Mauerspechte

Erinnerung an graue Schreckgestalten

Kirstin Bodensiek, Leiterin der Rechtsabteilung

Ich habe den 9. November mehr oder weniger verschlafen, obwohl ich doch sogar in Berlin lebte. Wie sträflich. Aber das ist vielleicht wie mit den Sehenswürdigkeiten, die man auch nur besichtigt, wenn Besuch da ist.
Ich erinnere mich, dass man immer noch die 'Mauerspechte' hörte, die auf der Mauer saßen und Teile als Erinnerungsstücke abklopften.
Kirstin Bodensiek
Kirstin Bodensiek Leiterin der Rechtsabteilung

Im Familienfotoalbum steht unter dem Foto vor dem Brandenburger Tor tatsächlich „26. Dezember 1989“. Ich erinnere mich, dass man immer noch die „Mauerspechte“ hörte, die auf der Mauer saßen und Teile als Erinnerungsstücke abklopften. Im Vordergrund steht der Kinderwagen mit meiner kleinen Schwester. Sie ist 15 Jahre jünger als ich und im Herbst 1989 geboren. Sie wird die DDR nur noch aus Erzählungen kennenlernen. 

Wie komisch, dass wir im Hinblick auf das historische Ereignis „Mauerfall“ praktisch zwei Generationen sind. Ich selbst bin in West-Berlin aufgewachsen. Mein Bruder und ich sind oft ohne Stadtplan auf Radtour gegangen. Groß verfahren konnten wir uns nicht, irgendwann stoppte einen die Mauer. Ich habe mich immer gefragt, ob für alle die, die nach Berlin gezogen sind, wie auch mein Vater, es sich nicht beklemmend angefühlt haben muss, in diesem zwar freien, aber eingemauerten Teil von Berlin zu leben. Die Vopos bei den Grenzkontrollen durch die Transitstrecke bleiben als graue unheimliche, unfreundliche Schreckgestalten in kindlicher Erinnerung. Der Geruch des im Osten anscheinend überall gleichen Reinigungsmittels, der in einigen Gebäuden noch Jahre nach der Wende festhing, löste beklemmende Gefühle aus. 

Der heutige „Platz des 18. März 1848" hieß im Dezember 1989 noch „Platz vor dem Brandenburger Tor".

Je mehr Zeit vergeht und je mehr sich die Stadt verändert, desto weniger nachvollziehbar wird dieses menschenverachtende System. Wie unfassbar muss für die Angehörigen insbesondere der letzten Mauertoten der Lauf der Geschichte sein. Wenn man jetzt in Pankow wohnt, in Friedrichshain feiern geht und in Buch arbeitet, kann man sich den Wahnsinn nicht mehr vorstellen. Hätte man ahnen können, dass die Wende kommt? Hätte man 1989 keine Flucht mehr riskieren müssen? Ich kann mich noch erinnern, dass unser Geschichtslehrer uns gegenüber die „gewagte These“, wie er selbst formulierte, aufstellte, dass „die Mauer nicht für immer stehen wird“. Im Klassenraum herrschte fassungsloses Schweigen. Das war zwei Wochen vor dem 9. November.

 

 

© picture alliance / Ulrich Baumgarten