Sylvie Tappert

„Manchmal hilft es, wenn man gemeinsam Sachen hinterfragt“

Sylvie Tappert bietet seit Mai Coaching und psychologische Beratung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MDC an. Bereits seit vielen Jahren berät sie an der Charité Studierende und Doktorand*innen. Für „Wir am MDC“ erklärt sie, wie sie Menschen in Konfliktsituationen unterstützt.

Über unsere Serie „Wir am MDC"

 

Das MDC hat den Anspruch, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein attraktives Arbeitsumfeld zu bieten – durch eine hervorragende Infrastruktur, durch den Austausch mit führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch als ein Ort, der von Toleranz, Respekt und einem guten Miteinander geprägt ist. Unsere Serie stellt Menschen vor, die in diesem Bereich engagiert sind. Sie begleitet außerdem einen internen Prozess, der eine positive Unternehmenskultur sicherstellen soll. Und sie gibt Tipps für ein achtsames Miteinander.

Mehr zur Serie „Wir am MDC“.

Wer kann bei Ihnen vorbeikommen?

Alle Menschen, die merken, dass sich Ihr Wohlbefinden verändert hat, die nicht mehr glücklich sind. Menschen, die ungern zur Arbeit gehen oder merken, dass sie für andere Sachen gar keine Zeit mehr haben. Menschen, die Stressbelastungen empfinden. Möglicherweise auch, wenn jemand körperliche Symptome hat – zum Beispiel Schlafschwierigkeiten bis hin zu Schlafstörungen. Oder Menschen, deren sozialen Beziehungen unter ihrer beruflichen Tätigkeit leiden. Oder Menschen, die bestimmte beruflich Konflikte nicht gelöst bekommen.

Dabei spielen oft andere Belastungen eine Rolle: Familie oder nicht Familie? Beziehung oder nicht? Fernbeziehung? Wir Menschen haben Streit oder Trennungsschmerz oder wir kümmern uns um Familienangehörige, die krank sind oder sterben. Und wenn dann generell eine Stressbelastung existiert, dann ist jedes zusätzliche Problem ein Problem zu viel. In solchen Fällen rate ich auf jeden Fall, sich Unterstützung zu suchen. Meine Coachings biete ich auf Deutsch und Englisch an.

Coaching

 

Coaching ist ein auf die berufliche Situation zugeschnittenes, zielorientiertes Beratungsformat außerhalb des pathologischen Bereiches, das aber auch Aspekte des privaten Lebens mit einbeziehen kann. Psychologische Beratung ist breiter orientiert, aber noch kurzfristiger als Coaching und kann auch von Nicht-Therapeut*innen (ohne Approbation oder Heilpraktikerzulassung) angeboten werden. Insgesamt sind genau diese Unterscheidungen aber Inhalt vielfältiger Debatten unter Therapeut*innen.

Haben Beschäftigte in wissenschaftlichen Institutionen spezifische Probleme?

Ein generelles Thema ist Stress am Arbeitsplatz. Es geht um mangelnde Betreuung (bei PhDs), um ein angespanntes Klima und Konflikte in der Gruppe und oft um Konflikte mit dem oder der Vorgesetzten. Ich höre viele Beschwerden, bei denen es um die Betreuung der Doktorarbeit geht. Zu mir kommen viele PhDs, weil sie sich allein gelassen fühlen oder ihre*n Betreuer*in sehr selten sehen.

Warum kommen gerade jüngere Wissenschaftler*innen zu Ihnen?

Die Zeit, in der junge Männer und Frauen ihren PhD machen, ist eine ganz besondere. Psychologen sprechen von der zweiten Adoleszenzkrise – nach der ersten, der Pubertät. Dieses Mal geht es um unsere Individualisierung: Wer bin ich? Was will ich in meinem Leben, wie will ich es gestalten? Es geht um Abgrenzung zu den Eltern oder anderen Menschen oder zu den Ideen, die mir mit ins Leben gegeben wurden. Und diese Krise müssen viele gleichzeitig mit einer krassen Arbeitsbelastung bewältigen. Hinzu kommen weitere Probleme: Die Leute leben in einer neuen Stadt und erfüllen sich damit einen Traum. Ganz am Anfang sieht man alles durch die rosarote Brille. Dann erlebt man plötzlich die Bruchlandung. Es ist November, es ist kalt und dunkel, in der S-Bahn sitzt man immer nur unter schlecht gelaunten Menschen. Man ist allein, erlebt Vereinsamung. Und dann wird man auch noch im Labor zusammengestaucht. All das kann eine echte Überforderung sein.

