Günter Schabowski

Das Weltereignis

Professor Erhard Geißler, ehemaliger ZIM- und MDC-Mitarbeiter und Arbeitsgruppenleiter

Aus Briefen und Tagebüchern von Erhard Geißler, ZIM, vom Herbst 1989
Es ist alles wie im Märchen, nein, wie im Traum: Wie werden wir aufwachen?
Erhard Geißler
Erhard Geißler Ehemaliger ZIM und MDC-Mitarbeiter und Arbeitsgruppenleiter

27.10.

Man kommt abends nicht mehr zum Arbeiten, weil man fernsehen muss und Zeitung lesen. Vorgestern zum Beispiel strahlte Elf99 einen Ausschnitt aus der Podiumsdiskussion aus, die im Haus der jungen Talente stattfand, und an der Stefan Heym [Schriftsteller], Christoph Hein [Schriftsteller und Dramatiker], 2 Philosophie-Professoren der Humboldt-Uni, ein Sekretär des FDJ-Zentralrats, stellvertretender Kulturminister Hartmut König, Gisela Steineckert sowie Bärbel Bohley und Prof. Jens Reich vom „Neuen Forum“ teilnahmen – und gar nicht so kontrovers diskutierten. Ach so: Markus Wolf [ehemaliger Leiter der Auslandsspionage] war auch auf dem Podium und saß, wenn ich’s recht erinnere, direkt neben Bärbel Bohley. Noch vor 2-3 Wochen in den kühnsten Träumen nicht vorstellbar!

In der Zwischenzeit listet der „Sonntag“ die neulich im Professoren-Forum live im TV gestellten Fragen auf, u.a. an Karl-Eduard von Schnitzler [Journalist und Moderator des „Schwarzen Kanal“],  „Sind sie ein Wendepolitiker oder ein kalter Krieger?“ – was er entrüstet von sich wies, in der Sendung selbst. Aber Demonstranten riefen auf der Straße nicht nur „Ein Krenz macht noch keinen Lenz“, sondern auch „Schnitzler in die Muppet-Show“…

5. 11.

Heute Vormittag waren wir u.a. im Magdeburger Dom. Dort waren mehrere Tafeln mit Aufrufen, Kommentaren etc. aufgestellt, darunter ein langer Text von der SDP sowie von der Böhlener Gruppe [Zusammenschluss von Oppositionellen] zusammen. Viele Autos in M. haben grüne Bänder an den Antennen, oder Leute haben grüne Bänder angesteckt: Wir bleiben hier und sind hoffnungsvoll.

An der großen Berliner Demo gestern konnten wir so [wegen unserer Teilnahme an der 20-Jahrfeier der Humangenetik in M.] leider nicht teilnehmen. Im Radio hörten wir, daß 500.000 bis 1.000.000 Menschen daran teilgenommen haben sollen, und daß alles friedlich verlaufen ist. Es sind wirklich aufregende Zeiten, und ich teile die Sorge vieler Menschen hier nicht, daß es vielleicht noch einmal eine Rück-Wende geben könnte: Dazu ist viel zu viel in Gang gekommen, und hier in Mitteleuropa, an der Nahtstelle zweier Militärblöcke, kann man die Probleme nicht so lösen wie vor einigen Monaten in Beijing.

8.11.

Gestern Ministerrat zurückgetreten, heute früh Politbüro zurückgetreten, Mittag neues Politbüro gewählt und Modrow zum Ministerpräsidenten vorgeschlagen. Laut ADN soll auch „Neues Forum“ zugelassen werden.

Es ist alles wie im Märchen, nein, wie im Traum: Wie werden wir aufwachen?

Ein ernstes Gesicht macht Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, auf der Pressekonferenz am 09.11.1989. Auf ihr gab Schabowski die Öffnung der Grenze bekannt.

10.11.

