Helmut Kettenmann in seiner Mikroskopie Ausstellung

Gliazell-Forscher, Sammler, Ermöglicher

Gliazellen sind so unentbehrlich wie Neuronen. Dennoch galten sie lange nur als „Nervenkitt“ – bis Helmut Kettenmann kam, die internationale Gliazellforschung begründete und ihr zu Anerkennung verhalf. Zur Gründungsgeneration gehört Kettenmann auch am MDC, hier hat er in 30 Jahren tiefe Spuren gezogen.

Es geschieht nicht oft, dass ein Forscher sein ganzes Leben einzig einem Gegenstand widmet. Bei Professor Helmut Kettenmann aber ist das so: Mit Anfang 20 schrieb er seine Diplomarbeit über die Eigenschaften von Gliazellen an der Universität Heidelberg. Seitdem beschäftigt sich der Neurobiologe mit diesem damals kaum untersuchten Zelltypus. Er begründete ein ganzes Forschungsfeld und blickt nunmehr auf drei Jahrzehnte Arbeit am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) zurück.

„Helmut Kettenmann gehört zur Gründungsgeneration unseres Forschungszentrums und hat hier tiefe Spuren gezogen“, sagt Professor Thomas Sommer, Wissenschaftlicher Vorstand (komm.) des MDC. „Wir haben ihm sehr viel zu verdanken, als Ideengeber, als leidenschaftlicher Wissenschaftskommunikator und Mitbegründer des Gläsernen Labors – und natürlich als Gliazellforscher.“

Im Gehirn sind Gliazellen eminent wichtig und stehen doch bis heute im Schatten der Neuronen. Sie sind mit rund 100 Milliarden Zellen zahlenmäßig in etwa genauso häufig, übernehmen aber andere Aufgaben. „Eine der Schlüsselentdeckungen war, dass die Gliazellen nicht die stillen Elemente im Gehirn sind“, erzählt Kettenmann.

Die Mikroglia (pink) dient dem Gehirn auch als eine Art Müllabfuhr: Kleine, mit Proteinen ummantelte Latexkügelchen (türkis) werden von den Immunzellen des Gehirns rasch aufgenommen und verdaut.

Die Gliazellen untergliedern sich in drei Typen: die Oligodendrozyten und Astrozyten sowie die Mikroglia. Kettenmanns Arbeitsgruppe entdeckte in den 1980-er Jahren zuerst an den Oligodendrozyten und Astrozyten, dass diese Zellen Rezeptoren für wichtige Botenstoffe (Neurotransmitter) tragen. Dann interessierte er sich mehr und mehr für den dritten Typus: die Mikroglia. Das sind die Immunzellen des Gehirns, die das hochempfindliche Organ, das sich kaum regenerieren kann, vor Infektionen wie einer Hirnhautentzündung schützen. Dafür können sich die Mikroglia sogar in eine amöboide Form verwandeln und sich dann im Gehirn fortbewegen. Doch auch diese Wächter des Gehirns, so fand Kettenmanns Team heraus, tragen an der Zelloberfläche Rezeptoren für viele wichtige Botenstoffe. Sie können Glutamat „wahrnehmen“, genauso Histamin und auch Dopamin – jene Substanz, die für Antrieb und Belohnung sorgt. Weil Gliazellen all diese Neurotransmitter erkennen, können sie das Feuern der Nervenzellen genau verfolgen. Sie sind folglich nicht nur passive Füllmasse im Gehirn, oder „Nervenkitt“, wie es ihr Entdecker Rudolf Virchow einst formulierte. Das demonstrierte Kettenmanns Team und zeigte das auch weltweit als Erstes, indem es die Gliazellen in Hirnschnitten elektrophysiologisch charakterisierte.

