Angela Merkel und Martin Lohse

Angela Merkel: „Seien Sie stolz auf Ihr schönes Kleinod“

Mit einem klaren Bekenntnis zur Wissenschaft und Gesundheitsforschung hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das neue MDC-Laborgebäude für das Berliner Institut für Medizinische Systembiologie in Berlin Mitte eröffnet. Sie betonte, wie wichtig Zusammenarbeit über Grenzen hinweg ist – ebenfalls zwei zentrale Gestaltungsmotive des neuen Hauses und dessen Forschung.

„Seien Sie stolz auf ihr schönes Kleinod“, sagte Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Damit meint sie das lichte neue Forschungsgebäude, das heute unweit vom Regierungsviertel und Krankenhäusern feierlich eröffnet wurde.

Wissenschaft im Centrum – Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Gast am Max-Delbrück-Centrum.

Mit dem neuen Gebäude für das Berliner Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB) hat das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) neben dem Campus in Buch nun einen zweiten Standort im Herzen Berlins. „Es zeigt sich exemplarisch an diesem Haus, dass Forschung nur disziplinenübergreifend möglich ist“, sagte die Kanzlerin.

Es ist wichtig, auch über die Grenzen von Institutionen und Ländern hinweg zu arbeiten
Angela Merkel und Martin Lohse
Angela Merkel Bundeskanzlerin von Deutschland

„Wissenschaftliche Exzellenz und Internationalität gehen Hand in Hand – es ist wichtig, auch über die Grenzen von Institutionen und Ländern hinweg zu arbeiten,“ sagte Merkel. Im Labor habe sie drei Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler gesprochen, die ihr die Forschung an einzelnen Zellen und demonstriert haben. Sie werde morgen den französischen Präsidenten Emmanuel Macron treffen und dort unter anderem „von meinen Erfahrungen hier berichten“ – nicht zuletzt weil Künstliche Intelligenz ein Schwerpunkt der Kooperation der beiden Länder sei.

Die Bundesregierung und das Land Berlin hatten das BIMSB früh gefördert. Als Pilotprojekt der Förderungsinitiative „Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern“ zeige es, was „in dreißig Jahren deutscher Einheit passiert ist und möglich geworden ist“, sagte Merkel.  Die Gesundheitsforschung sei der Regierung ein besonderes Anliegen und sie werde persönlich dafür eintreten, denn „wir haben langfristige Zusagen gemacht und es sind die Zusagen, die über unsere Zukunft bestimmen“.

„Die Gesundheitsforschung ist der Regierung ein besonderes Anliegen“, sagte Kanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung unseres neuen Forschungsgebäudes in Berlin Mitte. 

Ein Haus der Zukunft

Für die Zukunft steht auch die offene Architektur des Neubaus. Er bietet Raum für modernste biomedizinische Forschung. Hier werden in den kommenden Wochen die etwa 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in 16 Arbeitsgruppen des Berliner Instituts für Medizinische Systembiologie (BIMSB) einziehen, die bislang auf dem Campus in Berlin-Buch gearbeitet haben.

Wissenschaft öffnen, Fächergrenzen überwinden

„Unser neues Forschungsgebäude steht für eine Wissenschaft, die sich mit großen Fenstern nach außen wendet“, sagte Professor Martin Lohse, Wissenschaftlicher Vorstand des MDC beim Festakt. Teams ganz unterschiedlicher Disziplinen werden hier unter dem Motto „Grenzen durchbrechen“ zusammenarbeiten.

Jonathan Alles, Doktorand im Labor von Nikolaus Rajewsky (1.von links), erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie man mit der Einzelzell-Analyse in großem Maßstab und hoher Präzision beobachten kann, welche Informationen Zellen gerade aus dem Erbgut abrufen. 

Forscherinnen und Forscher könnten althergebrachte Fächergrenzen, etwa zwischen Biotechnologie, rechnergestützter Wissenschaft, Biochemie, Molekularbiologie und der klinischen Forschung überwinden. „Heute ist ein guter Tag für uns am MDC und für jene, denen unsere Arbeit zugute kommen soll“, sagte Lohse. „Für Patienten von morgen und Menschen, die gesund bleiben wollen.“

Zusammenarbeit für Medizin von morgen

Professor Nikolaus Rajewsky, Leiter des BIMSB und Begründer des Systembiologie-Instituts im MDC, sprach von einem „radikalen Ansatz der Zusammenarbeit“, der für den Erfolg extrem wichtig sei. Das BIMSB kombiniert experimentelle und mathematisch-theoretische Arbeit in einzigartigem Ausmaß – ein Grundgedanke, den Rajewsky bereits vor rund zehn Jahren in seinem Antrag an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) formulierte.