Gestern Spätnachmittag sah ich wieder mit großem Interesse Schabowskis Pressekonferenz...  Buchstäblich in der Antwort auf die letzte Frage kündigte er an, daß vorläufig die Grenze mit Visa im DPA [dem Deutschen Personalausweis] passiert werden könne. Wir haben das zwar gehört, aber nicht richtig verdaut, … dann sind wir gegen 22.30 Uhr ins Bett.  DAS WELTEREIGNIS haben wir buchstäblich verschlafen. Renate weckte mich heute früh damit, daß in der Nacht die Grenze geöffnet wurde und daß man bis 8 Uhr lediglich mit dem DPA rüber konnte. (Aktuelle Meldung: An der Reeperbahn wurde der erste Trabbi gestohlen.)

12.11.

Heute ist nun der Grenzübergang Potsdamer Platz aufgemacht worden. 800.000 Leute sind heute in West-Bln gewesen, weitere 500.000 in der BRD (11 Std. Wartezeit am Übergang Helmstedt).

13.11.

Weitere Sensationen. 1) Volkskammersitzung wird live im FS übertragen – auch von der ARD. 2) Vorsitzender wird geheim gewählt, mehrere Kandidaten sind vorgeschlagen. 3) Erstmals „Aussprache“ außer den Erklärungen der Fraktionen. Ardenne [Wissenschaftler und Leiter des Manfred-von-Ardenne-Institut] fordert Anpassung der marxist. Ideologie an den menschl. Charakter.

14.11.

Denkwürdiger Tag: Mit Uli an der Gedächtniskirche, am Reichstag und hinter dem Brandenburger Tor gewesen – und über den Potsdamer Platz wieder fröhlich heimgegangen.

15.11.

Vormittags bin ich dann ins Institut, habe mit Staunen registriert, wie die Institutsleitung auf DIE WENDE reagiert hat (Parteibüro aufgelöst, Parteisekretär nimmt nicht mehr an Leitungssitzungen teil, eingehende Auslandspost wird nicht mehr von der Institutsleitung geöffnet, ausgehende Post kann von den Bereichen direkt zur Poststelle gegeben werden und braucht nicht mehr offen übers Direktorat geleitet zu werden, ebenso wird mit Auslandstelefongesprächen verfahren).  

29.12.

Wie geht es weiter mit dem Land? Was wird aus unseren Instituten und der Akademie? Was aus der Schule? Zum Glück brauchen wir aber die Wende selbst psychisch nicht mitzumachen, wir haben uns nichts vorzuwerfen – abgesehen von der erzwungenen Anpassung, beispielsweise hinsichtlich der Pflicht, Auslandsbesucher hinterher oder möglichst noch zuvor auf der Arbeitsstelle zu melden oder Privatkontakte während dienstlicher Auslandsreisen zu verheimlichen, oder alle ein- und ausgehende Dienstpost über den Schreibtisch des Direktors bzw. einer von ihm eingesetzten, dazu mehr oder eigentlich weniger befähigten Mitarbeiterin gehen zu lassen [die mir manchmal Briefe zurückgab, weil ich einen persönlichen Gruß etwa an die Ehefrau des Empfängers drunter geschrieben hatte]. Gerade der Wegfall der Meldepflicht und des Verbotes von Privatkontakten während dienstlicher Auslandsreisen bringt ja nun eine außerordentliche seelische Entspannung: ich konnte in der vergangenen Woche, als ich auf noch kurz vor der Wende ausgesprochene Einladung durch die Universität in Köln war, meine weit über siebzigjährige Cousine Ruth in aller Offenheit besuchen und hatte keine Hemmungen mehr, mich mit ihr auf der Straße zu zeigen… Natürlich habe ich sie auch bei früheren Aufenthalten in der Domstadt besucht [seit 1968 war ich „Reisekader“], aber dann immer mit einem unguten Gefühl, und immer in der Hoffnung, daß sich die alte Dame nicht in einem Brief verplappert.

Was für eine aufregende Zeit, was für ein Glück, dabei sein zu können, ich hätte nie geglaubt, daß ich die Öffnung der Mauer noch erleben könnte! Und nun erlebe ich, mit echten Tränen, am Bildschirm live den Mauerdurchbruch am Potsdamer Platz, wo ich 28 Jahre zuvor das Errichten der ersten Sperranlagen miterlebt hatte…

 

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