1st Immunology & Inflammation Conference - Poster

„Wir erwarten die Weltelite der Immunologie“

Ende Februar lädt das MDC zur ersten „Immunology & Inflammation Conference“, kurz „I & I Conference“, nach Berlin ein. Wir haben mit den beiden Organisatoren, Professorin Michela Di Virgilio und Professor Klaus Rajewsky, über das Ziel und die Inhalte der Tagung gesprochen.

Frau Professorin Di Virgilio, Herr Professor Rajewsky, was werden die wichtigsten Themen der Konferenz sein?

Prof. Dr. Klaus Rajewsky

Klaus Rajewsky: Es wird an den drei Tagen der Konferenz insgesamt vier Themenblöcke geben. Im ersten, am Sonntag, dreht sich alles um die Entwicklung der blutbildenden Zellen. In jüngster Zeit sind sehr viele neue Techniken entdeckt worden, mit deren Hilfe sich diese Entwicklung besser erforschen lässt, auch im lebenden Organismus. Über die neuen Verfahren sollen die Besucherinnen und Besuchern unserer Konferenz diskutieren, damit sie ermutigt werden, in Zukunft damit arbeiten zu können.

Michela Di Virgilio: Denn dank der modernen Techniken – man denke etwa an das Einzel-Zell-Sequencing und an das DNA-Barcoding – werden wir künftig noch viel besser verstehen, wie das Immunsystem funktioniert und wie es mit allen anderen Geweben und Organen des Körpers zusammenarbeitet.

Im ersten Themenblock am Montag wird dann die erworbene Körperabwehr im Fokus stehen. Dabei geht es vor allem um die Vielzahl der Mechanismen die Zellen des Immunsystems eine solch große Anzahl unterschiedlicher Krankheitserreger erkennen und daraufhin spezifische Antikörper produzieren, mit denen sie die Keime unschädlich machen.

Klaus Rajewsky: Anschließend geht es um die komplexen Interaktionen zwischen dem Immun- und dem Nervensystem, vorrangig um die große Bedeutung, die das Immunsystem bei der Entstehung neuroinflammatorischer Krankheiten wie der Multiplen Sklerose und neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer hat. Wir erwarten fünf der weltbesten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf diesem Gebiet, die uns einen Überblick zum aktuellen Stand der Forschung geben.

Am Dienstag stehen schließlich die Immuntherapien auf dem Programm – ein ganz heißes Thema, bei dem die medizinische Forschung in jüngster Zeit rasante Fortschritte gemacht hat. Die Möglichkeiten reichen von der Übertragung spezieller T-Zellen, die Tumore angreifen, bis hin zur Verabreichung von Antikörpern, die die Aktivität von T- und anderen Immunzellen steigern. Es ist ein weites Feld, das uns mehrere wirklich herausragende Forscherinnen und Forscher vorstellen werden. Wir sind sehr gespannt darauf.

Wie viele Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer erwarten Sie?

Prof. Dr. Michela Di Virgilio

Michela Di Virgilio: Insgesamt liegen uns bisher rund 300 Anmeldungen vor. Es wird ein sehr vielfältiges Publikum sein: Vom Studierenden über den Gruppenleiter bin hin zum Professor und Kliniker ist alles dabei. Wir sind sehr glücklich darüber. Zusätzlich zu den 16 eingeladenen Hauptvortragenden werden rund 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre jüngsten Forschungsergebnisse in Form von Postern präsentieren und für Diskussionen bereitstehen.

Auf welche Veranstaltung oder welchen Vortragenden freuen Sie sich ganz besonders und warum?

Michela Di Virgilio: Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Wie gesagt: Es ist uns gelungen, zu jedem Themenblock die weltweite Elite auf diesen Forschungsgebieten für einen Vortrag zu gewinnen. Und ich freue mich auf jede Einzelne und jeden Einzelnen von ihnen.

Von welchem der genannten Themen versprechen Sie sich in der Zukunft den größten medizinischen Nutzen? Oder sind sogar schon ganz konkrete Therapien für Patientinnen und Patienten in der Pipeline, die auf der Tagung vorgestellt werden?

Klaus Rajewsky: Eine ganze Reihe von Erkrankten profitieren bereits von  Immuntherapien, von denen viele erst vor Kurzem entwickelten wurden. Über sie sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am letzten Konferenztag profitieren. Vor allem die Behandlung von Krebs ist durch sie in jüngster Zeit regelrecht revolutioniert worden.

Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem schwarzen Hautkrebs etwa hatten bis vor wenigen Jahren kaum eine Überlebenschance. 95 Prozent von ihnen sind innerhalb kürzester Zeit verstorben. Mit den modernen Immuntherapien – bei denen das körpereigene Immunsystem gezielt dazu angeregt wird, die entarteten Zellen zu attackieren – erreichen wir inzwischen Heilungsraten zwischen 30 und 40 Prozent.

