Kirsten Bodensiek

„Verträge müssen eingehalten werden“

Wenn Verträge geschlossen oder Forschungsergebnisse geteilt werden sollen, schlägt die Stunde der Rechtsabteilung. Ihre Leiterin Kirstin Bodensiek erzählt im Interview, warum Kommunikation das A und O in ihrem Job ist und was das Ganze mit Volleyball zu tun hat.

Wissenschaft findet nicht im Elfenbeinturm statt, sondern innerhalb eines strengen rechtlichen Rahmens. Am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) kümmern sich sechs Mitarbeiter*innen unter der Leitung von Kirstin Bodensiek darum, dass bei Kooperationsverträgen und der Verwertung von Forschungsergebnissen alles seine Richtigkeit hat. Auch für andere rechtliche Fragestellungen, etwa in Angelegenheiten des Bau- oder Vergaberechts, steht Kirstin Bodensiek mit ihrem Team Forschungsgruppen, Abteilungen und Vorstand beratend zur Seite.

Die 47-jährige gebürtige Berlinerin hat nach dem Fall der Mauer an der Humboldt-Universität mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht studiert. Nach dem Studium arbeitete sie bei einem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG. Nach 14 Jahren wechselte sie ans MDC. Neben der interdisziplinären Zusammenarbeit gefällt ihr hier besonders, dass sie auf die Frage „Können Sie mir bitte erklären, woran Sie forschen?“ noch nie eine abschlägige Antwort bekommen hat.

Jeder Tag ist spannend

Wir haben mit allen Abteilungen Kontakt, arbeiten viel mit Wissenschaftler*innen zusammen. Dadurch ist die Arbeit hier sehr spannend und jeden Tag neu.
Kirstin Bodensiek
Kirstin Bodensiek Leiterin der Rechtsabteilung

Seit wann sind Sie am MDC?

Ich habe am selben Tag wie Heike Graßmann am MDC angefangen: am 1. Oktober 2018, also vor ziemlich genau drei Jahren. Frau Graßmann, unsere Administrative Vorständin, hat mich damals bei ihrem ersten Townhall Meeting mit vorgestellt.

Sie waren vorher 14 Jahre lang bei einer Tochterfirma der Deutschen Bahn tätig, einem Versicherungsmakler. Was hat sie bewogen zu wechseln?

Ich war 14 Jahre für mein früheres Unternehmen tätig, da war einfach die Zeit reif für etwas Neues. Außerdem wollte ich wieder in einem großen Unternehmen arbeiten und viele Kolleg*innen um mich haben. In meinem früheren Unternehmen in Bad Homburg haben zwar auch 130 Mitarbeiter*innen gearbeitet, aber nach meinem Wechsel nach Berlin habe ich das Team der Berliner Niederlassung geleitet, da waren wir nur zu siebt. Auf Dauer kannte ich alle Themen, nichts war mehr neu und konnte mich noch besonders überraschen.

Vom Versicherungsmakler in eine Forschungseinrichtung – war das nicht eine große Umstellung?

Ich war in der Bauabteilung tätig und habe also immer mit anderen Berufsgruppen gearbeitet, hatte zum Beispiel viel mit Ingenieur*innen zu tun. Diese Interdisziplinarität ist geblieben. Wir als Rechtsabteilung haben im Grunde mit allen anderen Abteilungen Kontakt, arbeiten viel mit Wissenschaftler*innen zusammen. Dadurch ist die Arbeit hier sehr spannend und jeden Tag neu.

Informationsbeschaffung ist das Wichtigste

In welche neuen Rechtsgebiete mussten Sie sich einarbeiten?

Mit öffentlich-rechtlichen Belangen, beispielsweise dem Zuwendungsrecht, hatte ich vorher nichts zu tun, das musste ich mir erarbeiten. Das war aber kein Problem. Viele Berufsanfänger*innen haben großen Respekt davor, den Job zu wechseln, weil sie denken, dass sie eine neue Stelle fachlich nicht abdecken. Das kann man aber alles nachholen. Die Hauptsache ist, dass man mit den Menschen klarkommt, denn ein Großteil unserer Arbeit besteht darin, mit Kolleginnen und Kollegen und anderen Expert*innen zu sprechen und Informationen zu beschaffen. Für Spezialthemen arbeiten wir mit externen Kanzleien zusammen, die beispielsweise auf Arbeitsrecht, Baurecht oder Tierschutzrecht spezialisiert sind.

