Ein offenes Ohr für alle: Die First Contact Points
Nicht immer läuft im Team alles harmonisch. Wo Menschen zusammenarbeiten, kann es zu Spannungen kommen – aufgrund von Missverständnissen, Überlastung, mangelnder Wertschätzung oder wegen des Machtgefälles. Manche Probleme erscheinen den Betroffenen zu klein, um sich damit an die Gleichstellungsbeauftragte oder den Personalrat zu wenden. Tatsächlich ist etwa die AGG-Beschwerdestelle nur zuständig, wenn Verstöße gegen das Diskriminierungsverbot nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG) vorliegen, sich Beschäftigte also etwa aufgrund ihrer Religion oder ihres Alters benachteiligt fühlen.
Um eine niedrigschwellige Anlaufstelle für verschiedenste Konflikte am Arbeitsplatz zu bieten, sind an unserem Forschungszentrum 17 Mitarbeitende als „First Contact Points“ (FCP) im Einsatz. Sie wurden vom Vorstand für diese Tätigkeit bestellt und können von allen Kolleg*innen jederzeit kontaktiert werden – und zwar, so ihr Rat, möglichst, bevor eine Situation eskaliert.
Die First Contact Points arbeiten vertraulich, sie geben also keine Informationen aus ihren Gesprächen und Beratungen an andere weiter. Sie haben ein offenes Ohr und bieten frühzeitig Hilfe und Orientierung. Sie können Beschäftigte auch dabei unterstützen, selbst aktiv zu werden. Und sie wissen, wo es weiteren Rat und professionelle Angebote gibt.
Wir haben mit vier Ansprechpartner*innen gesprochen und notiert, was sie antreibt und wie sie helfen können.
„Wir wollen belastende Situationen ändern“
Seit 2010 Frauenbeauftragte am MDC: Dr. Christiane Nolte.
Dr. Christiane Nolte, Gleichstellungsbeauftragte: „Als es am Max Delbrück Center Ende 2018 in einem Fall den Vorwurf von sexualisierter Belästigung gab, haben wir gesehen, dass wir unsere Beschäftigten besser darüber informieren müssen, welche Verhaltensweisen im täglichen Miteinander nicht akzeptabel sind. Außerdem wollten wir mögliche Betroffene im Fall von Konflikten besser unterstützen. Wir haben also eine Task Force eingerichtet, die erarbeiten sollte, wie wir als Zentrum in Zukunft ähnliche Fälle handhaben wollen. Beschäftigte aus allen Bereichen des Instituts verfassten gemeinsam eine Leitlinie. Darin wird unter anderem definiert, was Belästigung, Mobbing, und Diskriminierung jeweils ist, welche Verantwortlichkeiten die Zentrumsleitung, aber auch jede*r Einzelne von uns hat und wie wir mit Konfliktsituationen umgehen. Ergänzend entstand mit den First Contact Points ein niedrigschwelliges Angebot: Wir stehen als erste Ansprechperson für mögliche Konflikte am Arbeitsplatz bereit.
Viele Betroffene haben Bedenken, sich Hilfe zu holen, weil sie fürchten: ‚Ich oute mich, aber es passiert dann doch nichts. Und ich trage vielleicht einen Schaden davon, zum Beispiel weil mein Vertrag nicht verlängert wird‘. Dabei werden die mit uns besprochenen Dinge streng vertraulich behandelt. Wir wollen zu der Überlegung motivieren, ob man vielleicht doch etwas an einer belastenden Situation ändern kann. Der Blick von außen, von einer unabhängigen Person kann dabei helfen, Ideen zu entwickeln, wie sich ein Konflikt vielleicht lösen lässt.
Machtmissbrauch ist in der Wissenschaft aufgrund des Machtgefälles keine Seltenheit: Wer promoviert, ist von der Chefin oder dem Chef der jeweiligen Forschungsgruppe abhängig. Ich selbst habe als Doktorandin keine negativen Erfahrungen gemacht, aber Situationen erlebt, in denen Menschen unter Druck gesetzt wurden. Früher wurden solche Vorkommnisse geduldet. Aber das geht heute nicht mehr – zum Glück.“
„Oft geht es um Wertschätzung“
Ulrike Ohnesorge
Ulrike Ohnesorge, Justiziarin: „Seit 2020 sind wir für jede Art von Konflikt im Arbeitsumfeld da. Häufig geht es um den Umgangston: Eine Kollegin oder der Kollege verhält sich rechthaberisch oder respektlos, jemand fühlt sich ausgegrenzt und gemobbt. Oft sind es auch Konflikte mit Vorgesetzten, zum Beispiel wenn einer Person die Wertschätzung für ihre Arbeit fehlt. Auch zu viel Arbeitsbelastung und dadurch entstehender Druck ist ein Thema.
Wozu wir ermutigen wollen: uns aufzusuchen! Im geschützten Raum von einem Problem zu erzählen, ist nach unseren Erfahrungen sehr hilfreich. Diese Gespräche werden streng vertraulich behandelt, und jeder weitere Schritt geschieht nur im Einverständnis mit der betroffenen Person.
