Jiyan Xu

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Jiyan Xu ist Doktorandin in der Arbeitsgruppe von Sofia Forslund. Sie erforscht, wie sich Ernährung, Allergien und potenziell schädliche Mikroorganismen gegenseitig beeinflussen und wie sie das menschliche Mikrobiom im Darm prägen. Die Forscherin empfiehlt ein zutiefst nachdenkliches, philosophisches Buch: einen Klassiker der japanischen Literatur.

Tsurezuregusa ist eine klassische Sammlung japanischer Essays aus der späten Kamakura- und frühen Muromachi-Zeit (auch bekannt als Nanbokuchō-Ära). Der Titel lässt sich mit „müßige Gedanken“ oder „Niederschriften aus Langeweile“ übersetzen. Das Werk umfasst 243 kurze Abschnitte, die unabhängig voneinander stehen – ohne feste Struktur oder Reihenfolge.

Yoshida Kenkō (1283–1350) war Hofbeamter und Dichter, bevor er buddhistische Gelübde ablegte und sich aus dem öffentlichen Leben zurückzog. Er lebte in einer Zeit politischer Umbrüche und gesellschaftlicher Unsicherheit: Das Kaiserhaus verlor an Einfluss, die Kriegerklasse gewann an Macht, und viele kulturelle Werte wurden neu verhandelt. Inmitten dieser Umstände entschied sich Kenkō für Zurückgezogenheit und Nachdenken.

In diesem persönlichen und historischen Kontext kehrt Tsurezuregusa immer wieder zum buddhistischen Gedanken der Vergänglichkeit (mujō 無常) zurück – dem Bewusstsein, dass alles im Wandel ist: Schönheit, Beziehungen, das Leben selbst. Nichts bleibt, alles vergeht.

Doch statt darauf mit Pessimismus zu reagieren, begegnet Kenkō dieser Einsicht mit Akzeptanz und Aufmerksamkeit. Er erkennt Schönheit im Flüchtigen: in abgefallenen Blüten, in beschädigten Dingen, in Unvollkommenheit. Seine Texte laden dazu ein, das Vergängliche gerade wegen seiner Vergänglichkeit zu schätzen.

Damit unterscheidet sich Tsurezuregusa von anderen Werken seiner Zeit. Im Vergleich zum oft melancholischen Ton der Heian-Literatur (Mono no aware, ein Konzept der japanischen Kultur) oder der resignierten Strenge von Hōjōki (Aufzeichnungen aus meiner Hütte), einem fast zeitgleichen Text über Vergänglichkeit, wirken Kenkōs Gedanken leichter, persönlicher, offener.

Er reflektiert auch über das rechte Maß an Nähe zwischen Menschen – zu viel Vertrautheit schade Beziehungen, ein wenig Distanz könne sie bewahren.

An anderer Stelle rät er, sich nicht zu sehr auf Zukünftiges zu fixieren, sondern im Moment zu leben – mit offenem Blick für Geräusche, Bilder und Eindrücke des Alltags. Diese ruhige Hinwendung zur Gegenwart ist eine stille Form des Widerstands gegen die Unruhe, die Wandel oft mit sich bringt.

Gerade in einer schnelllebigen Welt und angesichts der Anforderungen des wissenschaftlichen Alltags als Promovierende empfinde ich Tsurezuregusa als bemerkenswert inspirierend. Das Buch vermittelt eine sanfte Form der Weisheit – sie hilft mir, gelassen zu bleiben, loszulassen und die kleinen Momente bewusst zu genießen.

Yoshida Kenko: Betrachtungen aus der Stille: Das Tsurezuregusa. Insel-Taschenbuch