Ein neuronales Netzwerk aus zwei Nervenzellen in der Petrischale

Der Netzwerker

Der Neurowissenschaftler Dr. James Poulet wurde zum 1. April 2020 auf die W3-Professur für „Systems Neuroscience“ an der Charité – Universitätsmedizin Berlin in Kooperation mit dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) berufen.

Wer mit der Hand über eine Eisfläche fährt, spürt Kälte und Glätte zugleich. „Für uns ist es ganz alltäglich, dass viele Sinneswahrnehmungen eine Einheit bilden. Trotzdem wissen wir nicht viel darüber, wie genau sie miteinander verbunden werden“, sagt James Poulet. Der britische Neurowissenschaftler leitet seit 2009 die Arbeitsgruppe „Neurale Netzwerke und Verhalten“ am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und ist Teil des Exzellenzclusters NeuroCure. Gemeinsam mit seinem Team erforscht er, wie das Gehirn Tastsinn und Temperatur integriert. Nun wurde der 44-jährige Poulet auf die W3-Professur für „Systems Neuroscience“ an der Charité – Universitätsmedizin Berlin in Kooperation mit dem MDC berufen.

Dr. James Poulet (Photo: David Ausserhofer/ Copyright: MDC)

„James Poulet gehört den besten Forschern Europas auf dem Gebiet der systemischen Neurowissenschaft. Wir gratulieren ihm sehr herzlich zu diesem Erfolg“, sagt Professor Thomas Sommer, Wissenschaftlicher Vorstand (komm.) des MDC. Systemische Neurowissenschaftler erforschen, wie die Aktivitäten einzelner Neuronen in neuronalen Schaltkreisen verarbeitet werden und dies wiederum zu einem ganz bestimmten, messbaren Verhalten führt. Poulet habe für diese Zwecke eine Reihe sehr anspruchsvoller und innovativer Methoden inklusive optischer Verfahren kombiniert, sagt Sommer. Er kooperiere zudem sehr erfolgreich mit Forscher*innen im In- und Ausland, in Berlin unter anderem mit den MDC-Gruppen der Professor*innen Gary Lewin, Carmen Birchmeier und Helmut Kettenmann sowie den NeuroCure-Gruppen der Professoren Benjamin Judkewitz und Dietmar Schmitz.

Start per Videokonferenz – dank Corona

„Ich freue mich natürlich extrem über die Professur und bin sehr geehrt“, sagt Poulet. Auch wenn deren Beginn aufgrund der Corona-Krise nicht ganz so verlaufen wäre, wie er es sich ursprünglich vorgestellt habe. „Ich traf den Dekan der Charité, Professor Axel Radlach Pries, am 30. März, um meinen endgültigen Vertrag zu unterzeichnen“, berichtet Poulet. „Wir schüttelten uns nicht die Hand und hielten in unserem kurzen Gespräch über die Wissenschaft immer mindestens zwei Meter Abstand ein.“ Sein erster Tag als Professor habe mit einem Laborgruppentreffen in Form einer Videokonferenz begonnen, gefolgt vom Heimunterricht mit seinen drei Kindern. „Seither folgen die Tage alle einem ähnlichen Muster aus Videokonferenzen, Schreiben und Heimunterricht“, sagt er.

Poulet hat an der University of Bristol Biologie studiert und an der University of Cambridge promoviert. Danach folgten Postdoc-Phasen in Cambridge und an der EPFL (École Polytechnique Fédérale) in Lausanne in der Schweiz. Im Jahr 2009 wurde Poulet als Nachwuchsgruppenleiter an das MDC rekrutiert. Seither forscht er gemeinsam mit seinem Team im Rahmen des an der Charité angesiedelten Exzellenzclusters NeuroCure. Mit den Ergebnissen seiner Grundlagenforschung konnte Poulet bereits zweimal auch den Europäischen Forschungsrat (European Research Council, kurz ERC) überzeugen. Im Jahr 2010 erhielt er den mit 1,5 Millionen Euro dotierten „Starting Grant“ des ERC für Nachwuchswissenschaftler. 2017 wurde er mit einem „Consolidator Grant“ ausgezeichnet, der ihm 2 Millionen Euro für seine Forschung bereitstellte.

Überraschung beim Wärmeempfinden

„Unser langfristiges Ziel ist es, neuronale Mechanismen der sensorischen Verarbeitung und Wahrnehmung zu identifizieren. Unser besonderes Interesse gilt den Funktionen des Thalamus und des Neokortex, zwei Hirnregionen, die als Zentren der Sinneswahrnehmung gelten“, sagt Poulet. Der Wissenschaftler experimentiert dazu überwiegend mit Mäusen, deren Vorderpfoten ähnliche Funktionen wie die Hände des Menschen haben. Sie dienen nicht nur der Fortbewegung, sondern die Tiere greifen damit auch nach Dingen und spüren sie. Vor allem aber sitzen in der Haut der Vorderpfote Nervenenden, sehr ähnlich denen beim Menschen, die verschiedene Sinnesreize wie Berührung, Temperatur und Schmerz an das Gehirn weiterleiten. Poulet und sein Team beobachten die einzelnen Neuronen in ihren intakten Netzwerken, während die Mäuse Aufgaben lösen, bei denen es auf die Sinneswahrnehmung ankommt. Außerdem nutzen die Forscher*innen oft genetisch veränderte Neuronen, um zu verstehen, wie das Gehirn eine Sinneswahrnehmung generiert.

In seiner jüngsten Publikation Ende März hat Poulet mit Professor Gary Lewin vom MDC kooperiert. Gemeinsam konnten sie zum Beispiel zeigen, dass das Wärmeempfinden bei den Tieren anders funktioniert als gedacht. Wie er und sein Team im Fachblatt Neuron berichteten, nehmen Lebewesen Wärme wahr, indem ihr Gehirn Informationen aus einer überraschenden Quelle – den Kälterezeptoren der Haut – bezieht. Mit ihrer Studie wiederlegten die Forscherinnen und Forscher die bis dahin verbreitete Theorie, dass spezielle Nervenzellen entweder Wärme- oder Kältesignale an das Gehirn senden.

 

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