Büste Helmholtz

Helmholtz, Virchow und die Berliner Medizin

Dieses Jahr ist ein besonderes Jubiläum für die Berliner Wissenschaft, und unsere Buchempfehlung bezieht sich auf dieses Ereignis. Im Jahre 1821, also vor 200 Jahren, wurden zwei Männer geboren, die die Wissenschaftslandschaft nicht nur in Berlin sehr stark geprägt haben: Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz.

Rudolf Virchow hat erkannt, dass man Krankheiten an der Veränderung von Zellen diagnostizieren kann, und sein Buch „Cellularpathologie“ von 1858 ist ein Meilenstein der Medizingeschichte. Darüber hinaus war er als Anthropologe, Politiker, Gesundheitsexperte und Öffentlichkeitsarbeiter aktiv.

Hermann von Helmholtz ist als Physiker bekannt geworden, unter anderem durch seinen Energieerhaltungssatz, der besagt, dass Energieformen ineinander übergehen können, aber in der Summe immer gleich bleiben. Auch er war ein Universalgelehrter, der im Grenzgebiet zwischen Physik und Physiologie gearbeitet hat, sich mit der Farbenlehre, dem Klangempfinden, aber auch mit so praktischen Dingen wie der Entwicklung des Augenspiegels beschäftigt hat.

Von der Antike bis zur Medizin von heute

Das Wirken dieser beiden Männer wurde in einem gerade erschienenen Buch von Detlev Ganten, dem Gründungsdirektor des MDC, in Zusammenarbeit mit Ernst Peter Fischer ausführlich beschrieben. In „Die Idee des Humanen. Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz. Das Erbe der Charité“ setzen die Autoren das Werk dieser beiden Forscher in den Kontext der aktuellen Berliner Wissenschaft und zeigen, wie sie unser heutiges Umfeld geprägt haben. Ihre gut geschriebene Einführung in die Medizingeschichte geht zurück bis in die Antike, beschreibt das stete Bemühen um Gesundheit und den Kampf gegen Krankheiten und mündet im Zeitalter von Helmholtz und Virchow, in dem Naturwissenschaft und Medizin nach Gründung der Berliner Universität prosperierten. Es endet mit einem Ausblick auf die heutige Zeit mit den neuen Stars Emmanuelle Charpentier und Christian Drosten.

Fotomontage von Hermann von Helmholtz (links) und Rudolf Virchow (rechts)

Hermann von Helmholtz ist den meisten als Physiker bekannt und wurde auch als „Reichskanzler der Physik“ bezeichnet. In Vergessenheit geraten ist die Tatsache, dass er Medizin studiert hat und als Mediziner seine wissenschaftliche Laufbahn begann. 1842 schrieb er als 21-Jähriger seine Promotion über ein neurowissenschaftliches Thema. In dieser Zeit publizierte Christian Ehrenberg, Professor an der Berliner Universität, das erste Bild einer Nervenzelle. Gleichzeitig wurde auch die Zelltheorie von Jacob Henle und Matthias Schleiden in Berlin formuliert. Sie besagt, dass alle Gewebe einschließlich des Gehirns aus Zellen bestehen.

Was Blutegel, Regenwurm und Mensch eint

Hermann Helmholtz stellte sich in seiner Doktorarbeit die Frage, wie das Nervensystem von wirbellosen Tieren aufgebaut ist. Sind die Prinzipien ähnlich oder ganz anders als bei Wirbeltieren und dem Menschen? Betreut von dem bekanntesten Physiologen und Anatomen dieser Zeit, Johannes Müller, untersuchte er das Nervensystem von Blutegel, Hausspinne, Schmetterling, Regenwurm, Flusskrebs oder Teichmuschel. Er kam zu der Erkenntnis, dass sich die Nervensysteme dieser Wirbellosen, auch Invertebraten genannt, nicht grundsätzlich von den Nervensystemen der Wirbeltiere inklusive des Menschen unterscheiden. Alle Grundelemente wie Zellen und Fortsätze sind identisch, so dass der Aufbau von Nervensystemen nach einem in der Tierwelt einheitlichen Plan erfolgt.

Der Fluch des Latein: Wegweisend, aber vergessen

Prof. Helmut Kettenmann, Autor des Lesetipps

Diese neurowissenschaftlichen Erkenntnisse von Helmholtz sind in der „neuroscience community“ in Vergessenheit geraten, denn er schrieb seine Doktorarbeit in Latein. Sie wurde bisher nie in eine andere Sprache übersetzt. Mein während der Schulzeit erworbenes großes Latinum reichte nicht aus, um den Text zu übersetzen, und ich habe mit der Altphilologin Julia Heideklang von der Humboldt-Universität und Joachim Pflüger, Invertebraten-Neurobiologe an der Freien Universität, zusammengearbeitet, um diese Dissertation sowohl ins Englische als auch ins Deutsche zu übertragen, sie ausführlich einzuführen und zu kommentieren. In seiner Doktorarbeit formuliert Helmholtz schon als 21-Jähriger noch heute gültige Ergebnisse auf neurowissenschaftlichem Gebiet, die seine herausragenden, teils visionären Fähigkeiten schon früh unter Beweis stellten.

Unser Buch ist gerade beim WBG Verlag erschienen.

Wir freuen uns über viele Leserinnen und Leser und auch Ihr Feedback.

Text: Helmut Kettenmann

 

Über den Autor

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Prof. Helmut Kettenmann leitet am MDC die Forschungsgruppe Zelluläre Neurowissenschaften. Anlässlich des Geburtstags von Hermann von Helmholtz, der sich am 31. August 2021 zum 200. Mal jährt, hat der Neurobiologe die Dissertation des berühmten Universalgelehrten aus dem Lateinischen ins Deutsche und Englische übersetzt und kommentiert. Seine Ko-Autor*innen sind Julia Heideklang, Doktorandin am DFG-Graduiertenkolleg und Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Berliner Humboldt-Universität, und Hans-Joachim Pflüger, Professor für Funktionelle Neuroanatomie/Neurobiologie an der Freien Universität Berlin.

Helmut Kettenmann hat sein Abitur am Helmholtz-Gymnasium in Heidelberg gemacht und danach Biologie studiert. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Gliazellen des Gehirns. Gliazellen und Neurone sind die Grundelemente des Nervensystems. Die Erkenntnis, dass es diese zwei Zelltypen im Nervensystem gibt, wurde erst nach Helmholtz‘ Dissertation durch Rudolf Virchow, Arzt, Pathologe und Politiker, im Jahr 1856 eingeführt. Auch Virchows 200. Geburtstag wird in diesem Jahr begangen.

 

 

Die Bücher

  • Ernst-Peter Fischer und Detlev Ganten, Die Idee des Humanen: Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz. Das Erbe der Charité. S. Hirzel Verlag GmbH2021.

  • Julia Heideklang, Hans-Joachim Pflüger, Helmut Kettenmann, De fabrica systematis nervosi evertebratorum: Die kommentierte Dissertation von / commented Thesis by Hermann Helmholtz, wbg Academic 2021.

 

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