Erhard Geissler am MDC 2017

"Wie viel Glück ich hatte“: Erhard Geißler zum Neunzigsten

Ein Leben in drei Systemen, eine Wissenschaftskarriere gefördert von Max Delbrück, eine Vita als Friedensforscher und Entlarver von Verschwörungsmythen: Der Molekularbiologe Erhard Geißler feiert am 17. Dezember 2020 seinen 90. Geburtstag. Das MDC gratuliert seinem engagierten Wegbegleiter.

„Nach Vollendung des neunzigsten Lebensjahres werde ich mich dann endlich in den Ruhestand begeben.“ Wer die Homepage von Erhard Geißler durchstöbert, wird diesen Satz unter einer biografischen Skizze finden. Er hat ihn hoffentlich mit gehörigem Augenzwinkern geschrieben, denn wir möchten unbedingt wissen, wie dieses spannende, berührende und reiche Forscherleben weitergeht. Doch erst einmal möchten wir dem renommierten Molekularbiologen und Friedensforscher Professor Dr. Erhard Geißler gratulieren: Am 17. Dezember 2020 feiert er seinen 90. Geburtstag.

Erhard Geißler feiert am 17.Dezember seinen 90. Geburtstag.

Zur Welt kam Erhard Geißler 1930 in Leipzig. Es war eine Kindheit in Nazizeit und Krieg, und fast hätte er zum Schluss noch sein Leben aufs Spiel gesetzt. Als 14-Jähriger meldete er sich zum Einsatz bei den Panzervernichtungstrupps der Hitlerjugend. „Aber meine resolute Mutter verhinderte das durch Intervention bei der örtlichen Bannführung“, berichtete Geißler unlängst in einer Rede. 1950 schloss er seine Schulzeit mit dem Abitur ab und begann ein Biologiestudium an der Universität Leipzig. 1953 kam er zum ersten Mal nach Berlin-Buch, um dort am Institut für Medizin und Biologie ein Berufspraktikum zu absolvieren. Nach ein paar Umwegen landete er in der Abteilung des großen Krebsforschers Professor Arnold Graffi und half bei der Untersuchung chemischer Kanzerogene an Hefezellen.

Eine Beziehung, die seit 67 Jahren hält

Die Forschungsinstitute in Berlin-Buch sollten Geißlers berufliche Heimat werden. Von hier aus erlebte er die Nachkriegsjahre und den DDR-Aufbau, den Kalten Krieg und schließlich Wendezeit und Neubeginn im wiedervereinten Deutschland. Im 1992 gegründeten Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) wurde er Leiter der Forschungsgruppe Bioethik: eine Aufgabe, der er sich bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 widmete. Die Beziehung zum Campus ist bis heute eng – auch nach 67 Jahren noch.

„Für seine enge Verbundenheit mit dem MDC und für sein Engagement über all die Jahre sind wir sehr dankbar. Vor seiner Lebensleistung habe ich großen Respekt. Professor Geißler steht für wissenschaftliche Neugier und Weltoffenheit, für Veränderungsbereitschaft und Geschichtsbewusstsein zugleich – all das Werte, die uns alle am MDC verbinden. Ich gratuliere Erhard Geißler ganz herzlich zu seinem 90. Geburtstag“, sagt Thomas Sommer, wissenschaftlicher Vorstand des MDC (komm.)

Delbrücks Eintragung in Geißlers Gästebuch, 22.3.1963.

Max Delbrück, der väterliche Freund

Aber wenden wir den Blick noch einmal zurück zu den Anfängen im Ostberliner Institut für Medizin und Biologie. In Graffis Abteilung herrschte eine intellektuell anregende Atmosphäre, man diskutierte die internationale Fachliteratur und empfing Besucher*innen aus aller Welt. Gegenbesuche waren ebenfalls möglich, bis zum Mauerbau 1961 sogar recht unkompliziert. So reiste Erhard Geißler 1960 zu einem Studienaufenthalt nach Köln, wo an der Universität gerade erst das Genetische Institut hochgezogen wurde. Er lernte dort Max Delbrück kennen, der ihm lebenslang ein väterlicher Freund und großzügiger Förderer sein sollte. Aus dem Rheinland zurückgekehrt, belegte Erhard Geißler an der Freien Universität Berlin, bei Professor Herbert Lüers, Kurse zur Drosophila-Genetik. In den stürmischen Anfangsjahren der Molekularbiologie hatte er sich zum Experten gemausert und fand sich nach dem Mauerbau im neugegründeten Zentralinstitut für Molekularbiologie (ZIM) als Leiter der „Problemkommission Nukleinsäuren und Viren“ wieder.

Wie sich alles so abspielte

Rückblickend wird Erhard Geißler später oft von den zwei Gnaden sprechen. Die „Gnade der späten Geburt“ bewahrte ihn davor, als Soldat in den Krieg ziehen zu müssen. Die „Gnade der frühen Geburt“ hingegen ermöglichte ihm wegweisende Erfahrungen und das Erreichen relativ einer sicheren Position vor dem Mauerbau: „Wir konnten unbefristete Arbeitsverträge abschließen, ungehindert publizieren, wenig gehindert in alle Welt reisen und Kontakte zu einflussreichen Kollegen knüpfen“, resümierte Geißler in einer Geburtstagsrede auf seinen langjährigen, kürzlich verstorbenen Weggefährten Professor Heinz Bielka. Aus seinen Worten spricht Dankbarkeit. Sie durchzieht auch die 2010 erschienene Autobiografie „Drosophila oder die Versuchung“, die er auf seiner Website so zusammenfasst: „Wie sich alles so abspielte, wie viel Glück ich hatte und wie unendliche Hindernisse überwunden werden konnten“.

