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Die Chemie muss stimmen – ob bei Proteinen oder in wissenschaftlichen Beziehungen

Dr. Irene Coin wendet chemische Erkenntnisse auf biologische Fragestellungen an und vermehrt so das Wissen um Proteinstrukturen. Bei der Vortragsreihe „Career Pathways“, in der Ehemalige über ihre Zeit am MDC und danach reflektieren, sprach sie über ihre Arbeit und die Bedeutung des menschlichen Faktors für wissenschaftliche Beziehungen.

Mit Hilfe von nicht natürlichen Aminosäuren gewinnt Dr. Coin Erkenntnisse über die Proteinstruktur, die sich durch NMR-Spektroskopie oder Röntgenkristallografie nicht ermittelt lassen. Beide Methoden werden zur Proteinstrukturanalyse eingesetzt, stoßen jedoch an ihre Grenzen, wenn ein Protein beispielsweise zu groß für die NMR-Spektroskopie ist oder nur schwer kristallisiert.

Irene Coin. Bild: Simone Schmid, Uni Leipzig.

„Meine Arbeit bildet eine Ergänzung zu diesen Methoden“, erklärt Dr. Coin. „Ein Vorteil besteht jedoch darin, dass ich Experimente an lebenden Zellen durchführen und so auch Proteinkomplexe mit posttranslationalen Modifikationen und in Interaktion mit benachbarten Proteinen untersuchen kann.“

Nach ihrer Promotion über Peptidchemie wollte Dr. Coin mehr über Techniken lernen, mit denen man Zellen dazu bringt, chemische Komponenten in Proteine einzufügen. Sie bewarb sich auf ein Marie Curie Fellowship, um diese Technik am Salk Institute in den USA zu erlernen und sie später auf biologische Problemstellungen in der Forschungsgruppe um Professor Claus Scheidereit am MDC anzuwenden.

Dr. Coins Ansatz stieß bei Prof. Scheidereit auf Interesse, und so unterstützte er sie beratend bei ihrem Fellowship-Antrag, der nicht nur erfolgreich war, sondern eine sehr hohe Bewertung erhielt. Die gemeinsame Arbeit am Fellowship-Antrag vertiefte auch die Arbeitsbeziehung zwischen den beiden Wissenschaftlern. Dr. Coins Forschungsprojekt erhielt dabei eine klare Ausrichtung, die auch durch die kleineren Anpassungen nicht verwässert wurde, die die Forscherin vornahm, als sie 2013 nach zwei Jahren am Salk Institute am MDC anfing.

„Irene ist durch und durch Chemikerin und geht als solche an Problemstellungen heran“, so Prof. Scheidereit. Die Fachbereiche der beiden Forscher ergänzen einander perfekt. Für Dr. Coin ist die Zusammenarbeit mit Biologen immer wieder eine Inspiration: „Es ist sehr hilfreich, sich mit Menschen zu unterhalten, deren Problemlösungsansatz so anders ist als der meine. Dadurch komme ich auf neue Ideen.“

Die biologischen Forschungsfragen im Labor von Prof. Scheidereit kreisen um den NF-kappaB-Signalweg – für Dr. Coin eine willkommene Abwechslung zu ihrem sonstigen Arbeitsschwerpunkt der G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (GPCR). GPCR sind für zahlreiche Signalwege von Bedeutung; etwa ein Drittel aller Medikamente am Markt setzen an diesen Rezeptoren an. „2016 werden wir jedoch immer noch keine vollständige Struktur eines GPCR mit langem N-Terminus haben“, so Dr. Coin.

Zum Unterschied zwischen ihrem letzten Wohnort San Diego und dem Sitz des MDC erklärt die Wissenschaftlerin: „Das Wetter mag besser sein und man kann dort surfen, aber als Stadt kann es San Diego nicht mit Berlin aufnehmen.“ Für sie ist das MDC mit seinem weltoffenen, nach außen gerichteten Ansatz ein hervorragender Arbeitsort für Forscher, die in einem internationalen Umfeld in Deutschland arbeiten möchten. Außerdem ermöglichen die Einrichtungen, die Menschen und die finanzielle Ausstattung gute wissenschaftlicher Arbeit. „Am MDC kann man das, was man machen möchte, einfach umsetzen“, so die Chemikerin.

Gegenwärtig arbeitet Dr. Coin an der Universität Leipzig als Emmy Noether Group Leader. Verbesserungsbedarf sieht sie in Deutschland bei der Verfügbarkeit von unbefristeten Arbeitsverträgen für Principal Investigators (PI). Jungen Wissenschaftlern, die nach einem Postdoc-Projekt im Ausland nach Deutschland zurückkehren, stehen zwei Hauptwege offen: zum einen die Einstellung als Juniorprofessor und zum anderen das Emmy-Noether-Programm, das zwar zahlreiche Vorteile bietet, aber keine Beschäftigungssicherheit.

Dr. Coin weiß, dass menschliche Faktoren ausschlaggebend für stabile und gute wissenschaftliche Beziehungen sind. Sie rät ihren Studenten daher, bei der Wahl des passenden PI sorgfältig vorzugehen. „Wer gerne selbstständig und unabhängig arbeitet, schätzt es nicht, wenn jede Kleinigkeit gesteuert wird“, so die Wissenschaftlerin. „Wer dagegen viel Unterstützung braucht, ist in einer kleineren Gruppe vielleicht besser aufgehoben.“ Als Postdoc hat man bessere Chancen auf Unabhängigkeit, wenn man sich einen Senior PI auswählt, der es sich leisten kann, andere Ideen zuzulassen und nicht bei jeder Veröffentlichung als Koautor genannt werden muss.

Als PI betrachtet man die wissenschaftliche Beziehung aus einer anderen Perspektive, doch der menschliche Faktor bleibt bedeutend. Dr. Coin empfiehlt, als Forschungsgruppenleiter Studierende auszuwählen, die zum eigenen Führungsstil passen. „Bei hervorragenden Studierenden ist es leicht, ein toller Vorgesetzter zu sein“, erklärt sie. „Der Trick ist jedoch, aus allen das Beste herauszuholen.“

Dr. Coin beschreibt Wissenschaft als „90 Prozent Frustration und 10 Prozent Begeisterung“, aber das ist ein Verhältnis, mit dem sie gut leben kann. „Ich gehe selbst bei herrlichem Sonnenschein ins Labor, weil ich wissen möchte, was ein Experiment ergeben hat“, erklärt sie. „Und selbst wenn es schon dunkel ist, wenn ich nach Hause gehe, bin ich glücklich. Etwas Neues zu entdecken ist jede Mühe wert.“

Weiterführende Informationen

Über das MDC Network

Das MDC Network soll MDC-Alumni helfen, dem Forschungszentrum, den Freunden und Kollegen am MDC verbunden zu bleiben. Es möchte starke Beziehungen zwischen den Ehemaligen und den derzeitig Beschäftigten des MDC zu beiderseitigem Vorteil unterstützen: um wissenschaftliche Zusammenarbeit zu erleichtern, Karriereunterstützung zu vermitteln, und eine gute Atmosphäre in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu fördern.

Hier im MDC Newsroom stellen wir Ihnen einige unserer Alumni vor. Nun gibt es auch eine interaktive PDF-Broschüre des MDC Network in englischer Sprache. Die Broschüre, deren erste von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung Ausgabe sich auf internationale Alumni konzentriert, wird fortlaufend erweitert.