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Was lesen Sie gerade, Herr Wyler?

Dr. Emanuel Wyler ist Molekularbiologe und Postdoc im Labor von Markus Landthaler. Aktuell ist er mit der Erforschung des Corona-Virus beschäftigt. Für unseren Lesetipp hat sich Wyler, der auch in der Wissenschaftskommunikation aktiv ist und bloggt, ein gerade erschienenes Buch ausgesucht, das die Systembiologie für Laien verständlich machen will.

Emanuel Wyler arbeitet am MDC in der Arbeitsgruppe von Markus Landthaler.

In fast jedem Antrag auf Fördergelder und fast jeder wissenschaftlichen Publikation gibt es, meist im letzten Satz, den ganz großen Ausblick für die eigene Forschung: Krebs heilen, ein Medikament gegen COVID-19 entwickeln, undurchdringliche Krankheitsbilder aufklären. Auch wenn es als Fernziel ehrlich gemeint ist, wissen die Autor*innen demütig, dass der Weg dorthin sehr weit und verworren ist und Scheitern viel wahrscheinlicher als Erfolg. Umso vorlauter in seinem Selbstbewusstsein mutet da der Untertitel „Wie wir mit Systembiologie erstmals unseren Körper ganzheitlich begreifen – und Krankheiten verhindern, bevor sie entstehen“ des Buches „Die Vermessung des Lebens“ des Wissenschaftsjournalisten Peter Spork an.

Aber vielleicht braucht die „Systembiologie“ – am Max-Delbrück-Centrum nicht nur mit einem Institut dieses Namens, dem Berliner Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB), verbunden – diesen optimistischen, die großen Linien skizzierenden Blick von außen, den dieses Buch bietet?

Die historische Einordnung, mit der Spork die Systembiologie in Verbindung mit den „Wissenschaftshippies“ des kalifornischen Esalen-Instituts der 1970er Jahre bringt, hätte man gerne noch etwas ausführlicher verfolgt. Aber mit Hilfe von vielen Gesprächen mit Systembiolog*innen (u.a. ausführlich mit BIMSB-Direktor Nikolaus Rajewsky) bringt das Buch einem breiten Publikum gut die allgemeinen Konzepte und Ideen dieser wissenschaftlichen Disziplin näher.

Was ist denn nun Systembiologie? Auf diese Frage geht der Autor natürlich ausführlich ein. Aktuelle Technologien wie Genomik oder Proteomik – die Untertitel im entsprechenden Kapitel lesen sich wie eine Auflistung der MDC-Technologieplattformen – werden verständlich erläutert. Zahlreiche Beispiele veranschaulichen, wie die Anwendung systembiologischer Methoden konkreten Nutzen bieten könnten. Dabei liegt der Fokus vor allem auf einfach zugänglichen Studien zu Themen wie Ernährung und Altern, die notwendigerweise noch ziemlich am Anfang stehen. Grundlagenforschung wird dagegen eher am Rande erwähnt.

Systembiologie ist Datenwissenschaft

Mehrfach, und hier liegt eine Stärke des Buches, wird deutlich gemacht, wie sehr die Systembiologie eine Datenwissenschaft ist. Exploratives (statt hypothesen-getriebenes) Sammeln von gigantischen Datenmengen und deren Analyse mit Algorithmen heben die Systembiologie von „traditionelleren“ Formen biomedizinischer Forschung ab. Das komplexe System Leben wird mit wissenschaftlichen Methoden aus den verschiedensten Disziplinen verstanden. Denn, so wagt der Autor die Prognose: „Es wird die Systembiologie sein, die den Streit zwischen all den Disziplinen beenden wird.“ Und weiter schreibt Spork: Die Medizin muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Nicht mehr die Krankheit und ihre Erforschung und Heilung stehen im Zentrum, sondern die Gesundheit, und wie sie mithilfe von umfangreichen Datensammlungen erhalten werden kann. Diesem Ziel hat sich auch die europaweite LifeTime-Initiative verschrieben, die vom BIMSB und dem Pariser Institut Curie gemeinsam koordiniert wird.

Man ließe sich gerne von der Begeisterung und (Technik-)Euphorie des Autors mitreißen, wären da nicht die zahllosen Beispiele in der Menschheitsgeschichte, in der gut gemeinte technologische Neuerungen von gesellschaftlichen Machtstrukturen dominiert und gelenkt wurden. „Die Systembiologie wird uns freier machen“ - als „direkte Folge des Erkenntnisgewinns“, behauptet Spork. Diese These erscheint im historischen Licht leider eher ein flehender Wunsch.

Erkenntnisgewinn gibt es dank des rasanten und gleichzeitig detaillierten Stils des Autors trotzdem in Hülle und Fülle. „Die Vermessung des Lebens“ bietet  damit eine gute Basis für eine kritische Begleitung des wissenschaftlich-gesellschaftlichen Dialogs über technologischen oder medizinischen Fortschritt in den nächsten Jahren.

Peter Spork: Die Vermessung des Lebens: Wie wir mit Systembiologie erstmals unseren Körper ganzheitlich begreifen – und Krankheiten verhindern, bevor sie entstehen. Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2021, Gebunden, 336 Seiten, 24,00 EUR