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Pilzbehandlung lässt moderne Geige wie Stradivari klingen

Bei einer guten Geige kommt es nicht nur auf die Fähigkeiten des Geigenbauers an, sondern auch auf die Qualität des verwendeten Holzes. Dem Schweizer Holzforscher Prof. Francis W. M. R. Schwarze (Empa, Schweizerische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt, St. Gallen, Schweiz)1 ist es gelungen, das Holz für eine Geige mit Hilfe von besonderen Pilzen so zu verändern, dass der Klang des Instruments einer Stradivari zum Verwechseln ähnlich ist. In seiner Festrede beim 1. ECRC Franz-Volhard“ Symposium des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) und der Charité — Universitätsmedizin am 7. September 2012 in Berlin-Buch berichtete er über seine Forschungen und gab einen Ausblick, was seine Entwicklung gerade für junge Musiker bedeuten könnte.

Geringe Dichte, hohe Schallgeschwindigkeit und hohe
Biegesteifigkeit – darauf kommt es bei dem idealen Klangholz für Geigen an. Der
berühmte Geigenbauer Antonio Stradivari verwendete während des späten 17. und
frühen 18. Jahrhunderts ein besonderes Holz, das während einer Kälteperiode zwischen
1645 und 1715 gewachsen war. Durch lange Winter und kühle Sommer wuchs das Holz
damals besonders langsam und gleichmäßig, sodass es eine geringe Dichte und
eine hohe Biegefestigkeit aufwies. Von derartigem Klangholz konnten moderne
Geigenbauer bislang nur träumen.

Entwicklungen von Prof. Schwarze könnten schon bald ähnlich
gutes Holz auch heute für den Geigenbau verfügbar machen. Er hat eine besondere
Art von Pilzen (Physisporinus vitreus und Xylaria longipes)
entdeckt, die die beiden für den Geigenbau wichtigen Holzsorten Fichte und
Ahorn so zersetzen, dass ihre Klangqualitäten verbessert werden. Normalerweise
verringern Pilze die Dichte des Holzes, senken aber gleichzeitig die
Geschwindigkeit, mit der sich Schallwellen durch das Holz ausbreiten“, erklärte
der Forscher. Die Besonderheit an diesen Pilzen ist, dass sie die Zellwände
nach und nach abbauen und dünner machen. Aber selbst im Spätstadium der
Holzzersetzung bleibt ein steifes Gerüst erhalten, über das sich die
Schallwellen nach wie vor auf direktem Wege ausbreiten können.“ Auch die
Biegefestigkeit wird nicht beeinträchtigt, das Holz bleibt also genauso
bruchfest wie vor der Pilzbehandlung – ein wichtiges Kriterium für den
Geigenbau. Bevor das Holz zur Geige weiterverarbeitet wird, wird es mit dem Gas
Ethylenoxid behandelt. Das überlebt kein Pilz“,
sagte Prof. Schwarze. So kann garantiert werden, dass in der späteren Geige
kein Pilz mehr zu finden ist.

Gemeinsam mit den Geigenbauern Martin Schleske
und Michael Rhonheimer entwickelte Prof. Schwarze
Geigen aus pilzbehandeltem Holz, die 2009 in einem Blindtest gegen eine echte
Stradivari aus dem Jahr 1711 antraten. Gespielt wurden alle Geigen von dem
britischen Violinisten Matthew Trusler. Das Ergebnis
war für alle Beteiligten überraschend: Sowohl die Fachjury, als auch die
Mehrheit des Publikums hielten eine Geige, deren Holz Schwarze neun Monate lang
mit Pilzen behandelt hatte, für die echte Stradivari. Natürlich ist ein
solches Verfahren immer subjektiv. Für Wohlklang gibt es eben kein eindeutiges
naturwissenschaftliches Messverfahren“, so Prof. Schwarze.

Aktuell arbeitet Prof. Schwarze in einem interdisziplinären
Projekt daran, ein qualitätskontrolliertes Behandlungsprogramm für Geigenholz
zu entwickeln, mit dem sich die Erfolge zuverlässig reproduzieren lassen. Bis
2014 sollen im Rahmen dieses Projekts, das von der Schweizer Walter Fischli-Stiftung gefördert wird, 30 weitere Geigen aus Pilzholz gebaut werden. Schwarze erklärte, welche
Möglichkeiten dieses Projekt eröffnen kann: Die erfolgreiche Umsetzung der
biotechnologischen Methode der Klangholzbehandlung könnte es zukünftigen
Nachwuchstalenten ermöglichen, eine Geige mit der Klangqualität einer teuren
und für die meisten unbezahlbaren Stradivari zu spielen“.

Kontakt:
Barbara Bachtler 

Pressestelle 

Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch
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