COVID-19

📺 „Wir wollen uns einbringen, um Probleme zu lösen"

Die Corona-Task-Force am MDC bündelt Ressourcen für SARS-CoV-2 Forschungsprojekte. Federführend ist Markus Landthaler. Im Interview erklärt er, wie die Arbeitsgruppen im Minimalbetrieb gemeinsam daran arbeiten, Coronaviren besser zu verstehen.

Wie kann das MDC in der jetzigen Situation helfen?

Es gibt im Moment sehr grundlegende Fragen, die beantwortet werden müssen. Zum Beispiel: Wie kommt das Virus in die Zelle? Was tut es in der Zelle? Wie baut es die Genexpression in der Zelle um? Wie reagiert unser Körper darauf? Wie aktiv ist das Immunsystem dem Virus gegenüber? Hier versuchen wir unsere Expertise einzubringen – von der Biochemie über die Molekularbiologie, die Zellbiologie, Genetik, bis hin zur Bioinformatik. Normalerweise beschäftigen wir uns mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erkrankungen des Nervensystems und mit Krebs. Aber wir können unsere wissenschaftliche Expertise auch bei den neuen Fragestellungen ins Spiel bringen. Wir sind kein Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten, dadurch sind einige Möglichkeiten für uns nicht gegeben. Hier greifen wir auf Kollaborationen mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Robert Koch-Institut zurück.

Unterscheidet sich die aktuelle Situation vom regulären Forschungsalltag?

Wir sind im Minimalmodus. Im Moment ist es sehr still, und es laufen nur wenige Kolleginnen und Kollegen über die Flure oder sind in den Laboren. Zwei Drittel aus meiner Arbeitsgruppe sitzen zu Hause an ihren Doktorarbeiten oder schreiben Forschungsergebnisse für Publikationen zusammen. Es wäre natürlich schön, wenn jeder hier wäre und wir alles eins zu eins diskutieren könnten. Aber im Moment müssen wir auf die Sicherheit und die Gesundheit aller Kolleginnen und Kollegen achten.

Viele MDC-Gruppen beteiligen sich an der Corona-Forschung. Warum?

Es hat mich sehr überrascht, dass so viele Labore sich bereit erklärt haben, sich einzubringen. Und die Zahl vergrößert sich von Tag zu Tag. Das liegt auch daran, dass viele von uns persönlich und beruflich von dieser Situation betroffen sind. Als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler wollen wir uns einbringen, um Probleme zu lösen.

Welche Rolle spielen die Behörden bei der Forschung?

Viele der Protokolle für die Arbeit mit Patientenmaterial oder mit den inaktivierten Viren bedürfen gewisser Richtlinien. Wir müssen Protokolle für die biologische Sicherheit und die Arbeitssicherheit einreichen, die dann von den Behörden bearbeitet werden müssen. Das geht im Moment sehr schnell, wofür wir sehr dankbar sind.

Wie arbeiten die Forschenden innerhalb des MDC miteinander?

Zum einen sind die Labore am MDC gut miteinander verknüpft. Wir wissen, was die anderen tun und können uns intern zu Netzwerken zusammenschließen und Analysen parallel stattfinden lassen.

Werden die international erhobenen Daten irgendwo zentral gespeichert?

Es wäre sehr hilfreich, wenn überall, wo Patientenmaterial analysiert wird, auf gleiche Weise gearbeitet wird: die Daten an einem zentralen Ort zu speichern, um sie den einzelnen Instituten wieder zugänglich zu machen. Um Rückschlüsse zu ziehen, ist es besser, wenn es Informationen über 10.000 Patienten als über 5 Patienten gibt.

Warum ist es wichtig, so viele Daten wie möglich miteinander zu vergleichen?

Es geht nicht nur um die virale Erkrankung. Viele Patienten hatten seltene und spontane Erkrankungen davor, die wahrscheinlich auf SARS-CoV-2 zurückzuführen sind. Gerade bei den seltenen Fällen – bei spontanen Herzerkrankungen oder Erkrankungen des Nervensystems – ist es wichtig, die Zahl der Patient*innen zu erhöhen, um aussagekräftige Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Woran arbeitet Ihre Arbeitsgruppe?

Wir arbeiten gemeinsam mit dem Institut für Virologie der Charité und bringen unsere Expertise in der Einzelzellsequenzierung ein. Wir machen Grundlagenforschung und wollen herausfinden, welche Auswirkungen SARS-CoV-1 und SARS-CoV-2-Viren auf menschliche Lungenzellen haben. Das Ziel ist es herauszufinden, ob es eine kleine Gruppe von Zellen gibt, die sich anders verhalten als der Rest der Zellen. Womöglich werfen einige Zellen ein Programm an, das das Virus im Zaum hält und verhindert, dass es sich effektiv in der Zelle vermehrt. In einem zweiten gemeinsamen Forschungsmodell mit der Charité und dem Robert Koch-Institut arbeiten wir mit Organoiden – das sind etwas komplexere Forschungsmodelle, wo Zellen in dreidimensionalen Kulturen wachsen. Diese Organoide bestehen aus verschiedenen Zellen und kommen somit den menschlichen Organen etwas näher als zweidimensionale einfache Zellkulturen.

Was ist Ihre Hoffnung fĂĽr die kommenden Monate?

Ermutigend ist, dass gerade ein reger Austausch zwischen Wissenschaftler*innen herrscht. Viele stellen ihre Reagenzien und Zelllininen, die im Labor generiert wurden, sofort zur Verfügung oder publizieren sofort in Online-Foren, die für alle zugänglich sind. Das macht es leicht einen besseren Überblick zu behalten, an was Kollegen und Kolleginnen gerade arbeiten. Das macht mich sehr zuversichtlich, dass wir vielleicht bald mit konkreteren Antworten aufwarten können.

Was wĂĽnschen Sie sich fĂĽr Corona-Forschung am MDC?

Ich hoffe, dass wir in den nächsten Wochen die ersten wissenschaftlichen Daten haben - nicht nur aus meinem Labor. Es gibt viele Labore, die momentan hart daran arbeiten, einen kleinen Beitrag zu diesem großen Puzzle leisten zu können, das wir wahrscheinlich nicht alleine lösen werden. Vielleicht können wir jeder ein kleines Puzzlesteinchen dazulegen, das ist die große Hoffnung.