Das wohltemperierte Neuron

Auch ein analoger Synthesizer muss gestimmt werden. Die Kabel wandern von einer Buchse in die nächste, jedes Mal erklingt ein anderer Ton, den die Neuronen des Künstlers erzeugen. Über die Grenzen der Stammzelltechnologie und die Verbindung von Labor und Kunst.

Der Künstler hält sich nicht an das kompli­zierte Protokoll. Guy Ben-Ary schwenkt ein­fach kurz die Petrischale. Die entstehende Strömung konzentriert die Zellen in der Mitte des Gefäßes, wie Zucker am Boden einer Tasse Tee. Die Punktlandung über der Elektroden­matrix in der Schale gelingt auf Anhieb. „Oh, it's nothing“, sagt der Australier. Dabei ist er sichtlich stolz auf seinen Trick.

Seine Finger stecken in leuchtend blauen Handschuhen, sie fliegen zwischen Pipetten und Reagenzgefäßen hin und her. Jeder Griff wirkt routiniert. „Zellkultur ist eine Technik, die man erlernen kann“, sagt Ben-Ary über das Rauschen der großen Sterilbank im MDC-Labor hinweg. „Ich mache das seit mehr als 15 Jahren.“ Ein weiteres Mal desinfiziert sich der Künstler mit einem alkoholgetränkten Tuch die Handschuhe. Kein Keim soll sein Experi­ment verunreinigen.

Ein posthumanes Selbstporträt

Das cellF im Cell Block Theatre in Sydney. Bild: Guy Ben-Ary (CC-BY-NC-ND)

Ben-Arys Experiment mit dem Namen „cellF“ (sprich self) ist eine Art Selbstporträt. Die Pet­rischale mit 60 Elektroden ist dabei das „Ge­hirn“, sie enthält ein Netzwerk aus 100.000 Nervenzellen. Diese Zellen sind tatsächlich ein Teil von Ben-Ary. Ein Stück seiner Haut hat er zu „induzierten pluripotenten Stammzellen“ (iPS-Zellen) umprogrammiert und danach in Nervenzellen verwandelt. Über die Elektro­denmatrix steuern sie ein tonnenschweres, trichterförmiges Musikinstrument. Es ist der erste neuronale Synthesizer der Welt, der selbst kreativ ist und sogar auf Reize reagiert.

Mehr als zwei Jahre tüftelte er mit seinen Kollegen an dem Apparat. Es erfüllt dem Künstler, der selbst nie ein Instrument ge­spielt hat, den Jugendtraum, eine Rock-Le­gende wie David Bowie zu werden: „Ich wollte immer so sein wie Ziggy Stardust“, albert er herum.

Zu Hause im Labor

Schalen mit integrierten Elektroden. Bild: Guy Ben-Ary (CC-BY-NC-ND)

Tatsächlich wird cellF gemeinsam mit menschli­chen Musikern bei einem Festival für experimentelle Musik im Berliner Haus der Kulturen der Welt auftreten und damit das erste Mal au­ßerhalb Australiens. Wie vor jeder Perfor­mance zieht Ben-Ary neue Neuronennetze heran, denn die Zellen lassen sich weder transportieren noch einfrieren. Daher koope­riert er mit Dr. Sebastian Diecke, der die gemein­same Technologieplattform Stamm­zellen von MDC und BIH leitet.

Den Wissen­schaftler und den Künstler vereint ihre Offenheit ge­genüber Neuem und Unbekannten. Diecke hat die letzten zwei Wochenenden mit Ben-Ary verbracht, um ihm im Labor zur Seite zu stehen und zukünftige Projekte zu besprechen. „Natürlich kostet mich das Zeit. Aber das ist schon sehr interessant, was Guy macht“, sagt er über die Zusammenarbeit. „Ich hätte mir nie vorstellen können, mal bei so etwas Verrücktem mitzumachen.“

Ben-Ary ist ein Laborkünstler, hat aber nie als Naturwissenschaftler gearbeitet und auch keine Kunsthochschule besucht. In den USA geboren, lebte Ben-Ary lange in Israel, hat dort Jura studiert und verlor irgendwann das Interesse am Anwaltsberuf. Zwei seiner Freunde luden ihn an die University of Wes­tern Australia ein, wo sie an Kunstprojekten mit lebenden Zellen arbeiteten. Sie gründeten wenig später „SymbioticA“, ein interdiziplinäres Forschungszentrum der Universität. Dort betreiben Künstler, Kliniker, Wissenschaftler und Ingenieure Seite an Seite staatlich geförderte „cultural science“. Ben-Ary gehört zu seinen ersten Mitgliedern.

