wurden in Köln von der DFG finanziert und mussten unsere eigenen Fördermittel einwerben. Darunter habe ich jedoch nie gelitten. Wir standen nie vor wirklich bedrohlichen finanziellen Engpässen. Heute würde so etwas höchstens in einem Rahmen wie dem der Helmholtz-Gemeinschaft oder der Max-Planck-Gesellschaft funktionieren, aber irgendwie haben wir das damals hingekriegt. Der Weg, für den ich mich entschied, gab mir die Möglichkeit, mich einen Großteil meiner Zeit mit Experimenten zu beschäftigen, Daten zu interpretieren und mit Menschen zu sprechen. Ich war niemals Dekan, nie im Senat der DFG und ich hatte auch keine vergleichbare Stellung an der Universität. Natürlich gab es Angebote, aber irgendwann hörte man auf, an mich heranzutreten. Es gab eine Art stille Übereinkunft, dass dies im beiderseitigen Interesse ist.

Viele Wissenschaftler arbeiten in überlieferten Strukturen, die oft noch aus einer Zeit kommen, in der wissenschaftliche Arbeit anders aussah. Heute verändert sich der Arbeitsalltag in Laboren wie dem Ihren ungeheuer schnell. Denken Sie, dass hier eine andere Art von Wandel vonnöten ist, um die Forschungsqualität zu verbessern?
Der aktuelle Trend der „Big Data“ ist natürlich sehr bedeutend und erfordert einige Änderungen in der Art der Zusammenarbeit. Ich denke jedoch, dass man am produktivsten Wissenschaft betreiben kann, wenn man eine Gruppe geistig ebenbürtiger Forscher zusammenbringt, die gerne miteinander arbeiten und diskutieren. Rückblickend muss ich sagen, dass das immer die entscheidende Komponente in meiner wissenschaftlichen Laufbahn war. In Köln hatten wir irgendwann eine Gruppe von Leuten – eine richtige „Truppe“ – die absolut herausragend und höchst inspirierend war. Wir hatten es geschafft, über den Punkt hinauszukommen, dass Kritik als persönlicher Angriff gewertet wurde. Das konnte nur funktionieren, weil wir eine wissenschaftliche Mentalität etabliert hatten, die ganz auf Offenheit setzte und auch unverblümte Debatten über die aktuellen Themen zuließ. Es war großartig, und ich denke, dass dieser ganz besondere Ansatz, Menschen zusammenzubringen, ein wesentliches Element jedes wissenschaftlichen Tuns und das wichtigste Mittel ist, eine wissenschaftliche Weiterentwicklung zu sichern. Es ist immer gut, Menschen um sich zu haben, die den Mund aufmachen und einen herausfordern. Wenn ich eine Stelle zu besetzen habe, wähle ich immer die bestqualifizierte Person aus, die am eigenständigsten denkt. An einer Einrichtung wie der Harvard Medical School, an der die absoluten Top-Leute aus China, Indien und ganz Europa arbeiten wollen, ist das einfach. In Deutschland ist es nicht überall selbstverständlich. Das liegt an verschiedenen Faktoren, die mit dem Umfeld zu tun haben. Ich weiß nicht, warum es damals in Köln so gut funktioniert hat, aber mit der Zeit haben wir unglaublich gut qualifizierte Leute aus Amerika, Japan und Europa angezogen … Die sind einfach zu uns gekommen.