Der Beginn einer Forschungscommunity

Helmut Kettenmann war es von Beginn an wichtig, andere für die Gliazellen zu begeistern und seine Erkenntnisse in die Öffentlichkeit hineinzutragen. Nicht zuletzt daher rührt sein Engagement für das Gläserne Labor, für die Lange Nacht der Wissenschaften und etliche andere Formate der Wissenschaftskommunikation. Und auch wenn manche Kolleg*innen über das Schreiben von Anträgen fluchen, weil sie von der eigenen Forschung abhalten: Für ihn gehörte das immer dazu, stellt er klar. Die Früchte dieser Arbeit lassen ihn heute lächeln, wenn er erzählt, dass es ihm 1990 gelang, zum ersten Mal ein Schwerpunktprogramm zu Glia bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt zu bekommen: „Das war ein Meilenstein für den Fortschritt und die Vernetzung der Gliazellforschung.“ Bis heute kann die Gemeinde der Gliazellforschenden immer wieder Förderungen für sich verbuchen und mit ihren Ergebnissen unterstreichen, wie bedeutsam die Gliazellen sind. Sie spielen bei allen neurodegenerativen Erkrankungen von Demenzen bis zu Multiple Sklerose eine Rolle.

Kettenmann versteht sich insofern als Ermöglicher. Es war ihm wichtig, ein Netzwerk aufzubauen, die Glia-Forschungscommunity. Das trieb ihn auch, als er 1994 als Präsident den ersten europäischen Kongress zur Gliazellforschung initiierte. Seither findet dieser alle zwei Jahre statt. 2023 werden 2000 bis 3000 Teilnehmende in Berlin erwartet. Kettenmann sagt stolz: „Wir haben das Estrel-Tagungshotel gemietet.“

Sinn für Wissenschaftsgeschichte

Mit seinem offiziellen Ruhestand endet Kettenmanns Wirken freilich nicht. Als Forscher und Seniorprofessor der Charité bleibt er weiterhin aktiv und dem MDC eng verbunden. Derzeit arbeite er Führungen über den geschichtsträchtigen Campus mit Unterstützung der Klassenlotterie aus, erzählt er. Seit Langem hat er ein großes Herz für Wissenschaftsgeschichte. In den Regalen seines privaten Arbeitszimmers stehen unzählige lederne und textil gebundene Werke der vergangenen Jahrhunderte. Es sind Kostbarkeiten, die er zeitlebens gesammelt hat – ähnlich wie die Oldtimer, mit denen er gern zum Campus fährt. Eine besondere Rarität ist Humboldts Werk zur Elektrophysiologie von 1797, die „Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser nebst Vermutungen über den chemischen Prozess des Lebens in der Thier- und Pflanzenwelt“. Dem MDC und der Campus Berlin-Buch GmbH hinterlässt Kettenmann eine beachtliche Sammlung an Mikroskopen aus den vergangenen 150 Jahren, die in Berlin und Brandenburg hergestellt wurden. Diese Werkzeuge der Forschung, einst in glänzendem Messing, heute in Kunststoff, können Interessierte auf dem Campus oder in einer virtuellen Tour anschauen.

Mikroskopieausstellung

Wie für die meisten Forschenden ist auch für Helmut Kettenmann sein Beruf kein Job, sondern Passion und Lebenswerk. Entsprechend fern liegt es ihm, die Arbeit gänzlich ruhen zu lassen. Seit 2020 leitet er eine Arbeitsgruppe mit fünf Mitarbeitenden am Shenzhen Institute of Advanced Technology in China. Vor allem der Rolle der Mikroglia bei Hirntumoren, demenziellen und psychiatrischen Erkrankungen will er dort weiter nachgehen. Denn mehrere Risikogene für demenzielle Erkrankungen sind für Proteine verantwortlich, die von Mikroglia benötigt werden, schildert er einen wichtigen neuen Hinweis. Ein Viertel seiner Zeit will er künftig in China arbeiten, seinen Lebensmittelpunkt in Berlin aber aufrechterhalten. Nicht ganz einfach ist das in Pandemiezeiten. Die Volksrepublik China verlangt momentan eine Quarantäne von drei Wochen in einer zentralen Einrichtung. Das aber hält Kettenmann nicht ab.

Text: Susanne Donner

 

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