Krebsforscher Dr. Jürgen Behrens mit Domagk-Preis ausgezeichnet
Für seine “bahnbrechenden Forschungen” über die Entstehung von Krebs ist Dr. Jürgen Behrens vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch mit dem Gerhard-Domagk-Preis ausgezeichnet worden. Der Forscher erhielt den mit 20 000 Mark dotierten Preis am Montag, den 5. Juni 2000, in der Universität Münster überreicht. Der Preis wird seit 1963 alle zwei Jahre von der nach dem Medizinnobelpreisträger Gerhard Domagk benannten Stiftung für Krebsforschung der Gesellschaft zur Förderung der Universität Münster und der Firma Bayer verliehen. Preisträger 1998 war der Molekularbiologe Prof. Manfred Schwab vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. Mit Prof. Heinz Bielka, Dr. Rainer Benndorf und Dr. Matthias Gaestel hatten 1993 schon einmal MDC-Wissenschaftler die renommierte Auszeichnung gemeinsam mit drei weiteren Forschern erhalten.
Dr. Behrens konnte zeigen, dass bestimmte Moleküle, die als
Zellkitt fungieren und Zellen im Zellverband halten, auf der Oberfläche einer
Gruppe von Krebszellen verloren gehen können. Die Folge davon ist, dass sich
Krebszellen, die solche Adhäsionsmoleküle (lat. adhere – verbinden) nicht mehr
haben, aus einer Geschwulst lösen und mit dem Blutstrom an eine andere Stelle
im Organismus geschwemmt werden, wo sie Tochtergeschwülste (Metastasen) bilden.
Zelladhäsionsmoleküle ermöglichen darüber hinaus den
Informationsaustausch von Zellen untereinander. Die korrekte Weiterleitung von
Signalen ist die Voraussetzung dafür, daß sich Zellen und Gewebe richtig
entwickeln und ein gesunder Organismus entsteht. Dr. Behrens konnte
entscheidend zur Aufklärung eines zellulären Signalweges beitragen, der während
der Embryonalentwicklung von Wirbeltieren eine Rolle spielt und der bei der
Entstehung von Krebs gestört ist. Hier kommt einem Molekül, dem beta-Catenin, eine
Schlüsselrolle zu, wie der Wissenschaftler zeigte. Es gehört zu den
“Kettenmolekülen” (Catenine von lat. catena – die Kette), welche die
Zelladhäsionsmoleküle im gesunden Organismus am Zellskelett im Innern der Zelle
verankern. Beta-Catenin ist dafür verantwortlich, dass Informationen von der
Zelloberfläche über die Adhäsionsmoleküle in die Schaltzentrale der Zelle, den
Zellkern, gelangen.
Dabei entdeckte Dr. Behrens, was bei einer Fehlsteuerung
und damit einer Überproduktion von beta-Catenin geschieht und wie andererseits
eine Überproduktion verhindert wird. Ist beta-Catenin im Überfluß vorhanden,
kann es in Wechselwirkung mit einem Molekül im Zellkern (LEF‑1) direkt an die
Erbinformation DNA binden und dadurch andere Gene anschalten. Damit hatte der Krebsforscher
einen Auslöser für die Entwicklung von Karzinomen entdeckt, wie Prof. Bert
Vogelstein von der Johns Hopkins Universität in Baltimore (USA) später zeigen
konnte. Vogelstein wies nach, dass eines der von beta-Catenin und seinem
“Helfer” LEF‑1 angeschalteten Gene das Krebsgen c‑myc ist. Dieses Gen trägt
entscheidend zur Entstehung von Darmkrebs bei.
Verhängnisvolle
Kaskade
Dr. Behrens und seine Mitarbeiter entdeckten außerdem ein
Kontrollmolekül, das eine Überproduktion von beta-Catenin verhindert. Das
Steuerungsmolekül nannten sie Conductin (engl. für dirigieren, steuern).
Conductin stellt den Kontakt her zwischen beta-Catenin und jenen Molekülen, die
das Kettenmolekül abbauen. Eines dieser Abbaumoleküle ist das Produkt eines
Tumorsuppressorgens, das APC-Protein. Tumorsuppressorgene wachen darüber, dass
Zellen nicht unkontrolliert wachsen. Sie sorgen auch dafür, dass veränderte und
nicht mehr funktionstüchtige Zellen sich selbst umbringen und damit den
Organismus vor Schaden bewahren. Ist APC oder beta-Catenin verändert (mutiert)
oder fällt Conductin als Kontrolle aus, wird überschüssiges beta-Catenin nicht
mehr abgebaut und löst die verhängnisvolle Kaskade im Zellkern aus. Tatsächlich
ist bei zirka 80 Prozent der Dickdarmkarzinome beim Menschen APC und bei 7
Prozent beta-Catenin mutiert.
Der Preis für klinische und experimentelle Krebsforschung
ist benannt nach seinem Stifter, Prof. Gerhard Domagk (1895−1964). Domagk hatte
über 30 Jahre in den Forschungslaboratorien der Bayer AG geforscht. Er war
Pathologe an der Universität Greifswald und lehrte später bis zu seiner
Emeritierung als außerplanmäßiger Professor an der Universität Münster. Domagk
hatte 1935 die Behandlung bakterieller Infektionen mit Sulfonamiden begründet
und dafür 1939 den Nobelpreis erhalten.
Jürgen Behrens wurde 1958 in Speyer geboren. Er studierte
Biochemie an der Universität Tübingen und promovierte 1988 am dortigen
Friedrich-Miescher-Laboratorium der Max-Planck-Gesellschaft in der
Forschungsgruppe von Prof. Walter Birchmeier. Anschließend war er als
Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Birchmeier am Institut für Zellbiologie der
Universität Essen tätig. Seit 1993 ist Dr. Behrens am MDC und leitet seit 1998
seine eigene Forschungsgruppe. Im vergangenen Jahr hatte er den mit 20 000 Mark
dotierten Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften der
Monika Kutzner-Stiftung zur Förderung der Krebsforschung erhalten.
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