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Was lesen Sie gerade, Herr Junker?

Im Labor beschäftigt sich Jan Philipp Junker mit Stammbäumen von Zellen. Er will verstehen, wie Zebrafische ihr Herz selbst reparieren. In seiner Freizeit liest er viel und gerne. Für unsere Serie „Was lesen Sie gerade?“ entführt uns der Systembiologe an die Ostküste der USA, nach Boston. Doch es geht nicht ans MIT, sondern ins Milieu von Tennisspielern und Drogensüchtigen.

David Foster Wallace: "Unendlicher Spaß"

Literatur kann uns eine andere Perspektive auf die Welt, zwischenmenschliche Beziehungen und uns selbst schenken. Das alles gab mir die Lektüre von Unendlicher Spaß. Ich habe das Buch während des Lockdowns im Frühjahr 2020 gelesen, und es hat mir geholfen, eine schwierige Zeit zu überstehen, in der ich Freude und soziale Interaktion vermisst habe. Unendlicher Spaß (im Original Infinite Jest) ist ein moderner Klassiker – einer der berühmtesten Romane der Mittneunziger, in dem David Forster Wallace eine Version der nahen Zukunft  ausmalt, die von übermäßiger kommerzieller Unterhaltung und zügellosem Drogenkonsum dominieren wird.

Dr. Jan Philipp Junker, Leiter einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe.

Der Handlung spielt größtenteils an einer Elite-Tennisakademie und dem benachbarten Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige in Boston. Das Element, das die parallelen Handlungsstränge zusammenführt, ist ein absurd unterhaltsames Video. Niemand, der anfängt, es sich anzusehen, kann damit aufhören, verliert das Interesse an jeglichen anderen Dingen und stirbt.

Eine Randgruppe beinloser Radikaler aus Québec (die sogenannten „Rollstuhl-Attentäter“) plant, die verschollene Masterkopie der Videocassette an sich zu bringen, um sie als Terrorwaffe für einen gewaltsamen geopolitischen Umsturz zu nutzen.

Infinite Jest ist unglaublich komisch und stellenweise sogar ziemlich albern, aber jenseits dessen ist es ein ernsthaftes Buch, in dem die Figuren und ihre Handlungen auf eine Weise dargestellt werden, die eines Dostojewski würdig wäre. Dieser Gegensatz – der sich beispielhaft darin zeigt, dass der Titel Shakespeares Hamlet entlehnt und die Handlung von Monty Pythons Sketch The Funniest Joke in the World inspiriert ist – hat Infinitive Jest für mich zu einem derart fesselnden Buch gemacht.