Erhard Geißler und Heinz Bielka.

Erhard Geißlers Texte sind klar und lebendig, schnell getaktet, humorvoll und erfrischend persönlich. Zuerst hatte er Journalist werden wollen und früh schrieb er als freier Mitarbeiter für die Leipziger Volkszeitung – betreut von dem späteren Bestsellerautor Bruno Apitz („Nackt unter Wölfen“). Für Geißler selbst kam es dann anders, aber seine Tochter Cornelia Geißler ist Journalistin geworden; sie arbeitet als Redakteurin bei der Berliner Zeitung.

Wissenschaft für alle

Doch auch als er sich längst für eine Forscherlaufbahn entschieden hatte: Die allgemeinverständliche, unterhaltsame Wissensvermittlung blieb Erhard Geißler ein Anliegen. Er hielt populäre Vorträge in der Urania (Ost), engagierte sich in der Lehrerbildung und schreibt bis heute Beiträge für Publikumsmedien. Darin geht es oft um Bioethik, Abrüstungspolitik, Friedensforschung – und Verschwörungsmythen.

Das Interesse an ethischen Fragen der Biowissenschaften keimte in DDR-Zeiten allmählich auf. 1965 war Geißler auf eine ordentliche Professur an die Universität Rostock berufen worden. Dort versuchte er, zur Genetik von Mikroben zu forschen, was aber an den schlechten Laborbedingungen scheiterte. Deshalb zog er 1971 mit seinem Team zurück nach Berlin-Buch. Am ZIM stieg er zum Abteilungsleiter auf – zunächst für somatische Zellgenetik, ab 1980 dann für Virologie.

Als Friedensforscher in Stockholm

Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte sich Erhard Geißler bereits intensiv mit den Chancen und Risiken der Gentechnik. Seit den 1970er-Jahren engagierte er sich bei den Kühlungsborner Kolloquien über philosophische und ethische Probleme der Molekularbiologie, die bis in die 1990er-Jahre hinein stattfanden. „Zunehmend interessierte ich mich dafür, wie der militärische Missbrauch der Biowissenschaften begrenzt werden kann“, ist auf seiner Website zu lesen. 1983 engagierte ihn das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) als Berater für biologische Waffen. In der Folgezeit verbrachte Geißler – er war Reisekader – alljährlich einige Wochen zu Studienzwecken in Stockholm. Zwei Jahre vor der Wende gab er seine Position am ZIM auf, um sich ganz auf Fragen der Friedens- und Abrüstungspolitik konzentrieren zu können und Bücher zu schreiben. Als eine der letzten Konferenzen der untergehenden DDR fand noch im September 1990 ein Kühlungsborner Kolloquium statt – nicht mehr finanziert von der DDR-Akademie, sondern von der Volkswagenstiftung.

Detlev Ganten und Erhard Geißler.

Und so kam es zu folgender Szene, die der Gründungsdirektor des MDC, Professor Detlev Ganten, gern erzählt: „Als ich 1992 neu nach Buch kam, führte ich praktisch rund um die Uhr Gespräche mit Mitarbeitern. Meine Bürotür stand offen und abends gab es Flensburger Bier und Rotwein. Erhard Geißler kam um Mitternacht – er sah aus wie Heiner Geißler! ‚Keine Angst‘, sagte er und setzte sich, ‚ich will nichts von Ihnen, ich habe für mich selbst gesorgt‘. Die meisten, die damals zu mir kamen, wollten eine feste Stelle. Erhard Geißler aber hatte sich schon bei der Volkswagenstiftung um Fördermittel für seine unabhängige Friedensforschung beworben und eine Zusage erhalten. Er wollte am MDC nur ein Büro für sein Projekt. Das hat er auch bekommen – ein richtig schönes Büro.“

Freier Kopf, guter Freund

Ganten, der das MDC bis 2004 leiten und dann als Chef an die Charité wechseln sollte, lobt die hochrangigen Tagungen, die Erhard Geißler veranstaltete. Einmal habe er einen Vortrag übernommen – „über ein für mich ganz neues Thema, den Beitrag der Gesundheit zum Frieden“. Als DDR-Bürger sei Geißler vielleicht kein aktiver Widerstandskämpfer gewesen, sagt der Westdeutsche über seinen ostdeutschen Kollegen. „Aber er hat sich sein freies Denken immer bewahrt. Er war und ist ein anständiger Mensch und ein guter Freund.“

Nach seiner Emeritierung mit siebzig Jahren arbeitete Erhard Geißler als Gastwissenschaftler am MDC unter anderem den „HIV-aus-Fort-Detrick-Mythos“ auf. Diesem Mythos zufolge wurde das Immunschwächevirus HIV im amerikanischen Biowaffenschutzinstitut in Fort Detrick gentechnisch konstruiert – im Auftrag des Pentagon. Der Ost-Berliner Emeritus Jakob Segal hatte die, wie sich herausstellen sollte, erfundene Geschichte vom Aidsvirus als Geschöpf des Klassenfeindes jahrelang medienwirksam verbreitet. Tatsächlich ging sie wohl auf eine 1985 gestartete Desinformationskampagne des sowjetischen In- und Auslandsgeheimdienstes KGB zurück, wie Geißler rekonstruierte und 2019 in zwei Publikationen darstellte. 

Wilde Gerüchte über die Ursachen von Pandemien gibt es immer wieder; aktuell geht es dabei um das Corona-Virus. Ob die neuen Spekulationen den Forscher Erhard Geißler herausfordern? Wir hoffen es und werden es erfahren – wenn wir Glück haben.

Text: Lilo Berg

 

Weitere Informationen