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Was lesen Sie gerade, Herr Häcker?

Karsten Häcker ist Chief Information Officer am Max-Delbrück-Centrum. Er liebt die Welt der Wissenschaft ebenso wie die der Computer. Sportliche Herausforderungen und Entdeckungen sind sein Metier. In seinem Lesetipp, einem Science-Fiction-Roman, nimmt er Sie mit an den Nordpol.

Zwei Welten, zwei Zivilisationen treffen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Heute ist das ein etwas langweiliger Topos in Literatur und Film, am Ende des 19. Jahrhunderts war er hochmodern.

Den Trend setzten Science-Fiction-Autoren. Neben dem allseits bekannten Briten H. G. Wells und Franzosen Jules Verne gehörte auch ein deutscher Schriftsteller dazu, der heute leider zu Unrecht weitestgehend vergessen ist. Kurd Laßwitz war einer dieser early adapter der Zeit.

In seinem 1000-Seiten-Roman „Die zwei Planeten“ schuf er eine fiktive Welt auf dem Mars, die technologisch weit entwickelt und gesellschaftlich so „fortgeschritten“ war, dass Konflikte oder gar Kriege der fernen Vergangenheit angehören. Die andere Welt dagegen ist die Erde zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und die ist so, wie sie eben war. Die großen Mächte streiten sich um Kolonien, sind dort die Kapitalisten, die sich alles einverleiben, und die Mehrheit der Menschheit leidet unter Krieg, Hunger, Krankheiten.

Karsten Häcker

Alles beginnt mit einer Expedition in die Arktis: Der Nordpol soll gefunden und erforscht werden. Schnell wird den menschlichen Protagonisten, kurz darauf der gesamten Menschheit klar, dass sie auf der Erde nicht allein sind. Die Martier – wie Laßwitz die Marsianer nennt oder Numen, wie er die Martier sich selber nennen lässt – haben dort schon vor Jahren eine Basis errichtet. Diese Basis erinnert an eine Station modernster Prägung mit übergroßen Fenstern, durch die die artenreiche Unterwasserwelt bewundert werden kann. Die Welt von Laßwitz ist voller Gerätschaften, die aus heutiger Sicht veraltet wirken, aber damals noch gar nicht erfunden waren, etwa Fernsprechanlagen oder sich selbst umblätternde Bücher.

Im Gegensatz zu den Figuren anderer Autor*innen sind die Außerirdischen der Laßwitzer Prägung kultiviert. Vernünftig, aufgeklärt und technologisch überlegen sind sie die besseren Menschen. Aus diesem Grund werden sie auch zu Lehrern, die den Menschen ihre Technologie bereitwillig zur Verfügung stellen und zu besseren Wesen machen. Wie oder ob dieses Vorhaben gelingt, soll hier nicht verraten werden…

Versprechen kann ich, dass auch 130 Jahre später viele Themen aktueller sind denn je. Die Martier nutzen erfolgreich die Sonne, um Strom und Wärme zu herzustellen. Nachdenklich stimmt – insbesondere im Kontext der aktuellen Ereignisse – Laßwitz‘ Vision, wie sich Energie zur Währung, zur dominierenden Komponente der Gesellschaft entwickelt. Die Vielzahl kleiner oder großer technologischer Fortschritte beeinflusst das Zusammenleben, die Arbeitswelt, schlussendlich die Gesellschaft der Martier massiv.

Fazit: 5 Sterne für diese 1000 Seiten Lesespaß oder 24 h Hörvergnügen.

Kurd Laßwitz – „Auf zwei Planeten“ / „Two Planets“, erschienen 1897