9.11. Brüggert

Wir waren 19 und wollten weg

Mike Brüggert, Fahrer, Abteilung zentrale Dienste

Wir waren 19 Jahre alt und sahen unsere Zukunft nicht in der DDR. Seit dem 6. Lebensjahr war ich in einem Kinderheim aufgewachsen, mit 18 Jahre zog ich dort aus.
Mir fiel es nicht schwer, dieses Land zu verlassen, denn ich hatte keine Familie, die es mir schwer fiel zurückzulassen.
Bürgert_Mike
Mike Brüggert Fahrer, Abteilung Zentrale Dienste

Fünf Tage Urlaub in Budapest mit Hotelübernachtung. Das war der Plan, Hin- und Rückflug gebucht. Am 20. Oktober 1989 fuhren wir zu viert, meine damalige Partnerin, ihre Arbeitskollegin und deren Mutter, zum Flughafen Berlin-Schönefeld. Meine Mitreisenden waren schon durch alle Kontrollen im Transitbereich, als ein Sicherheitsmitarbeiter mich fragte, ob das meine Tasche sei auf dem Gepäckband. Ich sagte ja, musste die Tasche vom Band nehmen, und den Sicherheitsmann in einen separaten Raum begleiten. Dort musste ich meine Tasche komplett leeren und mich bis auf die Unterhose ausziehen. Meine Kleidung und Kosmetikartikel wurden ein weiteres Mal durchleuchtet, aber es wurde nichts gefunden. Schließlich durfte auch ich in den Transitbereich zu meinen Freunden. Was für eine Erleichterung! Denn, das wusste allerdings keiner, ich hatte gar nicht vor, nur für ein paar Tage in den Urlaub zu fahren. Ich wollten mit meiner Freundin, wie so viele in diesem aufregenden Sommer, ausreisen und nie wieder in die DDR zurückkehren. Selbstverständlich hatten wir niemandem davon erzählt. 

Onkel und Tante meiner Freundin lebten in Frankfurt am Main. Mit ihnen, und sonst niemandem, hatten wir unsere Flucht über Ungarn und Österreich geplant. Heimlich und nur persönlich, denn wir wussten ja, dass die Staatssicherheit überall ihre Ohren hatte. Deshalb hatten wir auch keine Zeugnisse oder andere wichtige Unterlagen dabei, als wir uns auf den Weg nach Budapest machten. Meine Schwester hatte den Schlüssel meiner Wohnung, und sie sicherte nach unserem Abflug alle meine wichtigen Papiere und Unterlagen, so dass ich heute noch die DDR-Originale vorlegen kann.

Zu Besuch im Kanzleramt

Wir waren 19 Jahre alt und sahen unsere Zukunft nicht in der DDR. Seit dem 6. Lebensjahr war ich in einem Kinderheim aufgewachsen, mit 18 Jahre zog ich dort aus. Mir fiel es nicht schwer, dieses Land zu verlassen, denn ich hatte keine Familie, die es mir schwerfiel zurückzulassen. 

In Budapest verbrachten wir unsere fünf Urlaubstage ganz wie geplant. Erst am Tag des Rückflugs, am Flughafen, erklärten wir unseren Begleitern, dass sie allein zurückfliegen müssten. Natürlich war die Überraschung groß. Noch am gleichen Tag fuhren wir zwei mit einem Taxi zur Grenze. Mit einem Tagesvisum konnten wir nach Österreich einreisen. Von dort aus wurden wir mit einem Bus in eine Bundeswehrkaserne nach Deutschland (Bayerischer Wald) gebracht. Und rasch ging es weiter - mit dem Zug nach Frankfurt am Main, wo wir am 26. Oktober freudig empfangen wurden.

Spät in der Nacht, wieder in Frankfurt am Main, saßen wir viele Stunden gebannt vor dem Fernseher und verfolgten die Berichte aus Berlin. Noch immer konnten wir es nicht glauben.
Bürgert_Mike
Mike Brüggert Fahrer, Abteilung Zentrale Dienste

Den 9. November 1989 haben wir – gerade erst in der Bundesrepublik – in Bonn, im Bundeskanzleramt, also sozusagen bei Helmut Kohl, mit Rudolf Seiters, dem damaligen Kanzleramtsminister, verbracht. Der Onkel meiner Partnerin war aktiv in der CDU und hatte eine Besichtigung organisiert. Zum Abendessen fuhren wir mit einem Schiff auf dem Rhein. Eine Kellnerin rief irgendwann aufgeregt: „In Berlin ist die Mauer offen, das wurde gerade im Radio bekannt gegeben.“ Unser Erstaunen und unsere Verwunderung waren natürlich groß. Wir versammelten uns beim Kapitän am Radio, um alles genau zu verfolgen. Spät in der Nacht, wieder in Frankfurt am Main, saßen wir viele Stunden gebannt vor dem Fernseher und verfolgten die Berichte aus Berlin. Noch immer konnten wir es nicht glauben, aber es war wirklich real…

In dieser Nacht wurde deutsche Geschichte geschrieben, und ich bin heute noch froh, das alles miterlebt zu haben. 

Beim Schreiben dieser Zeilen kommt vieles noch einmal hoch, die Angst während der heimlichen Vorbereitung und vor dem Abflug, geht alles gut, hat uns jemand gehört, wird unser Plan funktionieren… die Emotionen am Flughafen in Budapest… die Fahrt über die Grenze, die Erleichterung, endlich in Frankfurt zu sein.

Ich habe dann 27 Jahre lang in Frankfurt am Main gelebt und dort bei der Bahn gearbeitet. Die Stadt wurde zu meiner Heimat. Auch wenn der Anfang sehr schwer war: Meine Freundin verließ mich im März 1990, und ich zog in ein Wohnheim der DB; dort erreichte mich, ebenfalls im März, ein Telegramm meiner Schwester, dass unsere Mutter verstorben sei und mein Vater einen Schlaganfall hatte, von dem er sich nie wieder erholte. Wie schon gesagt, der Anfang war nicht schön. Mit der Zeit fand ich Freunde und Sportskameraden. In meiner Freizeit spielte ich Fußball und ging zum Eishockey.

Da ich lange allein war, reiste ich auch allein, mit 22 war ich in den USA und in Afrika, danach kamen Reisen nach Spanien, Griechenland, Ägypten und eine Woche Katamaran-Kreuzfahrt auf den Malediven. Mit 42 Jahren lernte ich meine jetzige Frau aus Berlin kennen, sie zog um nach Frankfurt, doch das Heimweh wurde groß. Im August 2016 gingen wir zurück nach Berlin, und ich bin froh, ein Teil vom wunderbaren MDC zu sein.

 

© picture-alliance/ dpa/ Istvan Bajzat