Die Entwicklungs-Helfer 

Erfindungen von MDC-Forschenden in Medikamente und Therapien überführen – diese Idee treibt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung Technologietransfer des MDC an. Der jüngste Coup: Ein Wirkstoff gegen Vorhofflimmern, der vom MDC-Spin-off OMEICOS Therapeutics entwickelt wurde, geht in die klinische Erprobung.  

Auf diesen Moment hat Wolf-Hagen Schunck lange hingearbeitet: Im März 2017 ging der von ihm und dem OMEICOS-Team entwickelte Wirkstoff OMT-28 in die klinische Erprobung. „Damit ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt der Biochemiker, MDC-Arbeitsgruppenleiter und Co-Gründer von OMEICOS Therapeutics. Nach knapp zehn Jahren wurde aus einer viel versprechenden Entdeckung in Schuncks Labor schließlich ein Stoff, der als Therapeutikum bei Vorhofflimmern dienen könnte.

Als die Forschenden die Wirkungsweise von Omega-3-Fettsäuren analysierten, erlebten sie eine Überraschung. Es waren nicht die Fettsäuren selbst, die das Herz schützen, sondern bestimmte Stoffwechselprodukte (Epoxyeicosanoide), die der Körper aus diesen Fettsäuren gewinnt. Das funktioniert bei manchen Menschen besser als bei anderen, zusätzlich wird die Wirkung der natürlichen Stoffwechselprodukte durch ihren schnellen Abbau begrenzt. Der von OMEICOS entwickelte stabile und oral verfügbare Wirkstoffkandidat OMT-28 umgeht den Zwischenschritt, sodass Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern von dem Schutz profitieren können.  OMT-28 wird nun an  gesunden Probandinnen und Probanden zunächst auf Nebenwirkungen und Verträglichkeit getestet.

Dass Erkenntnisse aus der MDC-Grundlagenforschung in die Anwendung kommen, ist gemäß MDC-Gesetz eine „Kernaufgabe“ des Instituts.  Um die damit zusammenhängenden Prozesse kümmert sich die Abteilung Technologietransfer des MDC. Ihr Auftrag ist es, Forschungserkenntnisse mit Marktpotenzial zu identifizieren und die Projekte ihrem Weg umfassend zu unterstützen. Meist ist es ein langwieriger und teurer Prozess, bei dem Fachwissen unterschiedlicher Experten benötigt wird und die Forschenden unter anderem mit Industrieunternehmen und verschiedenen öffentlichen Geldgebern zusammenarbeiten.

 

Fische enthalten besonders viel Omega-3-Fettsäuren. Bild: Pixabay.com

Ohne Patent nix los

Claudia Thurow, promovierte Juristin, leitet den Technologietransfer des MDC seit 2014. Ihre wichtigste Aufgabe beschreibt sie so: „Möglichst frühzeitig Projekte zu identifizieren, die Marktpotenzial haben könnten – dazu stehen wir in regem Austausch mit allen Forschungsgruppen“. Interessant seien zum Beispiel Antikörper, Biomarker, neuartige Wirkstoffe oder Tiermodelle.

Thurow und ihr Team prüfen zunächst, ob die Neuentwicklung patentiert werden kann – denn ohne Schutzrechte auf geistiges Eigentum geht in der biomedizinischen Vermarktung in den meisten Fällen gar nichts. Zentral ist außerdem der richtige Zeitpunkt. „Noch bevor eine neue Entwicklung etwa durch eine Publikation öffentlich ist, muss der Patentantrag eingereicht sein“, sagt Thurow. Der Prozess, in dessen Verlauf auch entschieden wird, in welchen Ländern das Patent gelten soll, kann mehrere Jahre dauern. Für jedes Land kosten die Patentrechte Geld. Diese Mittel stellt das MDC zentral bereit, so dass die Budgets der Forschungsgruppen nicht belastet werden.

Für hoffnungsvolle Entdeckungen muss es auch einen Markt geben

Parallel kommt Ascenion ins Spiel. Die Ascenion GmbH ist eine auf dem Campus Buch ansässige Technologietransfer-Gesellschaft, die das MDC und zahlreiche weitere Institutionen im Life Science-Bereich betreut und an der das MDC über eine Stiftung beteiligt ist. Thurow und ihr Team analysieren gemeinsam mit Ascenion, wie sich die Neuentwicklung verwerten lassen könnte. Gibt es einen Markt dafür, oder werden schon ähnliche Präparate angeboten? Wie sähe das spätere Produkt aus?

