Anton G. Henssen

Krebskranke Kinder besser behandeln

Anton Henssen ist auf seltene Tumoren bei Kindern spezialisiert. Als neuer Gruppenleiter am Experimental and Clinical Research Center (ECRC) will der Mediziner dazu beitragen, dass das Wissen aus der Krebsforschung möglichst schnell den Erkrankten zugutekommt.

Anton G. Henssen

Medizinerinnen und Mediziner können ihr Wissen praktisch am Krankenbett oder eher theoretisch in der Grundlagenforschung einsetzen – oder beides miteinander vereinen, so wie Anton Henssen. Der junge Arzt hat sich auf Pädiatrische Onkologie spezialisiert, also auf Krebserkrankungen im Kindesalter. Seit Ende 2018 leitet er am ECRC eine Emmy-Noether-Forschungsgruppe, die zugleich auch Gastgruppe am MDC ist; parallel arbeitet er an der Charité als Arzt in der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie.

Der Krebsspezialist interessiert sich besonders dafür, wie seltene, bösartige kindliche Tumoren wie Sarkome und Neuroblastome entstehen. Er untersucht grundlegende genetische Veränderungen und überlegt gleichzeitig, wie seine Erkenntnisse in Diagnostik und Therapie angewendet werden können. „Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass Fehler im Erbgut sowie Reparaturdefekte mit bestimmten Medikamenten angegriffen werden können. Das führen wir derzeit im Labor weiter“, berichtet Anton Henssen. Am ECRC befasst er sich vor allem mit seltenen Sarkomen, bei denen experimentelle Therapien zum Einsatz kommen könnten, sowie mit genetischen Prädispositionen, also einer erblich bedingten Anfälligkeit für die Entwicklung von Tumoren. Henssen will diesen Fragen nicht nur in der Grundlagenforschung nachgehen, sondern auch eine Hochschulambulanz für Pädiatrische Onkologie am ECRC einrichten. Dort könnten etwa Familien mit genetischer Prädisposition beraten werden.

Der individuelle Patient steht im Mittelpunkt der Therapie

„Ich gehöre zu einer neuen Generation von Ärzten, denen es wichtig ist, den Patientinnen und Patienten noch mehr Wissen aus der Forschung zur Verfügung zu stellen“, sagt er. Ein Beispiel seien hier die neuen Technologien zur DNA-Sequenzierung von Tumoren und sogar einzelnen Zellen (Single Cell), mit denen sich Patienten personalisiert behandeln ließen. „Meine Arbeit füllt eine Lücke. Denn mit der normalen Therapie können wir seltene oder kompliziertere Fälle häufig nicht gut genug behandeln“, sagt er selbstbewusst. Henssen und sein Team sequenzieren bereits die DNA des gesamten Erbguts einzelner Erkrankter, um eine personalisierte Therapie und Beratung zu ermöglichen. Entscheidend ist dann nicht die Art des Tumors, wie in der klassischen Onkologie, sondern das Erbgut und die damit zusammenhängenden Krankheitsmechanismen.

Zwar gebe es im Moment noch nicht genug Fachleute, und die Technologie sei noch zu teuer für die breite Anwendung. „Wir nähern uns aber dem Punkt, wo es sinnvoll ist, das voranzutreiben und als neuen Standard zu etablieren“, sagt Anton Henssen. Viele junge Medizinerinnen und Mediziner hätten trotzdem noch keine Berührungspunkte mit diesen Technologien, und das will er über eine Ausbildung in seiner Gruppe ändern.

Austausch über Disziplingrenzen hinweg am MDC

Mit dem ERCR und MDC hat Anton Henssen dafür einen guten Ort gefunden. „Ich schätze die Interdisziplinarität sehr und finde es wichtig, dass alle klinischen Fächer am ECRC und MDC vertreten sind“, sagt er. Schließlich könne Krebs alle Organe betreffen – deswegen müsse der Patient als Ganzes angeschaut werden.

Auf die Onkologie kam Anton Henssen erst nach dem Studium: Im Anschluss an eine neurowissenschaftliche Ausbildung im Forschungszentrum Jülich machte er 2013 seinen Doktor an der RWTH Aachen; als Assistenzarzt am Universitätsklinikum Essen befasste er sich erstmals näher mit kindlichen Tumoren, insbesondere mit solchen, die sich aus dem Vorläufergewebe von Nervenzellen entwickeln. Mit einem Stipendium ging er anschließend für drei Jahre in die USA, wo er sich an einem der renommiertesten Krebsforschungszentrum, dem Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York, der DNA-Sequenzierung von Tumoren widmete. 2016 zog Anton Henssen nach Berlin, um an der Charité seine ärztliche Ausbildung im „Clinician Scientist“-Programm des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIH) weiterzuverfolgen – und um am ECRC und MDC noch tiefer in die onkologische Grundlagenforschung einzusteigen.

Autorin: Wiebke Peters