Für mich persönlich geht ein Traum in Erfüllung
Nikolaus Rajewsky
Nikolaus Rajewsky Leiter und Gründer des Berlin Institute for Medical Systems Biology (BIMSB)

„Für mich persönlich geht mit diesem Tag, von einer Idee am Schreibtisch und über zehn Jahre spannendster Aufbauarbeit, ein Traum in Erfüllung“, sagte Rajewsky. „Für uns ist ’Compute‘ – also Statistik und Maschinelles Lernen – genauso wichtig wie das Nasslabor mit seiner Biochemie, Molekularbiologie, Mikrofluidik oder sogar Nanotechnologie.“

Molekularer Strichcode der einzelnen Zellen

Wie diese neue Art der Forschung praktisch aussieht, erfuhr die Bundeskanzlerin während eines Rundgangs durch die Labore, bei dem drei junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Arbeit vorstellen. So untersuchte Zoe Mendelsohn aus dem Labor von Nikolaus Rajewsky Alzheimer-Demenz und die Huntington-Erkrankung mit Hilfe von Miniatur-Versionen des menschlichen Gehirns. Diese Mini-Organe, Organoide genannt, werden hergestellt mit Hilfe von umprogrammierten Hautzellen eines Menschen. Sie sind nur wenige Millimeter klein. Die Bundeskanzlerin betrachtete sie durch ein Mikroskop. Die Organoide sind dreidimensionale Zellkulturen und erlauben es Forschenden wie Mendelsohn, die molekularen Mechanismen der Krankheiten an modellhaften Nachbildungen des erkrankten Organs der Betroffenen zu ergründen.

Angela Merkel und Martin Lohse im Gespräch. Die Kanzlerin hat gerade das Laborgebäude für Systembiologie eröffnet.

Jede Zelle eines solchen Organoids könne man einzeln analysieren, das Erbgut sequenzieren und bestimmen, welche Informationen die Zelle gerade abruft, erklärte der Wissenschaftler Jonathan Alles, ebenfalls aus dem Labor von Nikolaus Rajewsky. Er hat eine Apparatur konstruiert aus Computern, einem Mikroskop und vielen Schläuchen, die er mit einem Kunststoff-Chip verbunden hat. Erst Maschinen wie diese machen eine Einzelzell-Analyse möglich, sagt er. Durch den Klick mit der Computermaus startet Kanzlerin Merkel ein „Single Cell Sequencing“, eine Einzelzell-Sequenzierung. Auf dem Bildschirm erscheinen nach wenigen Sekunden Tröpfchen – jedes mit einer einzigen Zelle und einem molekularen Strichcode – die der Mikrofluidik-Chip dank seiner winzigen und hochpräzise gefertigten Kanäle erzeugt.

Wahrhaft riesige Datenmengen

Bei einer derartigen Analyse entstehen enorme Mengen von Daten: „Truly Big Data“, sagte Rajewsky. Viele der zahllosen Vorgänge innerhalb der Zelle seien zwar bekannt, unklar sei aber, wie sie zusammenwirken. Erst die systembiologische Perspektive erlaube dieses ganzheitliche Verstehen vom Zusammenwirken und damit auch von komplexen Erkrankungen. „Wir lernen zu verstehen, wie Zellen Entscheidungen treffen“, sagte Rajewsky. Und nicht nur das. Es ließe sich sogar vorhersagen, wie sich eine Zelle verändern werde.

Ein Datenschatz in solchen Dimensionen können Wissenschaftler wie Jonathan Ronen aus der Arbeitsgruppe von Altuna Akalin mit Bioinformatik, mächtigen Algorithmen und selbst lernenden Computerprogrammen heben. Sie nutzen also die Methoden der „Künstlichen Intelligenz“. Bei dem Laborrundgang zeigte Ronen sein einziges Arbeitswerkzeug: einen kleinen Laptop, auf dem Bildschirm einige Zeilen Programmcode. Hiermit kann er wichtige Gene identifizieren, Muster erkennen und sogar neue wissenschaftliche Fragestellungen ableiten.

