Jens Reich

▶ Liebe zur Freiheit

Er ist Molekularbiologe und Mediziner, DDR-Revolutionär und Bürgerrechtler, Bioethiker und bis heute prägender Forscher und Ombudsmann am Max-Delbrück-Centrum. Zum 80. Geburtstag von Professor Jens Reich.

Riesig und leer lag der Potsdamer Platz vor ihnen. Die S-Bahnen hielten nicht mehr, auch die U-Bahn-Station war geschlossen. Bereits an diesem Vormittag des 13. August 1961 markierten das aufgerissene Pflaster und aufgeschüttete Wälle eine Linie, wo kurze Zeit später die Mauer Ost- und West-Berlin trennen würde. Jens Reich und ein Freund berieten, was sie tun sollten. Abhauen, irgendwo seitlich, über die Schrebergärten? Alle zurücklassen? Nein, die persönlichen Bindungen waren zu wichtig. „Diese Sperre kann ja nicht ewig dauern“, beruhigten sie sich.

Jens Reich bei einer Kundgebung am MDC im Jahr 2018.

Sie dauerte und sie prägte das Leben des Arztes, Molekularbiologen und Bioethikers Jens Reich. Er gehört zu den bekanntesten Bürgerrechtlern der DDR, unter anderem als Mitbegründer des „Neuen Forums“. Zu seinem 80. Geburtstag am 26. März 2019 gratuliert ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Meine guten Wünsche gelten einer Persönlichkeit, die das Entstehen einer wachen Opposition in der DDR schon lange vor dem Mauerfall immer wieder mit persönlichem Einsatz befördert, Überwachung und Drangsalierung ertragen und schließlich die Friedliche Revolution von 1989 mutig mitgetragen und mitgestaltet hat. (...) Mit Ihrem unermüdlichen Einsatz sind Sie zum Vorbild für viele Menschen geworden. (...) Sie haben die Bürgerinnen und Bürger ermutigt, Zutrauen in die eigenen Kräfte zu finden und Verantwortung zu übernehmen. 'Das rechte Wort rechtzeitig sagen' – das ist bis heute Ihr Motto geblieben. Ihr politisches Urteil, das sich aus wissenschaftlichem Sachverstand, persönlicher Gewissenhaftigkeit und einem ausgeprägten Sinn für historische Gerechtigkeit speist, hat über Parteigrenzen hinweg Gewicht.“

Jens Reich - Stationen eines Lebens

 

Geboren am 26. März 1939 in Göttingen als Sohn eines Arztes und einer Heilgymnastin, aufgewachsen in Halberstadt.

1956 – 1962:
Medizin-Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin, anschließend Assistenzarzt in Halberstadt.

1964:
Promotion in Humanmedizin (Dr. med.)

1964 – 1968:
Fachausbildung Biochemie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena

1978:
Promotion (Dr. sc.)

1968 – 1990:
Wissenschaftler am Zentralinstitut für Molekularbiologie (ZIM) der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch

1969/1970:        
Mitbegründer des Freitagskreises, in dem rund 30 junge Akademikerinnen und Akademiker über Kultur, Philosophie und Literatur diskutierten.
Unter DDR-Bedingungen wurden die Treffen bald politisch und systemkritisch. Später waren viele von ihnen Oppositionelle.

1974/75 und 1979/80:
Forschungsaufenthalte am Institut für Biophysik der Akademie der Wissenschaften in Puschtschino bei Moskau / Sowjetunion

1980:
Professor für Biomathematik und Abteilungsleiter im ZIM

1984:
Wegen seines kritischen Einsatzes für Freiheit und Bürgerrechte wird seine Arbeitsgruppe aufgelöst und er zum wissenschaftlichen Mitarbeiter zurückgestuft. Reiseverbot.

ab 1985:
Mitarbeit in oppositionellen Zirkeln und Gruppen wie in der Gethsemanekirche, in der Umwelt-Bibliothek und im Kreis
„Ärzte in sozialer Verantwortung“

1988:
Veröffentlichung von kritischen Analysen der DDR in der Zeitschrift „Lettre International“ unter dem Pseudonym „Thomas Asperger“

