Dr. Chiara Giacomelli

Forschung neu bewerten

Forschung wird immer komplexer. Doch wie wir sie bewerten, hat sich bislang kaum verändert. Am Max Delbrück Center haben wir nun eine Vorreiterrolle übernommen, um neue Kriterien zu etablieren. Ein Interview mit Chiara Giacomelli über Transformation, Zusammenarbeit und warum kleine Schritte zählen.

Als Postdoktorandin in der Arbeitsgruppe von Matthias Selbach untersucht Dr. Chiara Giacomelli, wie Zellen entscheiden, welche genetischen Informationen sie in Proteine übersetzen – mit besonderem Fokus darauf, wie Boten-RNAs unter Bedingungen wie Gesundheit, Stress oder Krankheit ausgewählt und übersetzt werden. Neben ihrer eigenen Forschung hat sie eine Initiative des Max Delbrück Center vorangetrieben: die Neuausrichtung der Forschungsbewertung. Im Interview erklärt sie, warum es für sie interessant war, sich aktiv an diesem Transformationsprozess, der Teil unserer Strategie 2030 ist, zu beteiligen.

Warum engagierst Du Dich dafür, die Forschungsbewertung am Max Delbrück Center neu zu denken?

Dr. Chiara Giacomelli

Chiara Giacomelli: Als ich die Rolle als Facilitator“, also eine Art Prozessbegleiterin, übernommen habe, musste ich niemanden mehr davon überzeugen, dass Veränderungen notwendig sind. Das Max Delbrück Center hatte bereits DORA (die San Francisco Declaration on Research Assessment) unterzeichnet, eine globale Initiative, die die Bewertung von Forschung und Forschenden verbessern will, und das Zentrum war der Coalition for Reforming Research Assessment“ (CoARA) beigetreten. Beides sind klare Signale dafür, dass wir am Max Delbrück Center bereit sind, die Forschungsbewertung neu zu denken. Das hat bereits einen großen Unterschied gemacht. Ich bin in etwas eingestiegen, das für das Zentrum bereits wichtig war.

Sich hier zu engagieren, hat sich selbstverständlich angefühlt. Im Laufe meiner Karriere habe ich immer wieder Aufgaben über die Laborarbeit hinaus übernommen und zum Beispiel die Studierenden- und Postdoc-Communities unterstützt. Die strategische Maßnahme zur Etablierung eines Systems zur Forschungsbewertung und zum Monitoring“, geleitet von den Forschungsgruppenleiter*innen Ashley Sanders und Jakob Metzger und maßgeblich unterstützt von unserer Wissenschaftlichen Vorständin Maike Sander, war eine weitere Möglichkeit, sich einzubringen. Gemeinsam mit ihnen habe ich die Initiative begleitet und überlegt, wie wir besser anerkennen können, wie Forschende das Wissen voranbringen, ihre Communities unterstützen und Wirkung entfalten. Das geht ja über traditionelle Kennzahlen wie Impact-Faktoren und Zitationen hinaus. Ich habe immer das Gefühl, dass man eine Community am besten mitgestaltet, indem man sich aktiv einbringt.

Gleichzeitig bot mir diese Arbeit auch etwas ganz Neues: einen Blick hinter die Kulissen, wie ein Institut funktioniert und wie aufwändig echte Transformation ist.

Warum wird die Forschungsbewertung gerade jetzt neu überdacht?

Giacomelli: Meines Erachtens hat sich die Wissenschaft selbst verändert. Die Arbeit von Forschenden wird immer komplexer. Doch die Art, wie wir sie bewerten, hat sich kaum verändert.

Heute umfasst Wissenschaft weit mehr als Publikationen. Wir teilen Daten, arbeiten interdisziplinär zusammen, engagieren uns für den Dialog mit der Gesellschaft. Dennoch sind viele dieser Beiträge in den aktuellen Bewertungssystemen kaum sichtbar. Nicht allen fällt es leicht, etablierte Konventionen zu überdenken. Manche befürchten, dass Veränderungen frühere Leistungen entwerten oder den Fokus verschieben könnten, weg von der Forschung selbst. Ich sehe das anders. Es geht nicht darum zu sagen, dass frühere Bewertungen und Evaluationen falsch waren. Es geht darum anzuerkennen, dass sich Forschung verändert hat und dass sich Bewertungspraktiken daran anpassen sollten. Teil dieses Transformationsprozesses zu sein, ist der erste von vielen Schritten, die uns hoffentlich zu einer Bewertung führen, die unserer Zeit gerecht wird. Um Maike Sander zu zitieren: Die Schritte mögen klein erscheinen, aber viele kleine Schritte sind in Wirklichkeit große Sprünge.“

Welche Rolle spielt das Max Delbrück Center in dieser Transformation?

Giacomelli: Durch den Beitritt zu CoARA hat das Max Delbrück Center eine Vorreiterrolle übernommen, insbesondere innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft. In gewisser Weise sind wir eine Blaupause. Das bringt eine gewisse Spannung mit sich: die Freiheit, Neues auszuprobieren, und zugleich das Bewusstsein, dass andere zuschauen. Was mich jedoch am meisten beeindruckt hat, sind die Menschen. Es gibt eine echte Bereitschaft zur Veränderung und ein starkes Gefühl der Unterstützung in der gesamten Community. Selbst wenn die Vorstellungen darüber auseinandergehen, wie diese Transformation aussehen sollte, ist schon das Gespräch darüber Teil der Transformation.

Warum sind Pilotprojekte entscheidend, damit Transformation gelingt?

Giacomelli: Unser Team testet neue Ansätze Schritt für Schritt. In einem Pilotprojekt kann man etwas ausprobieren, ohne gleich alles auf einmal zu verändern. Die Logik ist einfach und allen Wissenschaftler*innen vertraut: testen, lernen, anpassen. Pilotprojekte schaffen Raum zum Experimentieren, zum Sammeln von Feedback und zur Verbesserung, bevor Maßnahmen breit ausgerollt werden. Und selbst wenn etwas nicht funktioniert, bringt es uns dennoch voran. Die wichtigste Frage ist immer: Was haben wir gelernt?

Am Ende sieht Transformation weniger wie ein einzelner Durchbruch aus, sondern mehr wie Forschung selbst: eine Reihe kleiner Schritte, die im Laufe der Zeit zu etwas Neuem führen.

Interview: Antje Nestler

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