Die wissenschaftliche Karrierelandschaft hat sich mittlerweile auf teils besorgniserregende Weise verändert. Wie sehen Sie die derzeitige Situation?
Während meiner Zeit in Köln gab es noch überall Wachstum, und diese Expansion bot sehr viel mehr Karrierechancen in der Wissenschaft. Wenn ich mir die Leute ansehe, die einmal in meinem Labor mitgearbeitet haben, dann sehe ich unter ihnen über 80 Leiter von akademischen Forschungsgruppen, zahlreiche Wissenschaftler, die in der Wirtschaft erfolgreich sind und so weiter. Sehr wenige sind ganz aus dem Wissenschaftsbetrieb „verschwunden“. Als ich in Boston war, bekam ich eine Anfrage, Vorträge vor zwei deutschen Graduiertenprogrammen zu halten, die beide extrem anspruchsvolle Aufnahmebedingungen hatten und sehr selektiv waren. Ich hatte dabei Gelegenheit, gemeinsam mit den Studenten zu Mittag zu essen, wobei wir über ihre Karrierepläne sprachen. Die große Mehrheit hatte nicht vor, im Wissenschaftsbetrieb zu bleiben. Das zeigt, wie sehr sich die Dinge geändert haben. Die Gründe, die diese Studenten anführten, waren der riesige Zeit- und Arbeitsaufwand, der nötig wäre, um sich in einem derart umkämpften Bereich durchzusetzen, in dem die Chancen auf eine feste Stelle letzten Endes sehr schlecht waren. Ich war vollkommen schockiert. Die Studenten in meinem Graduiertenprogramm in den USA hätten meine Frage nach ihren Zukunftsplänen ganz anders beantwortet. Als ich mit 64 Jahren in die USA umsiedelte, machte ich sehr viele neue Lernerfahrungen. Die Mentalität dort ist eine ganz andere. In den USA betrachtet man es als selbstverständlich, dass man seine berufliche Laufbahn von Anfang bis Ende selbst in die Hand nimmt. Man bewirbt sich für die beste Graduate School und das beste Labor für seine Dissertation, arbeitet dann als Postdoc in einem Spitzen-Labor und baut dann an einer prestigeträchtigen Institution sein eigenes Labor auf. Das alles geschieht in eigener Verantwortung und im Rahmen der eigenen Fähigkeiten. Hier dagegen erwarten viele, dass man sich um sie kümmert. Das System drüben legt auch einen breiteren Schwerpunkt auf Lehre und Bildung, um sicherzustellen, dass die Studenten wirklich die Fähigkeiten erwerben, die sie für eine erfolgreiche Laufbahn brauchen. Dagegen haben beispielsweise viele der ausländischen Studenten, die nach Deutschland kommen, keine ausreichenden englischen Sprachkenntnisse oder eine ungenügende Schreibkompetenz. Ihnen fehlen also Fähigkeiten, die sie ständig brauchen, aber sie werden diesbezüglich weder gefordert noch gefördert. Ich fände es sinnvoll, wenn die Studenten verpflichtet wären, halbjährliche Arbeitsberichte einzureichen, in denen sie ihre Daten präsentieren und ihre Fortschritte mitverfolgen, sodass sie wissen, wo sie stehen und ob sie in der Lage sind, sich schriftlich auszudrücken. Sie hätten dann am Ende viel weniger Schwierigkeiten mit der eigentlichen Dissertation, denn sie bräuchten nur alles zusammenzustellen und wären sich ihrer Arbeitsfortschritte die ganze Zeit über bewusst.

Mit den Jahren sammelt sich ein riesiger wissenschaftlicher Erfahrungsschatz an. Hat sich Ihre Art zu denken oder an Probleme heranzugehen dadurch irgendwie verändert?
Ich denke, vor allem ändert sich etwas in Bezug auf die verschiedenen Handlungsentscheidungen, die man trifft. Man versucht, so effizient wie nur möglich zu sein. Ich merke das, wenn ich einen Text schreibe. Dabei möchte ich nicht meine Zeit mit zehn verschiedenen Fassungen vergeuden. Je älter man wird, desto wichtiger wird diese Art von Effizienz. Mir war es immer wichtig, mich gegen allzu viele Engagements abzugrenzen und mir ungestörte Zeit zu sichern, und das wird mittlerweile anstrengender. So habe ich beispielsweise meinen Sekretärinnen nie gestattet, einen echten Terminplan für mich zu machen, weil ich nicht zum Sklaven meines Kalenders werden wollte. Das ist mittlerweile anders, aber ich versuche immer noch, mir ein gewisses Maß an Zeit frei zu halten.

Was bedeutet dieses Effizienzkonzept für die Entscheidungen zur Ausrichtung Ihrer Forschung? Wie unterscheidet sich eine Forschungsfrage, die Sie für interessant und einer Untersuchung würdig halten von anderen, die Sie weniger interessieren? 

Früher hätte ich mich wahrscheinlich eher breiter gefassten, zeitaufwändigeren Themen gewidmet. Mittlerweile bin ich vielleicht … realistischer? Ich neige eher zu Projekten, von denen ich denke, dass sie sich in absehbarer Zukunft abschließen lassen. Außerdem glaube ich, dass es in der Wissenschaft wichtig ist, etwas aufzugeben, wenn man merkt, dass es nicht funktioniert. Darüber hat auch Hans Clevers kürzlich etwas geschrieben, über die Wichtigkeit, den richtigen Moment zum Ausstieg zu finden, wenn etwas nicht funktioniert, sodass man sich auf Dinge konzentrieren kann, die zu Ergebnissen führen. Dahinter steht eine sehr grundlegende Erkenntnis: Die Natur lässt sich nicht vorausberechnen. Es ist daher nur folgerichtig, dass immer wieder Ansätze in der Sackgasse enden.