Ethische Fragen

Die Elektrodenmatrix mit 60 Elektroden. Im Hintergrund schattenhaft das Neuronennetzwerk. Bild: Guy Ben-Ary (CC-BY-NC-ND)

Seine Mission hat der Künstler in einem Satz destilliert: „Ich will Technologien problematisieren, indem ich sie für die Inszenierung absurder Szenarien nutze.“ Im Fall von cellF sind es Stammzelltechnologien, die er mit Robotik ergänzt und so ein kybernetisches, androidenhaftes Mischwesen erschafft. Der Gedanke eines halb-menschlichen und halb-lebendigen Musikers aus der Petrischale lässt manche Beobachter erschauern – und das ist Absicht.

Ben-Ary stört, dass die populärwissenschaftlichen Medien neue Technologien in den Himmel loben und ethische Konsequenzen vernachlässigen. „Als die iPS-Technologie neu war, wurde sie zum Wundermittel stilisiert“, sagt er mit Blick auf die bislang eher erfolglosen Stammzelltherapien. Es sei überfällig, über mögliche Probleme zu diskutieren. Für künftige Gesetze sei schließlich ein gesellschaftlicher Konsens nötig. Und zwar, bevor der technische Fortschritt die Gesellschaft überholt.

Auch Wissenschaftler setzten sich zu wenig mit dem Konflikt zwischen Mensch und Mensch-Maschine auseinander. „Wie wollen wir in der Zukunft mit solchen vergänglichen Lebensformen umgehen?“, fragt er. „Die Arbeit an Neuronen wirft ethische Fragen nach ihrem Bewusstsein und Intelligenz und ihrem Empfindungsvermögen auf. Ich glaube, Kunst mit Neuronen hat das Potential, unser Verständnis von ’Leben‘ zu hinterfragen“.

Die Reaktionen auf Ben-Arys lebende Skulpturen sind sehr unterschiedlich. Ihm schlägt neben überbordender Begeisterung auch Gleichgültigkeit oder Hass entgegen. Die Ethikkommissionen waren zunächst skeptisch. Ist es in Ordnung, lebende Zellen für so eine Spielerei einzusetzen? Sind die Steuergelder dafür nicht zu schade? „Kulturelle Forschung ist nicht weniger wert als naturwissenschaftliche Forschung“, sagt Ben-Ary grimmig. Der ethische Diskurs müsse Teil des wissenschaftlichen Prozesses sein. Seine Arbeit trage dazu bei.

Fragile Lebensformen

Guy Ben-Ary füttert seine Zellen. Bild: MDC

Ben-Ary ist plötzlich kurz angebunden. „Ich muss mich jetzt konzentrieren, vielleicht reden wir besser nachher weiter“, sagt er mit Blick auf einen wichtigen Schritt im Versuchsprotokoll. Zellkulturen sind anfällig für Kontaminationen durch Bakterien und Pilze, und der Auftritt von cellF hängt auf Gedeih und Verderb von der Gesundheit der Zellen ab.

In der Sterilbank spült Ben-Ary daher eine Schale nach der anderen mit verschiedenen Flüssigkeiten, damit die Zellen später gut anwachsen können. Anschließend befüllt er sie mit einer pinkfarbenen Nährlösung –  er nennt sie „Hühnersuppe“ – und den Zellen. Eine atmungsaktive Teflonfolie verschließt jede Schale. Zur Sicherheit bereitet er gleich 22 Schalen mit neuronalen Netzen vor, obwohl er für die Performance nur eine Einzige benötigt.  „Es ist unmöglich, nur eine Kultur heranzuziehen, einfach unmöglich. Es kann zu viel schiefgehen!“, sagt er. Und für einen zweiten Versuch wäre keine Zeit.

Vorsichtig balanciert Ben-Ary die Schalen zu einem metallenen Brutschrank. Dort werden die Zellkulturen nebeneinander aufgereiht, bei konstanten 37 Grad Celsius. Abweichungen von der Temperatur tolerieren die empfindlichen Zellen kaum. Wenige Tage später wird Ben-Ary die Schalen in eine weiße Styroporbox stapeln und mit ihnen ins Haus der Kulturen der Welt fahren, sein Labor auf Zeit.