Andere, die lange für ihren Doktortitel gearbeitet haben, merken plötzlich: Das ist nicht die Lösung meiner Probleme.

… es klärt nicht die Frage, wer ich bin.

Genau. Wir stellen uns in dieser Phase auch Fragen nach der Lebensplanung, Familiengründung, Partner*innenwahl. Wie bekomme ich diesen fordernden Beruf und eine Familie oder meine Beziehung unter einen Hut? Was ist mit meinen anderen Interessen? All das ist nicht einfach.

Wie helfen Sie in diesen Situationen? Können Sie beschreiben, wie die erste Beratung verläuft?

Wichtig ist: Jede und jeder kann kommen – unter dem Schutz strenger Vertraulichkeit. Bei mir ist jede und jeder im geschützten Raum. In der ersten Stunde führen wir in ein Gespräch zur Anamnese. Dabei stelle ich viele Fragen und klopfe alle Bereiche des Lebens ab. Für meine Klient*innen, die vom MDC kommen, habe ich jeweils ein Kontingent von acht bis zehn Stunden. Das ist in den meisten Fällen ausreichend und hilfreich für die Bearbeitung eines Problems. Wenn ich merke, dass jemand psychisch krank ist oder Suizidalität besteht, wenn jemand also längere Zeit Unterstützung oder eine Therapie braucht, dann versuche ich, diese zu vermitteln.

Was geschieht in den acht bis zehn Stunden?

Für Beschäftigte des MDC biete ich Einzelberatung an. Mein Coaching bezieht sich auf Konflikte am Arbeitsplatz und Gesundheitsförderung. Das Ziel des Coachings ist ganz klar: Wir arbeiten gemeinsam daran, das auslösende Problem zu lösen und/oder generell Problemlösestrategien für diese Themen zu entwickeln. Das ist der Unterschied zwischen Therapie und Coaching: In der Therapie kann man sich zum Beispiel längerfristig anschauen, warum man sich immer wieder die gleichen Partner und Partnerinnen aussucht oder immer wieder zum gleichen Punkt in einer Beziehung oder einem Konflikt kommt. Da kann man mal im Keller nachschauen, was denn da los ist, und vielleicht ein bisschen aufräumen.

Im Coaching schauen wir dagegen gemeinsam, welche Ressourcen da sind und wie die oder der Einzelne in der aktuellen Situation vorgehen könnte. Manchmal hilft es, wenn jemand Außenstehendes einfach Fragen stellt. Wenn man gemeinsam Sachen hinterfragt, die sonst immer selbstverständlich schienen und auf die man selbst manchmal gar nicht kommt.

Wo hat die Beratung ihre Grenze? Und wäre es gelegentlich auch ein Weg zu sagen: Bring doch mal deinen Vorgesetzten mit, mit dem muss ich auch mal reden?

Das Problem gehört sowieso immer allen im System. Das ist ganz wichtig. Aber: Ich bin keine Richterin, und ich kenne auch nicht die Wahrheit. Aus meiner Sicht gibt es keine Wahrheit. Im Coaching bin ich parteiisch für meine Klient*in. Und dafür zuständig, dass es denen, die zu mir kommen, danach besser geht. Dazu kann auch gehören, Konflikte mit Vorgesetzten im Anschluss besser lösen zu können.

Wie gehen Sie vor?

