Gliazellen

Der Glia-Forscher

Wie kaum ein anderer Wissenschaftler hat sich Professor Helmut Kettenmann um einen Zelltyp gekümmert, der lange im Schatten der Neuronen stand: Gliazellen. Für seine herausragende Arbeit und Einsatzbereitschaft hat ihn die Neurowissenschaftliche Gesellschaft nun mit der Otto-Loewi-Medaille ausgezeichnet.

Durch Zufall kam Helmut Kettenmann zu dem Thema, das sein Forscherleben bestimmen sollte: Gliazellen. Sie übernehmen wichtige Aufgaben im Gehirn von Wirbeltieren. Doch noch im Jahr 1980, als Helmut Kettenmann seine Diplomarbeit in Biologie schrieb, wusste man wenig über die von Rudolf Virchow erstmals beschriebene Zellengattung. Der Student Kettenmann beobachtete bei einem Versuch, dass Gliazellen auf Neurotransmitter reagieren – zuvor galten sie als funktionsloses Füllgewebe, das die „grauen Zellen“ zusammenhält, mehr nicht.

Die Neurowissenschaftliche Gesellschaft hat Prof. Helmut Kettenmann mit der Otto-Loewi-Medaille ausgezeichnet.

Diese Entdeckung markierte den Beginn mehrerer Jahrzehnte außerordentlich erfolgreicher Gliazellforschung. Helmut Kettenmann promovierte 1982 über das Thema „Elektrophysiologische Untersuchungen an Gliazellen in Kultur“, arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg, wo er sich 1987 habilitierte. Im selben Jahr gründete er die Zeitschrift Glia, deren Mitherausgeber und Redaktionsleiter er seitdem ist. 1993 erfolgte der Ruf an das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) als Leiter der Forschungsgruppe „Zelluläre Neurowissenschaften“, seit 1996 ist Helmut Kettenmann Professor für Zelluläre Neurobiologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

25 Jahre Neurowissenschaftliche Gesellschaft – und ein neuer Preis

Während all dieser Jahre hat der Preisträger „wie kaum ein anderer Wissenschaftler unserer Zeit das Feld der Gliaforschung  geprägt“, sagte Professor Frank Kirchhoff, ein ehemaliger Mitarbeiter des Geehrten, in seiner Laudatio. Unter anderem beschrieb er das Zusammenspiel zwischen Hirntumorzellen und Mikroglia, einer der drei Haupt-Gliazellarten, und arbeitete die Relevanz von Gliazellen für weitere Erkrankungen des Nervensystems heraus. Gliazellen, das weiß man heute auch dank Helmut Kettenmann, sind für die Funktion von Gehirn und Nervensystem genauso wichtig wie Neuronen.

Neben der wissenschaftlichen Arbeit Helmut Kettenmanns würdigte die Neurowissenschaftliche Gesellschaft sein Engagement für die NWG. So hatte der umtriebige Biologe die Neurowissenschaftliche Gesellschaft mitgegründet, deren Generalsekretär er von 1993 bis 2006 war und der er von 2013 bis 2015 als Präsident vorstand. Das 25-jährige Jubiläum der Fachgesellschaft feierten nun etwa 100 geladene Gäste, darunter die Nobelpreisträger Bert Sakmann und Eric Kandel, am 11. Juli in Berlin. Gleichzeitig war das Jubiläum der Anlass, erstmals die Otto-Loewi-Medaille zu verleihen, deren erster Träger Helmut Kettenmann ist. Die Medaille ist mit 10.000 Euro dotiert und zeichnet exzellente wissenschaftliche Leistungen sowie besondere Verdienste um die Neurowissenschaftliche Gesellschaft aus.

Namensgebend für die Auszeichnung ist Otto Loewi (1873 – 1961), ein Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger, der den ersten Neurotransmitter entdeckte. Mittels der von ihm „Vagusstoff“ genannten chemischen Substanz ließ sich erstmals nachweisen, wie Nervenimpulse von einer Zelle zur nächsten übertragen werden.  

Weitere Informationen:

Webseite der Arbeitsgruppe von Prof. Helmut Kettenmann

Webseite der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft