Über Misserfolge in Kunst und Wissenschaft
Als die Neurowissenschaftlerin Dr. Melanie Stefan 2010 in der Fachzeitschrift „Nature“ über einen Lebenslauf des Scheiterns (A CV of failures) schrieb, war sie noch Postdoktorandin. Zunächst wurde ihr Essay kaum beachtet, doch inzwischen ist das Thema im Netz viral. Heute ist sie Professorin an der MSB Medical School Berlin, sie analysiert die Mechanismen des Lernens und des Gedächtnisses – und spricht auf Veranstaltungen weltweit darüber, wie wichtig es für Forscher*innen (und für alle anderen) ist, zu ihren Fehlschlägen zu stehen. Bei der nächsten Ausgabe von SPARK am 5. September wird sie sich nach einer Uraufführung eines musikalischen Werkes auf dem Podium mit der Pianistin SooJin Anjou, der Geigerin Marlene Ito, dem Komponisten Reggie Moore und SPARK Co-Gastgeber Professor Nikolaus Rajewsky austauschen.
Wir haben mit Melanie Stefan über Rückschläge gesprochen – und darüber, all die Mühe auf dem Weg zum Erfolg zu würdigen.
Was verstehen Sie unter einem „CV of failures“ und wie ist das Konzept entstanden?
Melanie Stefan, Ph.D.
Melanie Stefan: Als ich gerade mit meinem PhD fertig war, suchte ich nach einer Anstellung. Und ich merkte: Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen wir ausschließlich über unsere Erfolge. In unseren Lebensläufen geht es vor allem darum, sich von der besten Seite zu zeigen. All die Dinge, bei denen wir versagen, sind unsichtbar. Die Idee hinter dem Lebenslauf des Scheiterns ist, das umzukehren. Einen alternativen Lebenslauf zu Papier zu bringen, in dem man die Misserfolge anstelle der Erfolge auflistet. Das ist einerseits eine gute Übung für zur Selbstreflektion. Gestandene Wissenschaftler*innen könnten damit aber auch jüngeren Menschen zeigen, dass der Weg zum Erfolg nicht geradlinig ist, dass er steinig sein kann.
Warum ist es so wichtig, über Rückschläge und Ablehnungen zu sprechen?
Es geht um eine aufrichtige Diskussion darüber, dass Rückschläge zu unserem Karriereweg gehören und wie man damit umgehen kann. Eine Zeitlang habe ich eine Tabelle über alle Grants geführt, die nicht bewilligt worden sind. Man könnte annehmen, dass das ein bedrückender Anblick ist. Aber es ist auch gut. Denn es hat mir gezeigt, wie viel Arbeit ich in ein Thema gesteckt habe. Wenn man dann eine Zusage bekommt, ist es eben nicht nur Glück oder Zufall. Das baut auf die Vorarbeit auf, die vorher keine Beachtung fand.
Wie wurde das Konzept aufgenommen?
Nach dem Essay in „Nature“ ist erst einmal gar nichts passiert. Ein paar Freund*innen hatten den Text gelesen. Aber im Jahr 2015 hat dann ein Professor der Universität Princeton seinen „CV of failures“ publiziert und ihn über einen Tweet verbreitet. Er hat sich auf meinen Artikel bezogen – und das hat bei vielen Menschen einen Nerv getroffen. Es folgte eine Welle auf Social Media, dann haben die Medien darüber berichtet. Seitdem halte ich Vorträge zu dem Thema, vor allem für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Es ist großartig, dass inzwischen multidisziplinäre Konferenzen organisiert werden, die sich der Frage widmen, wer offen über Misserfolge sprechen darf.
Wie hat sich die Diskussion seit 2010 entwickelt?
Wir sprechen inzwischen eher darüber, wie dieses Konzept mit größeren systemischen Fragen wie Diskriminierung und Privilegien zusammenhängt. Es hat sich herausgestellt, dass eben nicht alle Menschen die gleichen Chancen zum Scheitern haben. Wer privilegiert ist, kann öfter scheitern und dennoch offen darüber reden. Sie bekommen eine zweite Chance. Wer zu einer Minderheit gehört, hat diesen Luxus nicht. Manche Dinge, die sich wie persönliches Versagen anfühlen, sind tatsächlich ein Versagen der Systeme, in denen wir uns bewegen.
Worauf freuen Sie sich bei der SPARK-Podiumsdiskussion besonders?
Ich bin ein SPARK-Fan – ich war bereits mehrmals dort. Wir denken immer, Musik und Wissenschaft seien völlig verschiedene Welten. Aber wir stehen vor ähnlichen Herausforderungen, müssen ähnliche Hürden meistern. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten. Wir können wirklich voneinander lernen. Mich interessiert vor allem, welche Strategien Musikerinnen und Musiker haben, um mit Rückschlägen umzugehen.
Hat die Diskussion um das Scheitern Ihre Arbeit verändert?
Meine Freunde und ich feiern nicht die Zusagen. Wir feiern, wenn wir etwas eingereicht haben. Wenn wir ein Manuskript einreichen, gibt es erstmal Eis – das ist die Regel. Wenn es angenommen wird, kann man sich noch einmal freuen. Und das ist schön. Aber man muss nicht auf den Erfolg warten. Man kann auch die Mühe feiern, die man investiert hat. Das hat mir sehr geholfen, diesen Prozess zu normalisieren und sogar Freude daran zu finden.
Melden Sie sich für SPARK an: 5. September 2024, von 18 bis 20 Uhr im MDC-BIMSB.
Interview: Laura Petersen
Weiterführende Informationen
Literatur
A CV of failures, Nature, 2010
Ten simple rules for failing successfully in academia, PLOS Computational Biology, 2022