Für junge Nachwuchswissenschaftler stellt sich dadurch ein Problem: Alles ist machbar. Es gibt Hunderte Möglichkeiten, Tausende von Datensätzen zu erheben. Das führt manche Leute zu der Annahme, ein Ziel ihrer Arbeit könnte darin bestehen, „Ressourcen“ zu schaffen. Das kann eine gute Sache sein, aber man sollte sich schon zu Anfang überlegen, wobei – bei der Lösungwelcher biologischen Fragestellung – diese Datenressource konkret helfen soll. Und man sollte sich darüber im Klaren sein, dass viele dieser Ressourcen nie genutzt werden.

Als wir vor Jahrzehnten Techniken zur Gensequenzierung von Antikörpern in Einzelzellen entwickelten, taten wir das, um die Affinitätsreifung der Antikörper in Keimzentren und die Entstehung von B-Zell-Lymphomen und Morbus Hodgkin zu verstehen. Und das Cre/loxP-vermittelte konditionale Gene-Targeting bot uns eine Möglichkeit, die Funktion von Schlüsselgenen in bestimmten Zelluntergruppen im Immunsystem und darüber hinaus aufzuklären.

Was in Ihrer Karriere erfüllt Sie rückblickend am meisten mit Stolz?
Zum einen ist das sicherlich der Ansatz, mit dem wir die Abteilung für Immunologie am Institut in Köln aufgebaut haben und den ich dann in den USA und nun wieder in Deutschland fortgeführt habe: diese Idee, einen Rahmen zu schaffen, ein Umfeld für intelligente Köpfe, die gerne miteinander reden und einander intellektuell herausfordern und dabei die Grundsätze guter Wissenschaft berücksichtigen. Ein bisschen von dieser Stimmung werden wir im November erleben, wenn etwa 150 Menschen, die einmal in diesem Labor tätig waren, hier zusammentreffen und die Art von Gesprächen fortsetzen, die sie seit vielen Jahren führen.

Leseempfehlung

Praktisch alles, was heute am MDC vor sich geht, kann bis zur Geburt der molekularen Biologie in den 1960er Jahren zurückverfolgt werden – eine Ära, die geprägt war von leistungsfähigen Konzepten und den Vorläufern der heutigen großartigen Technologien. Wir haben mit Klaus Rajewsky einen Augenzeugen dieser frühen Zeit unter den Beschäftigten des MDC. Und viel mehr als ein bloßer Beobachter, hat Rajewsky das Feld auch mitgestaltet. Er ist weltberühmt als Pionier der modernen Immunologie und hat die konditionalen Mutagenese entwickelt – eine Methode, die in allen großen Laboren weltweit verwendet wird. Seine Gruppe am MDC arbeitet weiter an bahnbrechenden Entdeckungen über das Immunsystem und die neuesten gentechnischen Werkzeuge.

2013 hat Klaus Rajewsky einen ausführlichen Bericht über seine wissenschaftliche Arbeit geschrieben, den jeder lesen sollte, der Interesse an Wissenschaft hat. Es ist nicht nur eine persönliche Erzählung über den Werdegang eines einzelnen Wissenschaftlers, sondern bietet auch einen tiefen Einblick in die Evolution der Konzepte eines gesamten Fachgebietes. Der Forschungsalltag ist fast ausschließlich auf die Gegenwart und die nahe Zukunft konzentriert. All diese Arbeit gründet sich aber auf der kreativen Leistung von großen Denken in einer verhältnismäßig kleinen Zahl von Arbeitsgruppen. Zu einer Zeit, in der Wissenschaftler sich Übermengen von Daten gegenübersehen, ist es interessant, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, zu der es praktisch keine Daten gab. Damals führte schon wenig neue Information zu großen Sprüngen in unserem Wissen. Indem er die Verwandlung der Biologie von früher zu der von heute einfängt, bietet Klaus Rajewsky einen einzigartigen Blick auf diesen Prozess. Seine andauernde Forschungsarbeit unterstreicht, dass die grundlegenden Strömungen der Wissenschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten gebildet haben, heute noch immer große Bedeutung haben.

 


Beitragsbild: Klaus Rajewsky im Labor, Foto von David Ausserhofer/MDC.