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MDC-Alumnus Yves Muller rät Postdocs zu unabhängigem Denken

„Als Postdoc sollte man idealerweise versuchen, als Letzt- und auch als Erstautor zu veröffentlichen und möglichst Erfahrungen mit dem Verfassen von Forschungsanträgen sammeln“, rät Professor Yves Muller. Der Experte für Kristallographie betont außerdem, wie wichtig es für Postdocs ist, unabhängig zu arbeiten und eigene Ideen zu verfolgen, wenn sie eine Position als Forschungsgruppenleiter anstreben.

Unabhängigkeit im wissenschaftlichen Denken ist außerordentlich wichtig für eine erfolgreiche wissenschaftliche Laufbahn, sagte Prof. Muller, als er kürzlich das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) besuchte. Der Wissenschaftler kam 1996 ans MDC,  weil er sich hier die Forschungsunabhängigkeit erhoffte, die nötig ist, um Gruppenleiter zu werden. In der Forschergruppe um Professor Udo Heinemann fand er das perfekte Umfeld, um sein europäisches Berufsnetzwerk auszubauen und seine Habilitation an der FU Berlin abzuschließen. Von 1996 bis 2001 widmete er sich einer Kombination aus unabhängigen und Laborprojekten. Dabei tauschte er Erkenntnisse zu Röntgenstrukturanalyse und Strukturanalyse mit der Forschungsgruppe von Prof. Heinemann aus.

 

Prof. Yves Muller. Foto: Privat

In seinem Hauptprojekt, mit dem er sich bereits seiner ersten Postdoc-Stelle beschäftigte, erforschte er Plasmaproteine. Diese Proteine des Blutplasmas sind Träger von Molekülen, die zu groß oder unlöslich sind, um sich unabhängig im Blut zu bewegen. Einen bedeutenden Teil der Plasmaproteine machen die Globuline aus, zu denen wichtige Wirkstoff-Targets zählen. Als Prof. Muller damit begann, Plasmaglobuline zu erforschen, war deren Struktur noch so gut wie unbekannt. Sein Ziel bestand darin, die Proteinstruktur von Sexualhormon-bindendem Globulin (SHBG) zu entschlüsseln, einem Transportprotein für Sexualhormone wie Östrogen und Testosteron. Für einen Biologen ist es faszinierend, die allerersten Strukturinformationen einer neuen Proteinfamilie zu ermitteln – und ganz besonders von solchen, die wie Globuline Wirkstoff-Targets sind, denn mit dem Wissen um ihre Struktur können Medikamente entwickelt werden, die an diese ansetzen.

Mit der Erforschung von Plasmaproteinen begann Prof. Muller als Postdoc beim Biotech-Unternehmen Genentech. Das Unternehmen gestattete es Mitarbeitern, Artikel in Fachzeitschriften zu veröffentlichen – laut Prof. Muller ein wichtiger Faktor bei der Wahl einer Postdoc-Stelle, denn „Unternehmen, die absolute Verschwiegenheit fordern und keine Veröffentlichungen zulassen, können sich für akademische Karrieren als tödlich erweisen.“

„Das MDC ist finanziell und auch sonst gut ausgestattet und bietet Forschern daher hervorragende Möglichkeiten“, so Prof. Muller. Seine Erfahrungen im Labor von Prof. Heinemann halfen ihm dabei, seine wissenschaftliche Unabhängigkeit auszubauen und sich eine Stelle als Forschungsgruppenleiter an der University of Sussex zu sichern. Heute ist er Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Im Einstellungsgespräch sollte man idealerweise in der Lage sein zu belegen, dass man eigene Ideen entwickeln und darüber hinaus die Forschungsgelder einwerben kann, um sie zu verfolgen und erste Ergebnisse präsentieren zu können, erklärt Prof. Muller. Erfahrungen mit dem Verfassen von Forschungsanträgen sammelte er als Postdoc am MDC. Dennoch zählen sie für ihn zu den weniger angenehmen Seiten des Wissenschaftsbetriebs und bleiben ein ungeliebtes Thema.