1989:
September: Ko-Autor des Aufrufs „Aufbruch 89 – Neues Forum“ und Gründungsmitglied des Neuen Forums

4. November:
Rede auf dem Alexanderplatz

1990:
März bis Oktober: Mitglied der ersten und einzigen frei gewählten  Volkskammer der DDR in der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen

Oktober bis Dezember:
Abgeordneter des Deutschen Bundestags

1990-1992:
Vorsitzender der DDR-Sektion „Ärzte zur Verhinderung eines Nuklearkrieges“ (IPPNW)

1991:
Theodor-Heuss-Preis

1991 – 1992:
Gastprofessuren an der Universität Harvard und am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg

1992 – 2004:
Leiter der Abteilung Bioinformatik des MDC

1993:
Anna-Krüger-Preis für verständliche Wissenschaftssprache

bis 2011:
Koordination eines MDC-Forschungsverbundprojektes mit dem EMBL und der Universität Heidelberg

1994:
auf Vorschlag der Grünen unabhängiger Kandidat zur Wahl des  Bundespräsidenten

Mitarbeit am Deutschen Humangenomprojekt

1996:
Lorenz-Oken-Medaille der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte

1998:
Urania-Medaille

1998 – 2004:
Professor der Humboldt-Universität zu Berlin

2000:
Nationalpreis der Deutschen Nationalstiftung

2001 – 2012:
Mitglied im Nationalen Ethikrat, später des Deutschen Ethikrates

2009:
Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Preis der Leopoldina und des Stifterverbandes;  Schillerpreis der Stadt Marbach

bis heute:
Ombudsmann für Gute wissenschaftliche Praxis am MDC
Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

seit 1962 verheiratet mit der Ärztin Dr. Eva Reich, zwei Töchter, ein Sohn,zahlreiche Enkelkinder

Wie ein Vogel im Bauer

Mit 17 Jahren kam Jens Reich als Medizinstudent aus Halberstadt an die Humboldt-Universität zu Berlin: Über die offenen Sektorengrenzen hinaus lernte er die Wissenschaft und Kultur in beiden Weltsystemen kennen. Theaterinszenierungen von Gustaf Gründgens und Bert Brecht, Französischkurse im Maison de France und Vorlesungszyklen von Robert Havemann. Nach dem Bau der Mauer jedoch fühlte er sich wie ein „Vogel im Bauer“. Wie fest der Käfig verriegelt war, zeigte das Jahr 1966. Als ihm nach einer Konferenz ein Max-Planck-Institut im Westen ein halbjähriges Forschungsstipendium anbot, wurde er ins Dekanat zitiert. Der Parteisekretär lehnte das Ansinnen des jungen Vaters herablassend ab. Er durfte nicht einmal antworten.

Verstört und deprimiert sei er danach gewesen, erzählt Jens Reich. Doch er schaffte sich eigene Freiräume. Statt Studenten der Biochemie zu überreden, Offizier auf Zeit zu werden und so die politischen Forderungen an die Universitätsausbildung zu erfüllen, wechselte er 1968 an das neu gegründete Rechenzentrum am Zentralinstitut für Molekularbiologie (ZIM) der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch. Statt in der experimentellen Biochemie wegen fehlender Chemikalien und Technologien nie gleiche Voraussetzungen wie die Forschungsteams im Westen zu haben, wandte er sich der Theorie zu und entwickelte mathematische Modelle für den Energiestoffwechsel lebender Zellen.

Dem „lahmen, trüben Alltag“ in der DDR entfloh er über die Wissenschaft und seit 1969/70 über den Freitagskreis. Rund 30 junge Akademikerinnen und Akademiker aus vielen verschiedenen Berufen trafen sich jede Woche, um über Kultur, Philosophie und Literatur zu streiten. Die Diskussionen wurden bald politisch und systemkritisch. Später waren viele von ihnen Oppositionelle.

Thermoskannen voller Quecksilber

Biochemisches Labor im Zentralinstitut für Molekularbiologie.

