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Die Suche nach Schwachstellen im molekularen Panzer des Glioblastoms

Die neue MDC-Forschungsgruppe um Gaetano Gargiulo entwickelt Strategien, um tödliche Hirntumoren auf neue Art zum Kampf herauszufordern. Gargiulo, der am European Institute of Oncology in Mailand und dem Netherlands Cancer Institute in Amsterdam tätig war, wird ab dem 1. Juni mithilfe eines Helmholtz-Stipendiums eine eigene Forschungsgruppe aufbauen und sich auf neue Wege der Bekämpfung des Glioblastoms konzentrieren. 

Wenn man Krebs als Krieg und den Körper als Schlachtfeld betrachtet, lässt sich die Metapher weiter ausbauen: aggressive Invasionen, unterbrochen durch zeitweise Waffenstillstände, Kollaborateure hinter den feindlichen Linien, verschlüsselte Botschaften, geheime Bündnisse und Verhandlungen.

All dies findet seine Entsprechung in den Strategien, die Hirntumoren namens Glioblastoma Multiforme (GBM) anwenden, um sich im Gehirn einzunisten, ohne die Überzahl der körpereigenen Abwehrmechanismen zu aktivieren. Diese Tumoren haben gegenüber den meisten anderen Krebsarten gewisse inhärente Vorteile.

Erstens ist das Gehirn an sich schon eine unwirtliche Umgebung für die meisten Immunzellen, welche in anderen Geweben die Rolle von Armee und Polizei übernehmen. Hirngewebe ist so empfindlich, dass eine aggressive Immunreaktion mehr Schaden als Nutzen anrichten würde. Zweitens sind Glioblastome die entarteten Nachkommen von der Gliazellen im Gehirn, die unter anderem Eindringlinge aus dem Gehirn fernhalten. Von ihnen erben die Tumorzellen wahrscheinlich Merkmale, durch die sie geschützt wachsen können und vom Radarsystem des Körpers weitgehend unerkannt bleiben. Und schließlich befinden sie sich außer Reichweite der meisten Krebsmedikamente, die nur in begrenztem Maß bis ins Hirngewebe vordringen können. Das heißt, dass die meisten heute üblichen Krebstherapien in anderen Geweben funktionieren mögen, aber bei der Bekämpfung des GBM versagen.

 

Gaetano Gargiulo. Bild: David Ausserhofer/MDC.

Laut Gaetano Gargiulo gibt es noch weitere Probleme. Er wird sich in der Forschungsgruppe, die er soeben mithilfe eines renommierten Stipendiums der Helmholtz Gemeinschaft am MDC gegründet hat, mit dieser Krankheit befassen. Inzwischen weiß man, dass es sich bei GBM nicht um eine einzelne, sondern um viele unterschiedliche Erkrankungen handelt – was eine allgemeine Therapie gegen GBM unwahrscheinlich macht. Diese Unterschiede sind so subtil, dass bisher trotz jahrelanger intensiver Forschung keine verlässlichen Mittel zu ihrer Differenzierung gefunden wurden. Wer aber neue Therapien entwickeln will, muss genau wissen, womit er es zu tun hat.

Neue Strategien zur GBM-Bekämpfung und vieler anderer Erkrankungen sind dringende Bedürfnisse in der therapeutischen Praxis, die nur mit Hilfe von Forschung gefunden werden können. Dank jüngster technischer Durchbrüche sind nun neue Konzepte und Technologien verfügbar, die die Mechanismen von Krankheiten aufklären und so potentielle Schwachstellen aufdecken.

Gargiulos Gruppe wird etwa moderne genetische Werkzeuge nutzen, um neue Mauslinien mit GBM zu entwickeln, die die Krankheit im Menschen sehr gut nachbilden. Dann wird sie im Hochdurchsatzverfahren eine RNA nach der anderen entfernen und die Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf untersuchen. So sollen Fälle gefunden werden, in denen Tumore zwar zerstört, gesunde Zellen jedoch am Leben bleiben. Damit hätte man neue Einblicke in den Mechanismus der Krebsbildung und Angriffsstellen für neue Therapien gewonnen.

Gaetano Gargiulo hofft, zusätzlich zu diesen Helmholtz-finanzierten Projekten weitere Geldgeber für seine Arbeit begeistern zu können. So könnte er zu seinem Angriffskommando auf GBM eine weitere Truppe hinzufügen – ein zweites Heer, das die Krankheit mit anderen Mitteln bekämpft.

Gargiulo bringt jahrelange Erfahrung in der Krebsforschung mit ans MDC. Nach Berlin kommt er nach umfassender Ausbildung am European Institute of Oncology in Mailand, gefolgt von Positionen am Netherlands Cancer Institute in Amsterdam. Er berichtet, seine frühere Tätigkeit sei entscheidend gewesen, um sich den technologischen Hintergrund und – ebenso wichtig – die nötige Geisteshaltung anzueignen, um die größte Herausforderung in der Krebsmedizin anzugehen: die Suche nach Wegen zur Eliminierung von Tumorzellen, ohne deren gesunden Nachbarn zu zerstören. Um bei der Metapher zu bleiben, wirksam Krieg zu führen und gleichzeitig den Kollateralschaden zu begrenzen.

„Die Identifizierung der Schwachstellen eines Tumors ist nur der erste Schritt. Um bösartige Zellen abzutöten, müssen auf jeden Fall Arzneimittelkombinationen gefunden werden, die diese Schwachstellen gleichzeitig, selektiv und wirksam angehen“ erklärt Gargiulo. Damit diese Medikamente gegen GBM wirken, muss die Forschung zudem herausfinden, wie sie sich ins Hirngewebe einschleusen lassen.

Es sind also viele Schlachten gleichzeitig zu schlagen – um erfolgreich zu sein, braucht es eine Armee mit vielen Spezialkenntnissen. „Das Team wird aus Chemikern, Pharmakologen und natürlich Medizinern bestehen. Das MDC ist bei der Molekularmedizin breit aufgestellt und pflegt eine Kooperation mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin unter der Schirmherrschaft des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIH ): Durch die Ansiedlung unserer Forschungsgruppe in einem so multidisziplinären Umfeld stehen diese Kompetenzen für uns bereit.“