Auch die Behandlung von Lymphomen, also Tumoren des Lymphgewebes, und von Lungenkrebs ist dank der Immuntherapien zuletzt sehr viel erfolgreicher geworden. Unsere Hoffnung ist es natürlich, eines Tages jede Krebsart auf diese Weise zu heilen.

Wo liegen bislang noch die größten Schwierigkeiten?

Klaus Rajewsky: Bei jeder Art von Immuntherapie, die bisher zum Einsatz gekommen ist, sehen wir Erkrankte, die darauf ansprechen, und solche, die es nicht tun. Unsere größte Herausforderung momentan besteht darin, Parameter auszumachen, anhand derer wir voraussagen können, ob eine bestimmte Form der Immuntherapie für den Einzelnen erfolgversprechend ist oder nicht – natürlich auch, um der Patientin oder dem Patienten auf diese Weise Nebenwirkungen, die mit jeder Immuntherapie einhergehen, zu ersparen. Über dieses Thema werden wir auf der Konferenz sicherlich viel diskutieren.

Möglicherweise werden wir in der Zukunft auch weitere Fortschritte erzielen, indem wir die Rezeptoren der T-Zellen, über die sie die Krebszellen angreifen, per Sequenzierung noch genauer identifizieren. Auch zu dieser sehr schwierigen Aufgabe wird man auf unserer Tagung einen Vortrag hören können.

Gibt es neben Krebs weitere Erkrankungen, die sich künftig vielleicht per Immuntherapie heilen lassen?

Klaus Rajewsky: Momentan steht der Krebs tatsächlich noch sehr im Vordergrund. Aber natürlich ist unser Ziel weiter gesteckt. Es wird immer klarer, dass es keine einzige Krankheit gibt, an der das Immunsystem nicht in irgendeiner Art und Weise beteiligt ist. Auch deshalb ist die Immunologie für die gesamte medizinische Forschung so wichtig.

Michela Di Virgilio: Bei Krankheiten wie beispielsweise Alzheimer müssen wir allerdings noch viel mehr über die Entstehungsmechanismen herausfinden, bevor wir eine wirklich effektive Therapie entwickeln können. Aber inzwischen haben wir zum Glück die Werkzeuge, damit genau dies gelingen kann. Deswegen erwarte ich auch auf diesem Gebiet künftig eine Menge Fortschritte. Um sie wird es im dritten Themenblock am Montagnachmittag gehen.

Klaus Rajewsky: Zum Beispiel haben wir herausgefunden, dass Immunprozesse, die außerhalb des Gehirns ablaufen, Immunprozesse im Gehirn direkt beeinflussen können. Entzündungen, die irgendwo im Körper entstehen, können somit pathologische Veränderungen des Nervensystems hervorrufen.

Wir wissen auch, dass das Gehirn eigene Immunzellen besitzt: die Mikroglia, bei denen es sich im Prinzip um Makrophagen, also um Fresszellen handelt, die Pathogene beseitigen. Ihre Aufgaben sind für die Gesundheit des Gehirns vermutlich größer und wichtiger, als wir es uns bisher vorgestellt haben.

Michela Di Virgilio: Gerade die Mikroglia sind auch ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich das Immunsystem sich entwickelt und arbeitet – abhängig von seiner Umgebung in einem Gewebe oder Organ. Dieser Aspekt wird sich durch unsere gesamte Tagung ziehen und immer wieder Thema sein.

Warum ist die Konferenz für die I & I Initiative so wichtig, in der seit vorletztem Jahr 23 Arbeitsgruppen aus fünf Helmholtz-Zentren zusammenarbeiten, um gemeinsam besonders schwierige Fragen der Immunologie zu beantworten?

Klaus Rajewsky: Die Tagung kann vor allem dabei helfen, die an der Initiative beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch besser untereinander zu vernetzen. Wir entwickeln ja derzeit ein gemeinsames Immunologie-Programm und hoffen sehr darauf, dass dieses in der nächsten Finanzierungsrunde zu einer wichtigen Säule des Gesamtkonzepts von Helmholtz werden wird. Die Konferenz, bei der wir immunologische Themen wirklich auf Top-Niveau erörtern werden, soll dabei eine Art Kristallisationspunkt sein.

Michela Di Virgilio: Zudem wollen wir mit unserer Tagung eine interaktive Platform gestalten. Die einzelnen Sitzungen sind so gestaltet, dass uns die besten Forscherinnen und Forscher der Welt zunächst einen Überblick über den momentanen Stand des Wissens geben und darüber, was uns die Zukunft womöglich bringen wird. Danach lassen wir aber viel Zeit und Raum für Diskussionen. Wir hoffen sehr auf einen lebendigen Meinungsaustausch.

Die Fragen stellte Anke Brodmerkel.

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