Ich habe eine umfangreiche Ausbildung zur Konfliktberaterin gemacht, alle „First Contact Points“ werden regelmäßig geschult. Wir bieten den Betroffenen an, sie beim Gespräch mit der oder dem Vorgesetzten zu begleiten und das Gespräch zu moderieren. Oder wir organisieren eine externe Moderation, etwa wenn so ein Konflikt eine ganze Arbeitsgruppe betrifft.
Ich hoffe, dass sich die Mitarbeitenden mit dem Wissen, dass es die First Contact Points gibt, besser aufgehoben fühlen und sich das Zusammengehörigkeitsgefühl verbessert. Wenn ich mit einer Person gesprochen habe und helfen konnte, einen Konflikt aufzulösen, freue ich mich. Als Juristin habe ich oft das Bedürfnis, nach der Schilderung des Problems sofort eine Lösung zu präsentieren. Aber Konfliktberatung funktioniert anders: Wir helfen den Betroffenen, selbst einen Weg zu finden.“
„Manchmal genügt ein Denkanstoß“
Victoria Malchin
Victoria Malchin, Gebäudemanagerin: „Ich bin seit 18 Jahren am Max Delbrück Center und kenne sowohl das Arbeiten in der Wissenschaft als auch in der Verwaltung. Im Labor kommt es zu Konflikten, oft wird das als Machtmissbrauch oder Mobbing erlebt. Andere fühlen sich nicht gut betreut von ihren Vorgesetzten. Der Umgang miteinander kann rau und unangebracht sein. Promovierende denken dann, sie müssten das aushalten. Das finde ich sehr traurig! Auch wenn man nur für kurze Zeit in einer Arbeitsgruppe arbeitet, sollte man die Möglichkeit haben, sich zu wehren. Man sollte sich am Arbeitsplatz wohlfühlen. Hier schnelle, unkomplizierte Hilfe anzubieten, ist mein Anliegen als First Contact Point.
Wir unternehmen nichts ohne die Einwilligung der jeweiligen Person, alle Informationen werden streng vertraulich behandelt. Erst einmal klopfen wir ab, an welcher Stelle des Konflikts wir uns befinden: Wie weit ist er eventuell schon so weit eskaliert? Im Gespräch geben wir Denkanstöße und Hinweise, wie man mit der Situation umgehen kann. Das genügt oft schon: zum Beispiel, Protokoll zu führen über Vorfälle, damit man etwas in der Hand hat.
Wenn gewünscht, sprechen wir auch mit der übergeordneten Person, etwa der Arbeitsgruppenleitung, oder wir bieten eine Mediation an. Außerdem besteht eine Kooperation mit der psychosozialen Beratung der Charité. Diese Beratung können Betroffene in Anspruch nehmen. Schließlich leiden oft Gesundheit und Wohlbefinden, wenn es am Arbeitsplatz Probleme gibt.“
„Je früher man sich beraten lässt, umso besser“
Ingo Kahl
Ingo Kahl, ehemaliger Personalratsvorsitzender, jetzt Leiter der Innenrevision: „Themen wie Mobbing und Bossing liegen mir am Herzen: Ich bin ein Mensch, der versucht zu verstehen, warum Personen in bestimmter Weise handeln, und ich übernehme gerne eine vermittelnde Rolle. Als Grundlage habe ich eine Weiterbildung als betrieblicher Fairness- und Konfliktberater gemacht.
Die Konflikte, mit denen Betroffene zu mir kommen, sind oft Kommunikationsprobleme. Da hilft es oft schon, mit jemandem zu sprechen, um dabei etwaige Missverständnisse zu erkennen. In einem späteren Schritt biete ich an, auch mit der anderen Konfliktpartei zu reden und ein gemeinsames Gespräch vorzuschlagen. Das passiert allerdings nur, wenn die Betroffenen damit einverstanden sind. Manchmal ist die andere Person überrascht, weil sie den Konflikt gar nicht gesehen hat. Manchmal ist sie aber auch dankbar, dass der Konflikt endlich angesprochen wird. Je früher man einen First Contact Point aufsucht und sich beraten lässt, umso besser. Je länger man wartet, um so mehr kann ein Konflikt verhärten, und dann wird es schwieriger, Win-win-Lösungen zu finden.
Ich sehe dieses Angebot der First Contact Points auch als Wertschätzung des Max Delbrück Center den Mitarbeitenden gegenüber. Die Botschaft lautet: Wir sehen dich als ganzen Menschen, wir unterstützen dich. Übrigens vermeidet das Max Delbrück Center damit auch Reputationsschäden. Wenn ein Konflikt – sexuelle Belästigung, aber auch anderes – eskaliert, kann er ein kräftiges Imageproblem verursachen. Aber vor allem geht es darum, dass die Menschen hier gerne und gut arbeiten können. Klar ist aber auch: Es gibt Konflikte, für die sich keine Win-win-Lösungen finden lassen.“
Protokolle: Wiebke Peters