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Gen für schwere angeborene Hautkrankheit lokalisiert

Wissenschaftler des Max-Delbrück-Centrums finden auf Chromosom 17 neuen Genort für die Ichthyose – Kirchenarchive enthüllten bis dato unbekannte Familienbande der Betroffenen seit dem Jahre 1679

Ein bislang unbekanntes Gen, dessen Ausfall eine schwere angeborene Hautkrankheit, die Ichthyose, verursacht, haben Wissenschaftler des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) lokalisiert. Dr. Hans Christian Hennies und seine Mitarbeiter in der Abteilung Molekulare Genetik” des Zentrums für Genkartierung des MDC orteten den Genort auf Chromosom 17. Sie haben dazu deutsche und türkische Familien untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die deutschen Eltern der betroffenen Kinder miteinander verwandt waren, ohne davon gewusst zu haben. Umfangreiche Recherchen in Kirchenarchiven enthüllten, dass ihre Vorfahren im Jahr 1679 geheiratet hatten. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die Kinder sowohl von väterlicher als auch mütterlicher Seite dieselbe genetische Veränderung auf Chromosom 17 geerbt haben, die zu einer Verhornung der Haut (Ichthyose von griech. Fisch) führt. Die Forschungsarbeit hat jetzt das renommierte American Journal of Human Genetics (Am. J. Human Genet. 69: 216222, 2001*) veröffentlicht. Die genaue Kenntnis der genetischen Ursachen des Erbleidens ist eine Voraussetzung für eine bessere Diagnose und Therapie der Krankheit, die bisher nicht ursächlich behandelt werden kann.

Ichthyosen, gelegentlich auch Fischschuppenerkrankungen” genannt, tragen ihren wissenschaftlichen Namen nach dem griechischen Wort für Fisch. Das medizinische Wörterbuch definiert sie als erbliche flächenhafte Verhornungsstörungen”. Die gestörte Verhornung der Haut kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein: Bei manchen Betroffenen sind die Hautveränderungen so minimal ausgeprägt, dass sie äußerlich kaum sichtbar sind; bei anderen kommt es zu starken Rötungen, extremer Schuppenbildung, großflächigen Verhornungen und weiteren Symptomen wie Haarveränderungen und Bewegungsstörungen. Die Mediziner unterscheiden insgesamt mehrere Formen von Ichthyose-Erkrankungen. Die schwerste angeborene Verhornungsstörung ist die so genannte Harlekin-Ichthyose: Kinder, die von diesem Erbleiden betroffen sind, sind bei der Geburt in einen dicken Hornpanzer eingehüllt.

Die einzelnen Formen sehen sehr unterschiedlich aus und verlaufen verschiedenartig. Gemeinsam ist allen, dass an ihrer Entstehung Erbanlagen beteiligt sind, die sich verändert haben und deshalb ihre normale Funktion nicht mehr erfüllen können. Fest steht, dass den verschiedenen Ichthyose-Erkrankungen unterschiedliche genetische Störungen zu Grunde liegen. Welche Gene jedoch genau verändert sind, ist bei den meisten Ichthyosen-Formen noch gänzlich unbekannt.

Genetisch bereits besser untersucht ist die so genannte autosomal-rezessive lamelläre Ichthyose. Autosomal-rezessiv” bedeutet, dass die Krankheit im Kind nur dann zum Ausbruch kommt, wenn das veränderte Gen von beiden Elternteilen vererbt wird. Das ist sehr selten der Fall: Die Wissenschaftler schätzen, dass unter 200 000 Neugeborenen eines erkrankt ist. Diese Form der Ichthyose äußert sich durch eine ausgeprägte, den ganzen Körper betreffende Schuppenbildung. Sie kann so stark sein, dass sich ein Baumrindenmuster” auf der Haut entwickelt. Die Schuppen bestehen aus dünnen Hornschichten, die wie Lamellen übereinander liegen – deshalb lamelläre Ichthyose”.

Gestörter Stoffwechsel der Haut

Im Jahr 1995 wurde auf Chromosom 14 ein Gen identifiziert, das bei der autosomal-rezessiven Ichthyose verändert ist. Normalerweise ist das Gen für die korrekte Herstellung eines Eiweißes, der so genannten Transglutaminase 1, verantwortlich. Dieses Eiweiß arbeitet als Enzym: Es sorgt dafür, dass sich die Membranen der Hornzellen in der Haut ordnungsgerecht ausbilden. Ist das Gen verändert (mutiert), verändert sich auch sein Produkt, das Enzym. Es kann seiner Arbeit nicht mehr nachgehen: Die Haut verhornt zu stark; es kommt zu einer extremen Schuppenbildung. Etwa ein Drittel der Ichthyose-Erkrankungen werden auf das mutierte Gen auf Chromosom 14 zurückgeführt. In der Zwischenzeit haben Molekulargenetiker verdächtige Genorte auch auf den Chromosomen 2, 3 und 19 eingegrenzt.

Die Wissenschaftler der Abteilung Molekulare Genetik” haben unter Leitung von Dr. Hans Christian Hennies in aufwendigen Untersuchungen einen weiteren verdächtigen Genort entdeckt (Am. J. Human Genet. 69: 216222, 2001). Die Region auf Chromosom 17 enthält etwa 50 bis 100 Gene. Die Genetiker analysieren diesen Abschnitt jetzt genauer und hoffen, das verursachende Gen dingfest zu machen und seine Bedeutung im Krankheitsgeschehen erklären zu können. Dies wäre ein weiterer entscheidender Schritt, um die molekularen Ursachen des Erbleidens zu verstehen und neue Therapieformen entwickeln zu können, welche die Krankheit an ihrer Wurzel packen.

Detektivisches Nachforschen in Kirchenarchiven

Die Wissenschaftler haben den neuen Genort bei den Mitgliedern einer deutschen und einer türkischen Familie gefunden. Bei der deutschen Familie stellte sich heraus, dass die Eltern der betroffenen Kinder miteinander verwandt waren, ohne davon zu wissen: Ausführliche Recherchen sowohl der Familie als auch der Wissenschaftler in Kirchenarchiven enthüllten, dass ihre gemeinsamen Vorfahren im Jahr 1679 geheiratet hatten. Auf Grund dieser Beziehung haben die Kinder höchstwahrscheinlich von Vater und Mutter dieselbe genetische Veränderung auf Chromosom 17 geerbt. 

Die Arbeiten der MDC-Wissenschaftler werden von der Selbsthilfegruppe Selbsthilfe Ichthyose e.V.” in Lauterbach und dem Förderkreis Förderer behinderter Menschen” in Bad Homburg unterstützt.

*Identification, by Homozygosity Mapping, of a Novel Locus for Autosomal Recessive Congenital Ichthyosis on Chromosome 17p, and Evidence for Further Genetic Heterogeneity

Alice Krebsová1,2, Wolfgang Küster3, Gilles G. Lestringant4, Bernt Schulze6, Britta Hinz1,Philippe M. Frossard5, André Reis1,7, and Hans Christian Hennies1

1Department of Molecular Genetics and Gene Mapping Center, Max Delbrück Center for Molecular Medicine, and 2Institute of Human Genetics, Charité, Humboldt University Berlin, Berlin; 3TOMESA Clinics, Bad Salzschlirf, Germany; 4Department of Dermatology, Tawam Hospital, and 5Department of Pathology, Faculty of Medicine and Health Sciences, Al Ain, United Arab Emirates; 6Praxis für Humangenetik, Hannover, Germany; and 7Institute of Human Genetics, Friedrich Alexander University Erlangen, Nürnberg, Germany

Barbara Bachtler
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