Was lesen Sie gerade, Frau Brecht?
Wer war Shakespeare – was ist das überhaupt für eine Frage? Noch vor einem Jahr hätte sie mich überhaupt nicht tangiert. Durch Zufall fiel mir Elizabeth Winklers erstes Buch in die Hände. Um dem*der Schenkenden eine Freude zu machen, habe ich es gelesen – und bin mit Winkler auf eine Reise durch das London der Elisabethanischen Zeit, die englische Literatur und intensiven Theoretisierens gegangen.
Shakespeare aus Stratford-upon-Avon (wir alle kennen ihn) hat einige der einflussreichsten und meistgefeierten Werke der englischen – nein, der Weltliteratur – geschrieben. Seine Dichtung hat nicht nur unsere Art zu erzählen geprägt, sondern neue Wörter und Redewendungen hervorgebracht, die wir bis heute verwenden. Geboren wurde er im kleinen Ort Stratford in den englischen Midlands, Sohn eines Handschuhmachers, vermutlich ausgebildet an der örtlichen Grammar School. In den 1590er-Jahren zog er nach London und gehörte zur dortigen Theaterszene. 1593 veröffentlichte er das Gedicht Venus and Adonis. Nicht alle glauben diese Geschichte – und genau darum geht es in Winklers Buch.
Elizabeth Winkler ist Journalistin und Literaturkritikerin. Ihre Artikel erschienen u a. im Wall Street Journal, dem New Yorker, der New York Times oder dem Economist. Ihr Essay über Shakespeare wurde erstmals in The Atlantic veröffentlicht.
Ist es wirklich glaubwürdig, dass dieser Mann aus Stratford – mit, soweit bekannt, nur rudimentärer Bildung (selbst für die damaligen Verhältnisse) – Der Kaufmann von Venedig schrieb? Ein Stück, das detaillierte Kenntnisse italienischer Bräuche und venezianischer Politik erkennen lässt? Aber noch wichtiger: Warum ist diese Frage eigentlich so provokant? Winkler legt die Argumente – pro und contra – dar, beschreibt ihre Gespräche mit Wissenschaftler*innen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten und wie dort auf ihre „ketzerische“ Frage reagiert wurde.
Ich glaube nicht, dass ich je Shakespeare gelesen habe. Vielleicht in der Schule, aber erinnern kann ich mich nicht. Zwar habe ich ein paar Stücke gesehen, aber ich muss gestehen: ich bin keine große Theatergängerin. Und trotzdem empfehle ich Winklers Buch jedem und jeder, der oder die nicht schnell genug weglaufen kann. Die Kombination aus Geschichte, Literatur, Detektivarbeit, einer ordentlichen Portion Verschwörung und Drama hat dafür gesorgt, dass ich das Buch verschlungen habe – und ich habe sogar Coursera-Kurse zum Thema „The Author Question“ gemacht (ja, mit Zertifikat – nein, nicht auf LinkedIn). Ich weiß jetzt mehr über Urkunden aus der Elisabethanischen Zeit, Unterschriften und das First Folio, als ich mir je hätte vorstellen können.
Elizabeth Winkler: Shakespeare Was a Woman and Other Heresies: How Doubting the Bard Became the Biggest Taboo, Simon & Schuster