Die Hauptsache ist, dass man mit den Menschen klarkommt.
Kirstin Bodensiek
Kirstin Bodensiek Leiterin der Rechtsabteilung

Worin bestehen die Aufgaben der Rechtsabteilung?

In erster Linie sind wir natürlich dafür da, die Wissenschaft zu unterstützen. Insofern definieren wir uns ganz klar als Service-Einheit. Wir wollen ermöglichen, dass alle am MDC gut arbeiten können, und wollen niemandem vorschreiben, was erlaubt ist und was nicht. Wir beraten, wir klären über Risiken auf, wir versuchen zu gestalten. Das betrifft zum Beispiel Kooperationsverträge mit anderen Institutionen oder mit der Industrie, Lizenzverträge oder Geheimhaltungsvereinbarungen. Wir werden auch tätig, wenn geregelt werden muss, wem Forschungsergebnisse gehören und wie Gelder fließen sollen. Wir arbeiten dabei nicht nur sehr eng mit dem*der betreffenden Wissenschaftler*in zusammen, sondern auch mit den Abteilungen Technologietransfer und Forschungsförderung. Zudem beraten wir den Vorstand in rechtlichen Fragen. Außerdem sind wir für die Außenwirtschaftskontrolle zuständig.

Was ist unter Außenwirtschaftskontrolle zu verstehen?

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich dazu verpflichtet, nichts auszuführen, was im Ausland für militärische Zwecke oder schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden könnte. Für das MDC als Forschungseinrichtung heißt das, dass wir sehr genau aufpassen müssen, welches Wissen wir verbreiten oder welche Geräte wir wohin geben – beispielsweise könnten Bauteile für Mikroskope auch in Waffen verbaut werden. Die Rechtsabteilung prüft deshalb alles, was wir nach außen geben, ob dieses Missbrauchspotenzial besteht.

Haftungsrisiken abwenden

Ist Compliance in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort?

Compliance heißt ja nichts anderes als regelkonformes Verhalten, insofern betrifft Compliance alle Bereiche am MDC. Wir arbeiten derzeit am Compliance-Konzept, in dem wir auch unsere Compliance-Ziele festschreiben. Für die Zukunft werden wir dann auch entsprechende Schulungen für die Mitarbeiter*innen anbieten.

Können Sie schon etwas zu den Compliance-Zielen sagen?

Um zu gewährleisten, dass jedes Handeln am und für das MDC regelkonform ist, wollen wir den Mitarbeiter*innen einen verlässlichen Handlungsrahmen setzen und damit Rechts- und Prozesssicherheit herstellen. Dazu gehört auch, dass sie jederzeit und ausreichend Zugang zu den entsprechenden Informationen haben. Wir wollen Transparenz über mögliche Risiken herstellen, den Datenschutz gewährleisten, Reputationsschäden vermeiden und letztlich Haftungsrisiken vom Vorstand abwenden.

Kirstin Bodensiek beim MDC-Sommerfest 2021.

Was schätzen Sie besonders am MDC?

Das internationale Flair, diesen wunderschönen Campus, die große Aufgeschlossenheit und die kollegiale Zusammenarbeit. Jurist*innen wollen häufig ihr Wissen nicht unbedingt teilen und lieber für sich behalten, es ist schließlich ihr Alleinstellungsmerkmal. Bei den Kolleg*innen am MDC und in der Helmholtz-Gemeinschaft beobachte ich eine große Offenheit. Vor der Corona-Pandemie hat die Rechtsabteilung in dem Format „Legal meets Science“ Forscher*innen gebeten, uns einen Einblick in ihre Arbeit zu geben. Darauf haben die Wissenschaftler*innen total offen reagiert, und ich hoffe sehr, dass wir das irgendwann wieder aufgreifen können. Wenn wir verstehen, was sie tun, können wir das in den Verträgen viel besser berücksichtigen.

Gemeinsam durch die Krise

Hat die Corona-Pandemie die Arbeit der Rechtsabteilung beeinflusst?

