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Als Doktorand beschäftige ich mich täglich mit der Analyse proteomischer Daten aus dem Mikromilieu von Tumoren. Aufgewachsen bin ich in Venezuela, und war dort selbst an Dengue-Fieber und Chikungunya-Fieber erkrankt – Infektionen, unter denen weltweit Millionen Menschen leiden und die dennoch tragischerweise kaum erforscht oder finanziert werden.
Aus dieser Perspektive heraus möchte hier folgendes Buch empfehlen: „Everything is Tuberculosis“ von John Green. Für uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Nasslabor ist die häufigste Begegnung mit Mycobacterium tuberculosis wahrscheinlich der gefürchtete Kontaminationsfall in der Zellkultur – ärgerlich, aber meist nur ein technischer Rückschlag. Dieses Buch aber erinnert eindrücklich daran, dass die gleichlautende Diagnose für Millionen Menschen weltweit jedes Jahr lebensverändernd ist. Sie ist verbunden mit Todesangst, sozialer Ausgrenzung und berechtigter Wut über kollektives politisches Versagen.
„Everything is Tuberculosis“ spart die Mikrobiologie bewusst aus. Stattdessen richtet sich der Autor den Blick auf unseren gesellschaftlichen Umgang mit der Krankheit. Etwa auf den Wandel in ihrer Wahrnehmung: Einst wurde Tuberkulose romantisiert – als tragische Quelle kreativer Inspiration für todkranke Künstler oder bedeutende Persönlichkeiten wie Simón Bolívar. Erst nachdem Robert Koch das Tuberkel-Bakterium entdeckte, wurde die Krankheit zunehmend stigmatisiert und mit Armut assoziiert.
Die dringendste Botschaft des Buchs aber betrifft das Hier und Jetzt: Tuberkulose ist behandelbar – und trotzdem weitgehend vergessen in den reichen Ländern. Profitinteressen blockieren den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten. Das Buch zwingt uns, insbesondere als Wissenschaftler*innen, eine unbequeme Wahrheit anzuerkennen: Die größte Hürde beim Retten von Leben ist nicht immer die Entdeckung eines Medikaments oder einer Therapie – sondern die Frage, ob sie bezahlbar sind.
Bakterien sind unpolitisch und farbenblind – unser Umgang mit ihnen ist es nicht. Ich musste beim Lesen oft an meine eigenen Erfahrungen in Venezuela denken. Daran, dass der wissenschaftliche Teil vieler Krankheitsprobleme oft kleiner ist als die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme. Dieses Buch zeigt eindrücklich: Die wissenschaftliche Lösung ist nur ein Teil im größeren Kampf um globale Gesundheit.
Ob bei Tuberkulose, Dengue oder Chikungunya – der Ausgang des Kampfes entscheidet sich auch in der Welt von Politik, Wirtschaft und sozialer Gerechtigkeit.
John Green: Tuberkulose. Es ist Zeit, die tödlichste Infektion der Welt zu besiegen. Carl Hanser Verlag