Personalisierte Medizin als Medizin der Zukunft

Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen hat Ronen ein „Google für Tumoren“ entwickelt. Der Algorithmus nimmt die Sequenzierungsdaten aus dem Tumor eines Erkrankten und fahndet damit in Datenbanken nach bereits bekannten Tumor-Typen mit ähnlichen Eigenschaften. Das Programm prognostiziert anschließend, wie die Tumorzellen sich entwickeln oder welche Therapien sie wirksam abtöten könnten.

In der Systembiologie liegt also ein gigantisches Potenzial für die personalisierte Medizin, die die Medizin der Zukunft ist. Auch deshalb kürte das wissenschaftliche Fachmagazin gerade die Einzelzell-Analyse zum „Durchbruch des Jahres 2018“. Und auch deshalb engagiert sich das MDC im LifeTime-Konsortium, einem milliardenschweren Projekt der europäischen Union (EU), an dem 53 wissenschaftliche Institutionen und 80 Firmen an der nächsten Revolution in der Medizin arbeiten und das von Europas größten Forschungsorganisationen unterstützt wird. Das Vorhaben, das von Rajewsky am MDC koordiniert und von Geneviève Almouzni am Institut Curie in Paris ko-koordiniert wird, hat sich im internationalen Wettbewerb einen Spitzenplatz erworben. Es erhält im März eine Million Euro für die Finalisierung seines Projektantrags.

Doch Rajewsky denkt schon weiter. Im fünften Stock des BIMSB-Gebäudes entsteht bereits das nächste Zukunftsprojekt, das „Berlin Cell Center“. Hier wenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Klinik und der Grundlagenforschung Technologien wie die Einzelzell-Sequenzierung direkt auf Krankheiten an, um neue Diagnostik und Therapie möglich zu machen. „Dazu müssen verschiedene Berliner Institutionen zusammenkommen – so wie in Boston die Harvard University und das Massachusetts Institute of Technology MIT“, sagte er.

Ein Haus der Kooperation und Kommunikation

Die Medizinische Systembiologie ist ein junger, sich rasant entwickelnder Forschungszweig. Daher sah sich der Architekt Volker Staab beim Entwurf mit einer besonderen und spannenden Aufgabe für das neue BIMSB-Gebäude konfrontiert. Es ging um eine fundamentale Frage: „Wie organisieren wir Arbeitsabläufe in der Forschung?“, sagte Staab während des Rundgangs.

Der „nicht vorhersehbaren und sich ständig ändernden Umgebung“ tragen die großen Räume Rechnung, für welche er ebenso viele Computerarbeitsplätze wie Laborplätze plante, die sich aber flexibel ineinander verwandeln ließen. Die offenen Arbeitsräume funktionieren ohne Wände und Grenzen. Roher Sichtbeton und robuste Materialien strahlen Werkstattcharakter aus.

"Wir wollten, dass man sich immer wieder zwangsläufig begegnet“, beschrieb  der Architekt die zweite Anforderung an das Gebäude. Denn nur durch Kommunikation und Austausch zwischen den Disziplinen, die das Haus unter seinem Dach vereint, entstünden neue Ideen. Eine „zentrale Erschließung“, die große Halle mit der monumentalen Wendeltreppe aus dunklem Metall, bietet diesen kommunikativen Ort. Von ihr leiten sich alle weiteren Räume ab. Die Treppe fasst das Gebäude funktional zusammen und ist das kommunikative Herz des Hauses.

Transparenz auch nach außen

„Seien Sie stolz auf Ihr schönes Kleinod“, sagte Angela Merkel in ihrer Rede.

Offen ist der Bau ist auch nach außen hin. Der Gedanke der Transparenz findet sich auch in der gewaltigen Glasfassade mit ihrer organisch anmutende Bedruckung wieder. Das an Pflanzenranken oder DNA-Stränge erinnernde Muster reflektiert Sonnenlicht, weshalb die Architekten weniger Sonnenschutz auf die Fenster aufdampften. Die Fassade spiegelt dadurch weniger und erlaubt klare Ein- und Ausblicke.