Die Mensch-Maschine

Darren Moore stimmt das cellF. Bild: MDC

Das muschelförmige Gebäude des HKW am Berliner Spreeufer versinnbildlicht die futuristischen Visionen der Fünfziger, die sich bei weitem nicht alle erfüllt haben. Nun ist cellF zu Gast, das auf seine Weise vor den Unwägbarkeiten des technologischen Fortschritts warnt.

Ben-Arys Kollegen haben das cellF im Foyer montiert, denn heute, am Vorabend des Auftritts, ist Generalprobe. Im Zentrum des Kolosses befindet sich der Brutkasten mit dem mikroskopisch kleinen „Gehirn“. Aus dem Trichter ragt ein überdimensioniertes Schaltpult mit unzähligen Reglern und Buchsen, bunte Lichter blinken in allen Farben des Regenbogens. Ein Teil der Steckplätze sind bereits mit Kabeln miteinander verbunden, andere liegen noch in kleinen Stapeln am Boden.

Es kreischt, dröhnt und pfeift aus den sechzehn Lautsprecherboxen, die die Aktivität der Nervenzellen auch in einer räumlichen Dimension abbilden. Mit Rockmusik haben die Geräusche, die die Petrischale voller Zellen erzeugt, nichts zu tun. Sie erinnern eher an die Mensch-Maschine der Elektro-Band Kraftwerk, allerdings mit weit weniger Mensch und mehr Maschine. Darren Moore, Musiker aus Tokio und Kooperationspartner von Ben-Ary, verbindet die Module des Synthesizers mit Kabeln untereinander, um das Knistern der Zellen zu fremdartigen und schaurigen Geräuschen zu verzerren. Moore steckt die Kabel immer wieder in andere Buchsen, dreht an einem der unzähligen Regler. Er stimmt den neuronalen Synthesizer wie ein Klavier.

„Natürlich treffen wir hier viele Entscheidungen, die den Sound später beeinflussen“, sagt Ben Ary. „Es ist keine wissenschaftliche Untersuchung.“ Vollständig autonom ist das neuronale Netzwerk nicht. Er wendet sich an Moore: „Wie lange wirst du noch brauchen?“ – „Bis ich zufrieden bin“ antwortet der. Die Prozedur dauert bis spät in den Abend.

Ein absurdes Szenario

Am nächsten Abend ist es soweit, cellF tritt zum ersten Mal zusammen mit einem Gitarristen auf, dem Berliner Musiker Schneider TM. Es drängen mehr als hundert Leute in das abgedunkelte Foyer, bevor Ben-Ary die Idee hinter seinem Projekt erläutert. Die Veranstalter verteilen Ohrstöpsel.

Als der menschliche Musiker Töne auf seiner Gitarre erzeugt, reagieren die Zellen von cellF mit kaum merklicher Verzögerung. Immer wieder quietscht, pocht und schnarrt es von allen Seiten. Mit der Zeit grooven sich die beiden Akteure ein, bis man nicht mehr weiß, von wem welches Geräusch stammt.

Zwei Zuhörer beginnen eine Diskussion über den Aufbau und die Bedeutung des Experiments und werden von anderen sogleich zurechtgewiesen. Einzelne legen sich während der 45-minütigen Vorstellung auf den Boden und schließen die Augen, um die surreale Geräuschkulisse auf sich wirken zu lassen. Schneider TM sagt am nächsten Tag: „Mit cellF zu spielen, war ein wirklich außerordentliches Erlebnis. Musikalisch deutlich tiefgreifender als erwartet, zeitweise fast unheimlich.“

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Nach dem zweiten Auftritt von cellF am HKW, dieses Mal mit einer Vokalistin, schrauben Ben-Ary und sein Team sein Selbstbild auseinander. Sie verpacken es in neun große Kisten und verstauen es in einem Schiffscontainer, bereit für die nächste Reise. Doch seine 22 genetisch veränderten Mini-Gehirne gehen den Weg alles Irdischen: Guy Ben-Ary entsorgt sie, ganz ordnungsgemäß.

Text: Martin Ballaschk

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