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Was lesen Sie gerade, Frau Nolte?

Dr. Christiane Nolte ist Wissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe von Professor Helmut Kettenmann. Außerdem ist sie die Gleichstellungsbeauftragte des MDC.

Dr. Christiane Nolte.

Im Sommer habe ich einige Thriller und Reisebeschreibungen gelesen. Nun, im Herbst, habe ich endlich das Sachbuch zur Hand genommen, das schon seit dem ersten Corona-Lockdown in meinem Regal darauf wartet, studiert zu werden. In “Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert" (engl. „Invisible Women – exposing data bias in a world designed for men”) beleuchtet die britische Journalistin Caroline Criado Perez geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten. Sie zeigt, dass ein Großteil unseres Wissens auf Daten über Männer beruht und oft wider besseres Wissen die weibliche Perspektive vernachlässigt wird - der Norm-Mensch ist männlich. Dieses Fehlen der weiblichen Perspektive führt zu Verzerrungen und wirkt sich stark diskriminierend auf das Leben von Frauen aus, bis hin zu lebensbedrohlichen Folgen. Nur ein Beispiel von vielen, hier aus der Medizintechnik: 2013 haben Designer (ich vermute, es war keine Frau im Entwicklungsteam….) ein angeblich revolutionär neues Kunstherz auf den Markt gebracht, das nur leider für die allermeisten Frauen, die es dringend benötigt hätten, zu groß war. Für dessen Entwicklung hatte man männliche Probanden als „Standard“ herangezogen. Zwar haben sich die Designer daran gemacht, ein kleineres Modell zu entwickeln, doch das kommt für betroffene Frauen mit Jahren Verspätung.

Anhand von diesem und vielen anderen Beispielen aus dem Alltags- und Berufsleben, aus Design, Stadtplanung, medizinischer Forschung, und mit Bezug auf Krisensituationen wie Naturkatastrophen oder Pandemien zeigt die Autorin anschaulich, dass unsere von „Big data“ geprägte Welt die Hälfte der Bevölkerung schlicht ignoriert. Das ist nicht nur ungerecht, sondern hat auch weitreichende wirtschaftliche Konsequenzen.

Ich bin Gleichstellungsbeauftragte am MDC, und schon aus diesem Grund bin ich mit Gender-Diskriminierung beschäftigt. Dennoch war mir nicht klar, in wie vielen Lebensbereichen der Data-Gap tatsächlich zu einer Benachteiligung von Frauen führt. Wer hätte gedacht, dass Schneeräumen eine sexistische Komponente hat? Auch die Diskussion über gender-neutrale Toiletten sieht man nach der Lektüre in einem anderen Licht. Hochinteressant! Das Buch, rund 300 Seiten dick, ist ein wichtiges und erhellendes Werk, das möglichst viele Menschen lesen sollten.

Caroline Criado Perez schreibt kurzweilig, ohne dabei die sachliche Ebene zu verlassen. Das Buch ist  gut recherchiert und mit vielen Zahlen und Fakten hinterlegt. Mehr als tausend Fußnoten ermöglichen, sich selbst in die Details der einzelnen Aspekte zu vertiefen.

Gerne gebe ich mein Buch an Interessierte weiter. Ich kann es wärmstens empfehlen!