Ganz anders als die Zusammenarbeit zwischen Forschern, die er an der wissenschaftlichen Arbeit besonders schätzt. Als er mit seiner Forschung zu Hormon-bindendem Plasmaprotein begann, schrieb er fast alle Wissenschaftler an, die zu Plasmabiologie arbeiteten. Viele waren an einer Zusammenarbeit interessiert. „Im wissenschaftlichen Bereich trifft man sehr viele aufgeschlossene Menschen“, so Prof. Muller. „Es ist leicht, Kooperationspartner zu finden, und das ist wunderbar.“

Sein Forschungsschwerpunkt Röntgenstrukturanalyse eröffnet ihm zahlreiche Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Forschungsgruppen, die zu verschiedenen biologischen Fragestellungen arbeiten, denn mithilfe dieser Methode lassen sich Strukturinformationen über ein breites Spektrum von Proteinen gewinnen. Mittlerweile hat sich Prof. Mullers Forschungsschwerpunkt von den Plasmaproteinen, die den Grundstein seiner wissenschaftlichen Karriere bildeten, zu anderen Fragestellungen verlagert.

In seinem Alumnus-Vortrag am MDC berichtete er über seine Forschungsarbeit zu Proteinen des humanen Cytomegalievirus, das eine Gefahr für immungeschwächte Menschen darstellt. Zu den viralen Proteinen, die er untersucht hat, zählt das so genannte IE1 (intermediate early protein 1), mit dessen Hilfe zusammengesetzte Viruspartikel aus dem Nukleus austreten. In einem kreativen Verfahren nutzte Prof. Muller dehydrierte Kristalle, um eine flexible Proteinregion des IE1 zu untersuchen. Außerdem verglich er die Kristallstruktur von IE1 mit einer NMR-Struktur des Proteins im Komplex, um herauszufinden, wie sich die Proteinregion bei der Bindung bewegt.

Postdocs, die eine universitäre Laufbahn planen, gab Prof. Muller weiterhin den Rat, sich vor allem als Wissenschaftler weiterzuentwickeln. Zwar müssen Nachwuchs-Gruppenleiter schnell verschiedenste Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, von der Rekrutierung geeigneter Teammitglieder bis hin zur Kostenplanung. Wenn es jedoch darum geht, eine Stelle als Gruppenleiter zu erhalten, spielt wissenschaftliche Exzellenz nach wie vor die Hauptrolle. „Es geht in erster Linie um die Forschung“, so Prof. Muller. „Sie müssen beweisen, dass Sie Ideen haben und sie auf eine Weise verfolgen können, die Ergebnisse liefert.“

Wissenschaftliche Ergebnisse zu produzieren ist nicht immer einfach, doch Prof. Muller erklärt: „Jeder stößt früher oder später auf Hindernisse, aber Sie sollten wissen, dass Sie Ihre Arbeit vollenden können, wenn Sie die Zähne zusammenbeißen und durchhalten.“


Weiterführende Informationen:

Über das MDC Network

Das MDC Network soll MDC-Alumni helfen, dem Forschungszentrum, den Freunden und Kollegen am MDC verbunden zu bleiben. Es möchte starke Beziehungen zwischen den Ehemaligen und den derzeitig Beschäftigten des MDC zu beiderseitigem Vorteil unterstützen: um wissenschaftliche Zusammenarbeit zu erleichtern, Karriereunterstützung zu vermitteln, und eine gute Atmosphäre in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu fördern.

Hier im MDC Newsroom stellen wir Ihnen einige unserer Alumni vor. Nun gibt es auch eine interaktive PDF-Broschüre des MDC Network in englischer Sprache. Die Broschüre, deren erste von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung Ausgabe sich auf internationale Alumni konzentriert, wird fortlaufend erweitert.