Autobahn

Eine offene Tür

Ingo Kahl, Vorsitzender des Personalrats

Als am 09.11.1989 im Radio die Nachricht gesendet wurde, dass die Mauer geöffnet worden ist, saß ich in meiner Wohnung in Dresden und las.
Die Zeiten nach dem Mauerfall waren bewegende Zeiten.
 Ingo Kahl
Ingo Kahl Vorsitzender des Personalrats

Beim Hören der Nachricht hatte ich ein Bild im Kopf: Ich stand in einer großen dunklen Halle, am Ende der Halle geht eine Tür auf und von außen scheint Licht herein. Es gab plötzlich die Möglichkeit, die Halle durch eine Tür zu verlassen. Es war ein gutes Gefühl, jetzt diese Möglichkeit zu haben. Ich hatte aber nicht den Drang jetzt sofort losgehen zu müssen, um durch die Tür zu gehen. Ich dachte, die Tür würde offenbleiben und ich hätte jederzeit die Möglichkeit hindurchzugehen.

Tatsächlich habe ich die Mauer dann erst zwei Wochen später das erste Mal überquert. Ich fuhr vom Bahnhof Berlin-Schönefeld mit dem Bus nach Rudow, um eine Tante in Westberlin zu besuchen. Es war Abend und der Bus fuhr beiderseits der Mauer durch dunkle, graue Straßen. Dass der Bus über den Mauerstreifen fuhr habe ich gar nicht so deutlich bemerkt, aber mir ist deutlich aufgefallen, dass die Straßenlaternen plötzlich anders aussahen.

Die Zeiten nach dem Mauerfall waren bewegende Zeiten. Aber noch zwei Jahre nach dem Mauerfall hatte ich, als ich mit dem Auto in der Nähe von Köln auf der Autobahn fuhr, ein Gefühl der Unwirklichkeit. Ich hatte dann den Gedanken, was ich gesagt oder gedacht hätte, wenn mir zwei Jahre zuvor jemand gesagt hätte, dass ich 1991 mit dem eigenen Auto über eine Autobahn bei Köln fahren würde. Wahrscheinlich hätte ich demjenigen einen Vogel gezeigt und gesagt, dass er spinnt.

 

 

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