Wenn jemand zu mir kommt, weil er oder sie unter einer schwierigen Arbeitssituation leidet, dann können wir im Coaching gemeinsam schauen: Wie kann der oder die Betroffene sich abgrenzen, so dass er oder sie diese enorme Belastung nicht weiter trägt. Vielleicht braucht er oder sie einen effizienteren Selbstschutz. Ich frage dann: Wo ist deine Grenze? Bis wohin gehst du, wo ist für dich Schluss? Und ich betone: Du bist dem nicht ausgeliefert, Du kannst immer auch gestalten. Das muss man sich oft erst wieder klar machen. Das kann sehr spannend sein, etwa wenn Menschen aus sehr hierarchischen Familien kommen. Sie haben früh gelernt zu gehorchen. Und dass es nicht erwünscht ist, zu sagen, was sie denken. Das ist zunächst superkompatibel mit einem hierarchischen Arbeitsumfeld. Aber manchmal platzt es an irgendeiner Stelle, und dann merkt der Mensch: So will ich gar nicht leben. Das kenne ich schon, dieses ungute Gefühl und dieses permanente Armdrücken. Dann fragen wir uns in der Beratung: Wie kannst du gut für dich sorgen in dieser Situation? Wie stellst Du selbst diese Situation immer wieder her? Und vor allem: Definiere für dich, bis wohin und nicht weiter.

Bieten Sie Strategien an, wie man zum Beispiel im Kontakt mit Vorgesetzten agieren kann?

Ja, da kann man mit Rollenspielen arbeiten. Im Gespräch mit mir gibt es die Möglichkeit, eine Als-Ob-Realität zu generieren und auszuprobieren: Ok. Wie geht es mir, wenn ich mal „Stopp“ sage zu einer Grenzüberschreitung. Oder: „Moment mal!“ Und wir versuchen herauszufinden: Was sind eigentlich die eigenen Hindernisse? Wie kann ich selbst für mich gut sorgen? Was tue ich dafür oder dagegen? Jeder erwachsene Mensch hat ja schon mal einen bestimmten Konflikt in einer Form gelöst. Und da kann man ein bisschen in seiner Biografie zurückgehen und schauen: Was hat an einem anderen Punkt geholfen? Wie konnte ich so eine Situation schon mal auseinanderklamüsern.

Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen jemand von sexueller Belästigung berichtet? Raten Sie, zur Polizei zu gehen?

Erfahrungsgemäß öffnen sich Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, erst nach ganz langer Zeit. Auch im Rahmen einer Beratung und Therapie oder Coaching. Mein Fokus ist zunächst, dieser Person zu helfen, damit umzugehen. Und dafür zu sorgen, dass die Situation nicht Folge-Grenzüberschreitungen nach sich zieht. Das ist häufig der Fall, weil die individuelle Grenzsicherung immer weiter geschwächt wird. Natürlich wünsche ich mir sehr, dass alle diese Fälle angezeigt werden und dass Täterinnen und Täter zur Verantwortung gezogen werden. Aber es kann die Person, die dieser Grenzverletzung ausgesetzt war, destabilisieren. Und als Therapeutin bin für die Person da, das ist meine oberste Priorität. Für manche Klient*in ist es gut, erstmal an der eigenen Stabilisierung zu arbeiten.

Wichtig ist, dass im Unternehmen oder im Institut Strukturen aufgebaut werden, die Beschwerden ermöglichen und es auch Konsequenzen gibt. Dass zugleich die Opfer durch Strukturen geschützt werden. Und dass man Schulungen macht, um Sensibilität zu schaffen, um zu erkennen, was normales, erwünschtes Verhalten am Arbeitsplatz ist. Daran arbeiten Sie ja gerade am MDC.

Die Fragen stellten Laura Breimann und Jutta Kramm.

Zur Person

Sylvie Tappert ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und Systemische Therapeutin und arbeitet seit 15 Jahren mit Menschen im Rahmen von Coachings, Therapie und Beratung. Sie ist als systemische Einzel-, Familien- und Paartherapeutin ausgebildet. Dies schließt eine systemische Therapieausbildung sowie eine Körperpsychotherapeutische Ausbildung mit ein. Bei dieser Therapieform wird der körperliche Ausdruck bzw. die körperliche Haltung (z.B. Atmen) mit in die Arbeit einbezogen.

sylvie.tappert@therako.de
Telefon: 030 28372571