Frauen im Lab

Mehr Frauen an die Spitze

Seit acht Jahren ist Dr. Christiane Nolte Frauenvertreterin am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC). Sie setzt sich für bessere Aufstiegsbedingungen, für die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft und für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein.

Über unsere Serie „Wir am MDC"

 

Das MDC hat den Anspruch, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein attraktives Arbeitsumfeld zu bieten – durch eine hervorragende Infrastruktur, durch den Austausch mit führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch als ein Ort, der von Toleranz, Respekt und einem guten Miteinander geprägt ist. Unsere Serie stellt unter anderem Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner vor, die bei Konflikten helfen können. Sie begleitet außerdem einen internen Prozess, der eine positive Organisationskultur sicherstellen soll.

Mehr zur Serie „Wir am MDC“.

Jede junge Wissenschaftlerin, die in der Forschung arbeitet, fragt sich früher oder später: Setze ich alles daran, in der Wissenschaft Karriere zu machen? Oder verfolge ich eine andere Laufbahn, zum Beispiel in der Verwaltung oder in der Industrie?

Die Biologin Christiane Nolte war keine Ausnahme. Als sie 1990 bei Professorin Melitta Schachner am Institut für Neurobiologie in Heidelberg ihre Promotion abschloss, nahm sie zunächst ein Angebot als Postdoc in der Pharmaindustrie an, wechselte dann aber 1994 an das MDC in die Arbeitsgruppe von Professor Helmut Kettenmann. Sie faszinierte das Forschungsgebiet und die Aufbruchsstimmung an einem neu gegründeten Institut. Es lief gut – und trotzdem ließen sie die mit einer wissenschaftlichen Karriere verbundenen Unsicherheiten, eine schwierige familiäre Situation und die Aussicht, künftig vielleicht mehrfach den Wohnort wechseln zu müssen, an ihrer Karriereentscheidung zweifeln. Christiane Nolte und ihre Familie hatten sich in Berlin eingelebt, ein Haus gebaut, der Mann hatte einen festen Job, ihre Tochter war noch klein. Als ihr die Stelle als Managing Editor des „Journal of Molecular Medicine“, einer am MDC herausgegebenen Fachzeitschrift angeboten wurde, griff sie zu. Das war 2001. „Letztlich nahm ich Rücksicht auf meine Familie – wie wahrscheinlich viele Frauen, die gegen eine Karriere als Wissenschaftlerin entscheiden“, sagt Christiane Nolte.

Seit 2010 Frauenbeauftragte am MDC: Dr. Christiane Nolte.

„Wir verlieren zu viele Frauen“

Neben der Arbeit als Redakteurin blieb sie mit einem „halben Fuß“ in der Wissenschaft, betreute weiter Projekte in der Forschungsgruppe von Helmut Kettenmann. Immer wieder beobachtete sie, wie sich vielversprechende Nachwuchswissenschaftlerinnen aus der Forschung verabschiedeten. „In der Phase nach der Promotion verlieren wir zu viele Frauen“, sagt Christiane Nolte. Das will sie ändern. 2010 beschloss Christiane Nolte, für das Amt der Frauenvertreterin am MDC zu kandidieren und widmet nun etwa die Hälfte ihrer Zeit den Anliegen von Frauen, die andere der Neurobiologie.  

„Ich liebe die Tätigkeit in der Forschung, insbesondere die Arbeit mit jungen Menschen“, sagt sie. Rat gibt sie auch zu dem Wendepunkt, an dem sie selbst damals war – und an dem sie sich gegen eine wissenschaftliche Karriere entschieden hat: „Frauen, die das Potenzial und ein attraktives Forschungsthema haben, will ich dabei helfen, eine Laufbahn in der Wissenschaft einzuschlagen. Wir müssen Benachteiligungen von Frauen auf dem Weg an die Spitze erkennen und abbauen“, sagt Christiane Nolte. „Das MDC muss als Arbeitgeber seinen Wissenschaftlerinnen, aber auch allen anderen Mitarbeiterinnen, gute Qualifizierungsbedingungen in einer gleichberechtigten Umgebung bieten. Dazu gehört selbstverständlich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dabei möchte ich das MDC konstruktiv unterstützen.“

Ein wichtiger Baustein ihrer Arbeit ist das Mentoring-Programm, das 2001 am MDC etabliert wurde. Christiane Nolte hat es lange gemeinsam mit der Personalentwicklerin Gabriele Kollinger betreut, inzwischen ist es am Postdoc Office angesiedelt. „Wir bringen unsere Erfahrung natürlich auch in die 9. Runde ein, die bald starten soll“, sagt Nolte.  Für die Dauer eines Jahres werden die Mentees – Wissenschaftlerinnen in der Postdoc-Phase – von einer ausgewählten Mentorin bzw. einem Mentor aus Wissenschaft oder Industrie begleitet.  Durch Beratung und Workshops sollen sie eigene Potenziale erkennen und die nächsten Karriereschritte machen. Das Programm ist seit 2018 auch für Männer geöffnet.  

Das Landesgleichstellungsgesetz von Berlin

 

Jede öffentliche Einrichtung in Berlin muss eine Frauenvertreterin wählen; so steht es im Landesgleichstellungsgesetz. Es verpflichtet zur Gleichstellung von Männern und Frauen und zur aktiven Frauenförderung, untersagt Diskriminierung und verlangt, dass Frauen angemessen auf allen Ebenen vertreten sind – die Frauenvertreterin wirkt daran aktiv mit. Seit den Neuwahlen im Sommer 2018 wird Christiane Nolte bei dieser Aufgabe von vier Stellvertreterinnen unterstützt.

