Animal Research Talk

Warum wir über Tierversuche reden müssen

Tierversuche sind oft ein Tabuthema. Sowohl Institute als auch einzelne Forscherinnen und Forscher zögern, offen darüber zu sprechen. Am MDC jedoch hat Transparenz Tradition. Und auch anderswo verändert sich die Haltung, schließlich soll die Wissenschaft zugänglicher für die Gesellschaft werden.

Was bringt es, über Tierversuche zu reden? Die bessere Frage wäre vielleicht: Was passiert, wenn der Einsatz von Tieren in der Forschung nicht thematisiert wird? Zeitdruck und die Furcht vor möglicher Missbilligung sind jedenfalls eine starke Motivation, um zu schweigen.

Um diese Fragen zu beantworten und für mehr Offenheit einzutreten, war das MDC in Zusammenarbeit mit der European Animal Research Association (EARA) kürzlich Gastgeber eines Satellitenevents des Forums der Neurowissenschaften (FENS). Wer die Rolle von Tierversuchen in der Wissenschaft nicht diskutiert, überlässt dadurch „Extremisten das Spielfeld“, argumentierte Dr. Thomas Kammertöns, Krebsimmunologe am MDC. Kirk Leech, Geschäftsführer der EARA, unterstützte diesen Standpunkt und sagte: „Die Öffentlichkeit hört die Stimme von Tierschützern in einem Ohr und dann nichts über Tierversuche im anderen Ohr“.

Die Redner waren sich einig, dass vor allem die Institute dafür verantwortlich sind, über das Thema Tierversuche zu kommunizieren. Eine offene Diskussion sollte sowohl intern als auch extern gefördert werden. Dies ist jedoch in den meisten Einrichtungen nicht die Norm. Leech stellte die Ergebnisse einer von der EARA durchgeführten Umfrage vor. Sie legen nahe, dass die überwiegende Mehrheit der wissenschaftlichen Institutionen auf ihren Websites nur wenige Informationen über ihre Tierversuche preisgibt. Das Gespräch zwischen Einrichtungen und Journalisten beginne im Allgemeinen nur im Falle einer Krise.

Infiltration und Besserung

Bei der Max-Planck-Gesellschaft war das sicherlich der Fall. Nachdem Tierschützer in ein Institut in Tübingen eingedrungen und dort gefilmt hatten, kam es zu weitreichenden institutionellen Veränderungen, sagte Dr. Andreas Lengeling, Beauftragter für Tierversuche in der Grundlagenforschung. Dies umfasse eine bessere Kommunikationsstrategie für die Max-Planck-Gesellschaft, eine Überarbeitung und Verbesserung ihrer Tierversuchsmethoden sowie Lehrmaterialien zur Ethik von Tierversuchen.

Für das MDC hat sich die Strategie, offen über Tierversuche und deren Gründe zu sprechen, bereits bewährt. Das Zentrum ist seit 2014 Mitglied von EARA. „Für uns ist das kein Lippenbekenntnis. Wir stellen uns den Diskussionen auch dann, wenn es vermutlich schwierig wird und versuchen, auch unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu zu ermutigen“, sagte Vera Glaßer, die in der Kommunikationsabteilung des MDC für dieses Thema zuständig ist.

Um wirklich mit der Öffentlichkeit in Verbindung zu treten, sollten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst über ihre Versuche reden“, mahnte Volker Stollorz, Geschäftsführer des Science Media Center Germany. Er forderte sie dazu auf, „über ihre Werte zu reden und auszusprechen, welche Tiere sie verwenden, nicht nur über Fakten und Schaubilder“. Der sehr emotionsgeladene Argumentation und Rhetorik der Tierschützer könne man nicht ausschließlich mit Daten begegnen. Einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten ihre Geschichte erzählen und ihre persönliche Meinung zu Tierversuchen preisgeben. 

Ein wiederkehrendes Thema war, dass Offenheit zu besserer und ethischerer Forschung führt sowie das öffentliche Verständnis über die Notwendigkeit von Tierversuchen sowie über die Realität wissenschaftlicher Prozesse im Allgemeinen verbessert. Es sollte jedoch nicht das Ziel einer solchen Kommunikation sein, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Tierversuche etwas uneingeschränkt Gutes sind, empfahl Kammertöns in seinem Vortrag: „Wir sollten stattdessen vermitteln, dass es ein kompliziertes Thema ist, das eine deutliche, ruhige und ausgewogene Diskussion verdient. Nur wenn wir offen über Tierversuche reden, können wir unser Ziel erreichen: einen Konsens, den die Mehrheit der Gesellschaft tragen kann.“

Interviews mit allen Rednern wird es im neuen Open-Science-Podcast des ORION-Projekts geben, der im Herbst 2018 startet.

Weiterführende Informationen

Take responsibility and speak up on animal research in Germany (EARA)