Neue Technologietransfer-Plattform: das Helmholtz Innovation Lab MD-CEL

Im Frühjahr 2017 startete das von der Helmholtz-Gemeinschaft geförderte „Max Delbrück Center Cell Engineering Lab“ (MD-CEL), eine Plattform zur anwendungsorientierten Forschung, in der Wissenschaft und Industrie eng zusammenarbeiten. Dort sollen in größerem Maßstab zum Beispiel neue Genwerkzeuge entwickelt werden. Das MD-CEL Innovation Lab geht auf die MDC-Arbeitsgruppen von Wolfgang Uckert und Zsuzsanna Izsvak zurück und befindet sich derzeit im Aufbau. Es wird als Plattform auch für andere MDC-Gruppen offen sein.

An Ideen mangelt es nicht, derzeit gibt es etwa 20 Gruppen am MDC, die an neuen Ansätzen für medizinische Therapien oder Diagnostika arbeiten, die für eine Vermarktung vorgesehen sind. Ein „heißer“ Kandidat für ein neues Therapeutikum mit MDC-Hintergrund bietet neben OMEICOS eine zweite Ausgründung des MDC gemeinsam mit der Charité, Berlin Cures. Sie entwickelt ein Medikament, mit dem die Ursachen chronischer Herzschwäche behandelt werden sollen. Zurzeit wird der neue Stoff, das Aptamer BC007, an gesunden Probanden erprobt. Außerdem entwickelt eine Pharmafirma seit Januar 2017 einen Wirkstoffs zur Heilung der Knochenmarkkrebserkrankung Multiples Myelom, der auf einen am MDC identifizierten Antikörper zurückgeht. 2018 sollen die klinischen Tests beginnen.

Marker für Nierenversagen und Zelltherapie zur Behandlung von Blutkrebs

Ein Team um Kai-Martin Schmidt-Ott prüft derzeit einen Biomarker, der bereits in einer frühen Phase auf akutes Nierenversagen hinweist: 2010 hat die Gruppe ein Protein im Urin gefunden, das die Zellen in der Niere unter Stress vermehrt produzieren. Dass es als Biomarker schnell und verlässlich genug eine Verletzung anzeigt, haben die Forschenden im Mausmodell getestet. Nun laufen in Kooperation mit der Charité erste Analysen im menschlichen Körper. „Es haben mehrere Firmen Interesse an dem Projekt bekundet“, berichtet Jeanette Libera-Körner. Die promovierte Biophysikerin arbeitet seit 2014 als Technologiemanagerin am MDC und berät die Gruppe kontinuierlich. Möglicherweise werde der Marker auslizensiert, also extern verwertet.

Spannend sei auch die BCMA CAR-T-Zelltherapie, eine neue Methode zur Behandlung von Non-Hodgkin-Lymphomen, die von reifen B-Zellen ausgehen (B-NHL). An dieser sehr spezifischen Therapie forschen Armin Rehm und Uta E. Höpken. „Dass ein therapeutischer Effekt angenommen werden kann, konnte die Arbeitsgruppe in Tierversuchen zeigen“, berichtet Jeanette Libera-Körner. Im Vergleich zu Konkurrenzentwicklungen in den USA werde diese Therapie voraussichtlich besser verträglich sein, keine neuen Resistenzen hervorbringen und könne erstmals für die generelle Behandlung der Vielzahl der B-Non-Hodgkin-Lymphome eingesetzt werden. „Unsere Gespräche mit der Zulassungsbehörde zeigten, dass die präklinischen Daten korrekt und vollständig sind und dass mit einer klinischen Studie begonnen werden kann“, sagt Jeanette Libera-Körner. Derzeit wirbt die MDC-Arbeitsgruppe Fördermittel ein und möchte die BCMA CAR-T-Zellen dann im Zellkulturlabor für Klinische Prüfung im ECRC herstellen.