Weniger als jede vierte MDC-Arbeitsgruppe wird von einer Frau geleitet

Das MDC hat einen eigenen Gleichstellungsplan, der unter anderem vorsieht, den Anteil von Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen bis Ende 2020 auf 27 Prozent zu erhöhen. Die Neufassung habe sie gleich zu Beginn ihrer Amtszeit vorangetrieben, berichtet Christiane Nolte. „Wir müssen Wissenschaftlerinnen gleiche Aufstiegsbedingungen bieten, und das geht nur, wenn der Vorstand die klaren Ziele der Politik umsetzt.“ Unter den Promovierenden am MDC stellen die Frauen mit 62 Prozent* mehr als die Hälfte, bei den Postdocs sind es mit 46 Prozent noch knapp die Hälfte. Dann wird die Luft dünn: Nur 23 Prozent der wissenschaftlichen Arbeitsgruppen am MDC werden derzeit von Frauen geleitet. Um das zu ändern, ist die Frauenbeauftragte unter anderem bei der Besetzung von Führungspositionen und Professuren dabei. Christiane Nolte begleitet den Prozess qua ihres Amtes, und regt die zuständige Kommission zur aktiven Rekrutierung geeigneter Frauen an.

Viele Frauen, die in Christiane Noltes Sprechstunde kommen, haben Fragen zu spezifischen Fördermöglichkeiten. Noch häufiger sind Fragen zu Mutterschutz und Elternzeit, zu Kinderbetreuungsmöglichkeiten am MDC oder wie sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen. Die Frage der Vereinbarkeit bewegt auch Männer. „Ein Technischer Mitarbeiter wollte seine Elternzeit verlängern. Ich habe ihn auf seine Rechte hingewiesen und ihm Strategien vorgeschlagen, wie er das seinen Vorgesetzten beibringt“, berichtet die Frauenvertreterin. „Wenn wir Väter dabei unterstützen, mehr Zeit für ihre Familie zu haben, ist das ebenfalls Frauenförderung! Wir wollen stereotype Rollenbilder ändern.“

Mehr Sichtbarkeit für Wissenschaftlerinnen – auch auf Wikipedia

Über Rat und konkrete Hilfestellung hinaus ist es Christiane Nolte ein Anliegen, Frauen in der Forschung sichtbarer zu machen. „Ich animiere alle leitenden MDC-Wissenschaftlerinnen, sich bei AcademiaNet zu registrieren. Diese Datenbank wird unter anderem genutzt, um Gutachterinnen oder Sprecherinnen für Keynotes zu finden, und natürlich auch, wenn es um die Besetzung von Professuren geht“, sagt Nolte. Außerdem holt sie mit einer Vorlesungsreihe renommierte Wissenschaftlerinnen ans MDC. Dabei geht es selbstverständlich um deren Sichtbarkeit und exzellente Forschungsarbeit. Zugleich sind diese Frauen Vorbilder. In der Diskussion nach dem Vortrag können Nachwuchswissenschaftlerinnen persönliche Fragen zum Werdegang stellen und sich Tipps holen. „Ein häufig gehörter Rat der Top-Forscherinnen, wenn es um Familie geht: Sucht euch den richtigen Partner aus!“, sagt Christiane Nolte.

Wie unsichtbar selbst Spitzenforscherinnen sein können, hat sich 2018 erneut gezeigt. Als das Nobelkomitee verkündete, dass Donna Strickland als dritte Frau in der Geschichte mit dem Nobelpreis für Physik geehrt werden soll, gab es über sie nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. Zu unbedeutend, hatte die Plattform befunden. Der Vorfall bestärkte Christiane Nolte darin, gemeinsam mit Kolleginnen vom MDC, dem Berlin Institute of Health (BIH) und der Charité die Idee für ein Wikipedia-Event aufzunehmen. Zum Frauentag 2019 wollen sie einen „Edit-a-thon“ anbieten, auf dem die Teilnehmenden Biographien für exzellente Wissenschaftlerinnen erstellen. Als Highlight wird Dr. Jessica Wade vom Imperial College London einen Impuls-Vortrag halten.

Die Unterschiede der Geschlechter stärker in den Forschungsthemen berücksichtigen

Für die nächsten Jahre hat sich Christiane Nolte viel vorgenommen. Sie will sich dafür einsetzen, dass Geschlechteraspekte in der biomedizinischen Forschung besser integriert werden: „Wir wissen, dass es geschlechterspezifische Unterschiede bei der Krankheitsentstehung und Therapie gibt. Daher müssen wir in der Grundlagenforschung genauer hinschauen und in unseren experimentellen Ansätzen, also zum Beispiel in Tierversuchen, zwischen Männchen und Weibchen unterscheiden“, sagt Christiane Nolte. Außerdem will sie gemeinsam mit der Administration prüfen, ob es bei Zulagen und Boni am MDC eventuell einen gender pay gap gibt, also eine unbewusste Bevorzugung von Männern oder Frauen. Das Entgelttransparenzgesetz, das 2017 in Kraft trat, macht es möglich. Ungleichbehandlung hat viele Facetten.

*alle Zahlen Stand Ende 2017

Weiterführende Informationen auf den Seiten des MDC