Durchlässigkeit und Grenzen durchbrechen: das ist nicht nur das Motto der Systembiologie am MDC, es ist auch das Berlins, wo eine Mauer über Jahrzehnte zwei Staaten und zwei Stadthälften trennte und die durch das Volk selbst niedergerissen wurde. Das Institut, das als Initiative an der Basis des Wissenschaftsbetriebs begann, dann äußerst erfolgreich evaluiert und inzwischen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziell verstetigt wurde, möchte auch nach außen hin Barrieren einreißen, Althergebrachtes infrage stellen und der viel gescholtenen „Versäulung“ der Forschungsinstitutionen entgegenwirken.

Im Herzen der Wissenschaftsstadt Berlin

Kaum ein Ort wäre besser dafür geeignet gewesen als das Areal auf dem traditionsreichen Campus der Humboldt-Universität zu Berlin im Herzen der Stadt, auf dem sich die Lebenswissenschaften der HU, die Charité – Universitätsmedizin Berlin, das Integrative Research Institute IRI for the Life Sciences und das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie befinden.

Das Gebäude ist ein Ort der Wissenschaft und Begegnung in der Wissenschaftsstadt Berlin
Martin Lohse
Martin Lohse Wissenschaftlicher Vorstand des Max-Delbrück-Centrums

„Mit dem BIMSB in Mitte verfolgt das MDC seinen integrativen, systembiologischen Ansatz weiter. Damit nehmen wir eine komplexere Perspektive auf Gene und Zellen ein.“ Andere Herangehensweisen zum Verständnis von Krankheit und Gesundheit hätten ihren Schwerpunkt weiterhin in Buch. Dazu gehört das Studium der Moleküle des Körpers, ihre Struktur und wie sie miteinander interagieren, oder auch der „physiologische“ Weg über Tiere, Patientinnen und Patienten sowie Gewebeproben von Erkrankten.

Das Motto der Eröffnungsveranstaltung „Wissenschaft im Centrum“ sei „mindestens doppeldeutig“, sagte Lohse. Denn nicht nur habe das MDC mit dem neuen Gebäude endlich eine Präsenz in der Mitte Berlins. Seit vielen Jahren verankere das MDC die biomedizinische Wissenschaft auch im Zentrum der Gesellschaft. Der neue Standort sei außerdem ein Ort für Gespräche und für Kommunikation – „ein Ort der Wissenschaft und Begegnung in der Wissenschaftsstadt Berlin“.

Weiterführende Informationen

Rede der Bundeskanzlerin Angela Merkel

Website Wissenschaft im Centrum

Pressemitteilung "Avantgarde der Genforschung in der Mitte Berlins"

Bericht der Bundesregierung

Berliner Institut für Medizinische Systembiologie

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)

 

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) wurde 1992 in Berlin gegründet. Es ist nach dem deutsch-amerikanischen Physiker Max Delbrück benannt, dem 1969 der Nobelpreis für Physiologie und Medizin verliehen wurde. Aufgabe des MDC ist die Erforschung molekularer Mechanismen, um die Ursachen von Krankheiten zu verstehen und sie besser zu diagnostizieren, verhüten und wirksam bekämpfen zu können. Dabei kooperiert das MDC mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Berlin Institute of Health (BIH) sowie mit nationalen Partnern, z.B. dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DHZK), und zahlreichen internationalen Forschungseinrichtungen. Am MDC arbeiten mehr als 1.600 Beschäftigte und Gäste aus nahezu 60 Ländern; davon sind fast 1.300 in der Wissenschaft tätig. Es wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Berlin finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.

Das Berlin Institute for Medical Systems Biology (BIMSB)

 

Das Berlin Institute for Medical Systems Biology (BIMSB) erweitert seit 2008 das wissenschaftliche Profil des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC). Das BIMSB wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Berliner Senat als Pilotprojekt im Rahmen des Programms „Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern“ gefördert und die Finanzierung nach einer erfolgreichen Begutachtung vom BMBF verstetigt. Es zieht Anfang 2019 in ein eigenes Gebäude im Zentrum Berlins um. Auch den Neubau hat der Berliner Senat gemeinsam mit dem BMBF finanziert.