Bereits am Anfang des Weges fallen grundsätzliche Entscheidungen

Allerdings es dauert lange, bis ein neu entwickeltes Medikament auf den Markt kommen kann: Von der Patentanmeldung bis zum Arzneimittel vergehen etwa 15 Jahre. Dieser Weg kann am MDC nur beginnen. Die Forschenden stehen daher bald vor grundsätzlichen Entscheidungen: Sollen sie einen Lizenzvertrag abschließen, damit andere ihre Erfindung weiterentwickeln? Streben sie eher eine Ausgründung oder eine Industriekooperation an? Ascenion steht ihnen dabei mit guten Kontakten zu nationalen und internationalen Pharmaunternehmen und der erforderlichen Marktkenntnis zur Seite. Auch für eine Auslizensierung muss in der Regel bereits die erste Hürde genommen sein: der Beweis, dass das Konzept grundsätzlich funktionieren könnte („proof of concept“).

In engem Austausch mit den Forschenden treiben daher die Mitarbeiter des Technologietransfers gemeinsam mit Ascenion die Projekte voran und beschaffen – wenn erforderlich – externes Know-how, suchen akademische und industrielle Kooperationspartner und helfen bei der Beschaffung von Fördermitteln. Zudem gibt es am MDC Programme, die zumindest für eine Übergangszeit finanzielle Unterstützung bieten. Zum Beispiel ermöglicht PreGoBio seit 2008 die interne Weiterentwicklung anwendungsbezogener Forschungsvorhaben, indem über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren Sach- und Personalmittel mit 150.000 Euro pro Jahr finanziert werden.

Unter den zwei bis drei neuen Projekten, die jedes Jahr in PreGoBio aufgenommen werden, war auch das von Wolf-Hagen Schunck. Dank der internen Förderung hatten er und sein Team Ende 2011 insgesamt ein Dutzend hochwirksamer Stoffe gefunden. Der Prozess bis zur Gründung von OMEICOS Therapeutics Mitte 2013 nahm weitere zwei Jahre in Anspruch – eine Phase, in der Schunck seine Mitarbeitenden unter anderem mit Mitteln von MDC, Helmholtz Enterprise und aus dem ProFIT-Programm der Investitionsbank Berlin über Wasser halten konnte.

Zugelassene Medikamente, die auf MDC-Erkenntnisse zurückgehen

In den vergangenen Jahren kamen zwei Medikamente auf den Markt, die auf Arbeiten des MDC beruhen: Das Krebsmedikament Blincyto zur Behandlung einer seltenen Form von Blutkrebs, das dem Immunsystem von Krebspatienten hilft, Tumorzellen zu erkennen und zu vernichten, wurde im November 2015 für den europäischen Markt zugelassen. Das ebenfalls seit Jahresende 2015 erhältliche Therapeutikum VONVENDI zur Behandlung der häufigsten erblichen Form von Blutgerinnungsstörungen geht auf Arbeiten von MDC-Wissenschaftlern zu Serotonin-modulierenden Wirkstoffen zurück.

In Europa und den USA leiden mehr als zehn Millionen Erkrankte an Vorhofflimmern

Die Hoffnungen waren und sind groß: Vorhofflimmern ist eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen , unter der etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet. „In Europa und den USA gibt es etwa zehn Millionen Patientinnen und Patienten, denen ein neues, hochwirksames und gut verträgliches Präparat helfen könnte“, sagt Schunck. Auf dieses Szenario setzten auch die privaten und öffentlichen Geldgeber, die von  2014 bis 2016 insgesamt 6,2 Millionen Euro in die weitere Entwicklung investierten. Mit diesem Budget konnte OMEICOS in aufwändigen präklinischenTests den am besten geeigneten Wirkstoffkandidaten ermitteln.

Die Finanzierung der nächsten Phase, in der der gefundene Stoff klinisch getestet wird, gelang ebenfalls: Für die Phase I- und Phase-II-Studien, in denen OMT-28 zunächst an gesunden und dann an einer ausgewählten Zahl von Kranken getestet wird, warb OMEICOS im Frühjahr 2017 8,3 Millionen Euro ein. Darüber hinaus wird die Firma seit 2014 vom BMBF unterstützt.

OMEICOS Therapeutics hat derweil Pläne, die über OMT-28 und die Behandlung von Vorhofflimmern hinausgehen. „Mit unseren Substanzen kann man perspektivisch weitere kardiovaskuläre Erkrankungen oder Entzündungen behandeln“, sagt Schunck. „Außerdem konnten wir im Tiermodell nachweisen, dass Wirkstoffkandidaten von OMEICOS in der Augenheilkunde – etwa bei Makuladegenerationen – helfen könnten.“ Dafür interessieren sich bereits Investoren.

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Beitragsbild: Peter Himsel