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Gefährliche Eindringlinge

Viren können Krebserkrankungen verursachen

Seit rund 30 Jahren ist bekannt, daß Viren Krebs auslösen können. So sind bei der zweithäufigsten Krebserkrankung der Frau nach dem Brustkrebs, beim Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom), bestimmte Warzenviren (Papillomviren) beteiligt. Leberkrebs geht zum Teil auf Infektionen mit dem Hepatitis-B-Virus zurück, bestimmte Formen von Blutkrebs auf das sogenannte HTL-Virus, Formen von Lymphdrüsenkrebs bei Kindern oder Nasen-Rachenkrebs auf Infektionen mit dem Epstein-Barr Virus. Jedoch ist keine einzige dieser Virusinfektionen allein ausreichend, um eine Krebserkrankung zu verursachen”, betonte der Virologe Prof. Harald zur Hausen (Heidelberg) bei einem internationalen Kongreß des Verbunds Klinisch Biomedizinische Forschung (KBF) am Freitag, den 29. September, im MAX-DELBRÜCK-CENTRUM FÜR MOLEKULARE MEDIZIN (MDC) BERLIN-BUCH. Offenbar sind zusätzliche genetische Veränderungen (Mutationen) im Erbmaterial (DNA) der Wirtszelle nötig, um Krebs auszulösen”, sagte der Virusspezialist und Direktor des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg (DKFZ) auf der Tagung.

Die Krebsforschung kennt inzwischen, so Prof. zur Hausen, allein mehr als 77 verschiedene Typen von Papillomviren. Davon ist jedoch nicht jeder Papillomvirustyp krebserregend, betonte er. Die meisten Warzen enthalten harmlose Vertreter” der Papillomviren. Aber auch wenn krebserregende Papillomviren im Organismus nachgewiesen werden, besteht nach Aussage des Virologen kein Grund zur Beunruhigung. Nur wenige der infizierten Menschen erkranken nach Jahrzehnten an Krebs. Allerdings sollten bei einer Infektion regelmäßig Kontrolluntersuchungen gemacht werden. Er wies zugleich darauf hin, daß in vielen Labors an der Entwicklung von Impfstoffen zur Vermeidung von Infektionen mit Papillomviren gearbeitet wird.

Zu den krebserregenden Papillomviren gehören nach Aussage von Prof. zur Hausen vor allem Viren des Typs 16. Über 90 Prozent aller Formen des Gebärmutterhalskrebses enthalten Erbmaterial dieses Virustyps. Das gilt auch für nahezu 50 Prozent der Krebserkrankungen der Genitale der Frau und des Mannes, sowie für zwei Drittel der bösartigen Tumoren im Analbereich.

Wie kann sich aufgrund einer Virusinfektion eine Krebserkrankung entwickeln? Die Papillomviren greifen bei einer Infektion in das genetische Programm der Wirtszelle ein: sie bauen ihr Erbgut in die DNA der Zelle. Dabei verlieren diese Viren häufig einen Teil ihres eigenen Erbmaterials und können sich dadurch nicht mehr vermehren. Sie sind damit auch nicht mehr ansteckend. Bestimmte Gene des Virus, in der Fachsprache als E6 und E7 bezeichnet, bleiben jedoch erhalten und sind aktiv. Es sind Gene, die die Vermehrung der infizierten Wirtszelle anregen können. Das nutzt auch dem Virus. Denn mit jeder Zellteilung wird auch sein Erbgut vermehrt.

Diese Virusgene, die die Zellteilung anregen, werden beim Einbau in die DNA der Zelle dereguliert und vermehrt produziert. Sie verursachen ständig genetische Veränderungen (Mutationen) in der Wirtszelle, die nicht ohne Folgen bleiben: Eine davon ist beispielsweise, daß die Kommunikation der Wirtszelle mit ihren Nachbarzellen, die essentiell für die Abstimmung der biologischen und chemischen Reaktionen in einem gesunden Organismus sind, gestört ist. Die Heidelberger Krebsforscher vermuten sogar, daß dadurch jene Kontrollmechanismen der Zelle, die normalerweise Eindringlinge in Schach halten, außer Kraft gesetzt sind. Das führt schließlich dazu, daß die durch die Virusgene veränderten Zellen in benachbartes Gewebe einwandern und später zur Ansiedlung von Tochtergeschwülsten (Metastasen) führt. Die Aktivität dieser Virusgene ist nach Ansicht von Prof. zur Hausen die Voraussetzung dafür, daß ein Krebs wachsen kann. Er und seine Mitarbeiter wollen jetzt die Kontrollgene der Wirtszelle, die durch diese Virusgene außer Gefecht gesetzt werden, näher untersuchen.

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