Und wie! Ich habe im Krisenstab mitgearbeitet und war wirklich beeindruckt, wie schnell wir in enger Abstimmung mit dem Vorstand und allen Abteilungsleitern Ergebnisse erzielt haben. Morgens haben wir Nachrichten im Radio gehört, tagsüber zusammengesessen und unsere Maßnahmen flexibel daran ausgerichtet. Wir haben viel und sehr kritisch diskutiert, sind aber darüber nicht in Streit geraten. Die Leute haben sich sehr engagiert, sich verantwortlich gefühlt und freiwillig Aufgaben übernommen. Das war eine spannende Erfahrung, tolle Teamarbeit und hochkonzentrierte Arbeitsatmosphäre.

Befinden Sie sich jetzt wieder in normalem Fahrwasser?

Noch nicht ganz. Die Pandemie beschäftigt uns weiter, wenn zurzeit auch nicht so stark. Unsere Art der Zusammenarbeit hat sich insgesamt etwas geändert. Ich war sehr erstaunt, wie reibungslos unsere Abteilung und viele andere auch im Homeoffice funktioniert haben. Da wir auf Videokonferenzen, E-Mails und Telefon angewiesen waren, waren viele Kolleg*innen sogar besser erreichbar, als wenn wir alle vor Ort in Meetings sind. Andererseits haben mir während des Lockdowns der direkte Austausch, die informellen Gespräche abseits offizieller Sitzungen gefehlt. Zurzeit praktizieren wir eine Mischung aus Präsenzarbeit und mobilem Arbeiten – das ist perfekt für mich. Wenn ich mich konzentriert in etwas vertiefen muss, arbeite ich gern ungestört und fokussiert zu Hause. Ansonsten bin ich sehr gern im Büro.

Haben Sie sich Ihre Arbeit so vorgestellt, als Sie sich für ein Jurastudium entschieden haben?

Nein. Ich wollte zwar immer in einem Unternehmen und mit Menschen arbeiten. Aber ich dachte, bei Jura gehe es darum zu wissen, was erlaubt ist und was nicht. Es ist aber viel mehr: Vor allem geht es darum, sich umfassend zu informieren und Argumente gegeneinander abzuwägen. Darauf wird man beim Jurastudium allerdings sehr gut vorbereitet. Ich ziehe auch viele Parallelen zwischen meiner Arbeit und dem Sport.

„Wir sind ein super Team“

Was für einen Sport treiben Sie?

Ich leite die Volleyballabteilung in einem Sportverein, spiele aktive Hallen- und Beachvolleyball, kümmere mich aber auch um die Mitgliederverwaltung und organisatorische Fragen.

Sie sind also eine Teamplayerin?

Das würde ich auf jeden Fall bejahen. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeiter*innen. Es ist mir wichtig, dass sich alle in meinem Team verantwortlich fühlen für die Aufgaben, die sie übernehmen Sie bekommen dafür auch eigene Entscheidungsspielräume. Es ist wirklich wie im Sport: Das beste Team ist nicht das mit den besten Einzelspieler*innen, sondern das, in dem die Spieler*innen am besten zusammenarbeiten. Wir sind ein tolles Team, sind super aufgestellt und ergänzen uns hervorragend.

Es ist mir sehr wichtig, dass die Rechtsabteilung von den Forschungsteams als Service-Einheit wahrgenommen wird und entsprechend agieren kann.
Kirstin Bodensiek
Kirstin Bodensiek Leiterin der Rechstabteilung

Welche Aufgaben stehen aktuell für Sie und Ihr Team an?

Durch den organisatorischen Umbau des MDC und die Neubesetzungen von Leitungsstellen ist viel im Wandel. Die Rechtsabteilung ist an den oft Schnittstellen eingebunden. Auch das Thema Datenschutzrecht gewinnt an Bedeutung für uns, da Wissenschaftler*innen mit Forschungsdaten arbeiten, an die hohe gesetzliche Anforderungen geknüpft sind. Im Zuge der Digitalisierung wird das immer mehr. Die Datenschutzbeauftragte ist zum 1. August 2021 in unsere Abteilung gewechselt.

Was ist Ihnen besonders wichtig?

Dass die Rechtsabteilung von den Forschungsteams als Service-Einheit wahrgenommen wird und entsprechend agieren kann. Dass man von uns schnelles und professionelles Feedback bekommt. Auch wenn einige manchmal meinen, unter Freunden regeln wir das so. Verträge werden für den Fall gemacht, wenn man sich nicht mehr toll versteht. Freundschaften können zerbrechen, aber: Pacta sund servanda – Verträge sind einzuhalten.

Das Interview führte Jana Ehrhardt-Joswig.