Die Akademie der Wissenschaften in Buch blieb lange eine rettende Nische. „Der Blick auf die Welt war noch vorhanden“, sagt Jens Reich. Doch nur die Reisekader hatten das Privileg, ihre Ideen der Welt vorzustellen und sich auszutauschen. Und als der Westen biologische Systeme mit immer schnelleren Rechnern und größeren Speichern modellierte statt mit Differentialgleichungen, riss das geistige Band zwischen Ost und West. „Unsere Forschung war zwangsläufig brave Kleingärtnerei. Alle klagten darüber und lebten damit“, sagt Jens Reich. Warum ist er in der DDR geblieben? „Ich bin so ein Mensch ... mich hätte man raustreiben müssen.“

Seit seinen Forschungsaufenthalten am Institut für Biophysik der Akademie der Wissenschaften in Puschtschino bei Moskau in den siebziger Jahren beschäftigte sich Jens Reich mit dem drohenden ökonomischen und ökologischen Kollaps der Sowjetunion und des Ostblocks. „Das Tal der Oka, eines riesigen Flusses, verkam zu einer Müllkippe. Als die Kinder dort im Wald spielten, kamen sie mit Thermoskannen voller Quecksilber wieder – bis wir das sahen!“, erinnert er sich. Etwa zur gleichen Zeit begann sich der Aralsee allmählich in eine Steppe zu verwandeln, besetzte die Sowjetarmee Afghanistan und alle redeten von Zinksärgen. „Es war offensichtlich, dass dieses Land in eine Katastrophe steuert.“

Zum wissenschaftlichen Mitarbeiter zurückgestuft

Es blieben enge Freundschaften in die Sowjetunion, aber auch nach Ungarn, in die Tschechoslowakei und nach Polen. Die Erfahrungen haben die Familie stark beeinflusst. „Die Dissidenten der Solidarność-Bewegung zum Beispiel haben auf dem Weg in den Westen in unserer Wohnung übernachtet“, erzählt Jens Reich. Er suchte nach Möglichkeiten, ebenfalls sinnvolle Veränderungen anzustoßen und sprach zum Beispiel in der Gethsemane-Kirche im Prenzlauer Berg über die ökologische Krise in der DDR und die Militarisierung der Schulerziehung. Der Stasi blieb das nicht verborgen. 1984 wurde seine Arbeitsgruppe in Buch aufgelöst und er zum wissenschaftlichen Mitarbeiter zurückgestuft. „Ich war sauer, dass sie dachten, sie könnten mich so disziplinieren. Das Gegenteil war der Fall. Alles andere, die Oppositionsgruppen, war ohnehin interessanter und lebendiger“, sagt er. Erst recht als 1985 in Moskau Gorbatschow an die Macht kam.

Noch dringlicher war die Angst, dass die eigene Familie auseinanderbrechen könnte. Eine Tochter war bereits ausgereist, die beiden anderen Kinder waren auf demselben Weg. „Sie wollten nicht so leben wie wir. Also haben wir über Reformen nachgedacht. Ein Land, dem die Jugend wegläuft, hat eine trübe Zukunft“, sagt er. Auf die Fluchtbewegung, die im Sommer 1989 anschwoll, bezieht sich der erste Absatz des Gründungsaufrufes „Aufbruch 89 – Neues Forum“: „In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Belege dafür sind die weitverbreitete Verdrossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung. Fluchtbewegungen dieses Ausmaßes sind anderswo durch Not, Hunger und Gewalt verursacht. Davon kann bei uns keine Rede sein.“ Jens Reich ist einer der Ko-Autoren und Erst-Unterzeichner.

Große Ernsthaftigkeit und paradoxe Heiterkeit

Seine Mitstreiterinnen, Bärbel Bohley und Jutta Seidel, nahmen am 19. September 1989 die Verfassung der DDR beim Wort und stellten einen Antrag auf Zulassung nach dem Vereinsgesetz. Die Anträge wurden bis in den November abgeschmettert. Doch der Aufruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer, bis Ende des Jahres hatten ihn 200.000 Menschen unterschrieben. Die Forderung, das Neue Forum zuzulassen, wurde zu einer der Losungen bei den landesweiten Demonstrationen.

Am 4. November 1989 stand Jens Reich für das Neue Forum auf einer Lastwagenpritsche auf dem Alexanderplatz und blickte beklommen auf einen kantigen Menschenbrei. Während die Demonstration am 7. Oktober in Berlin noch mit ausgeschlagenen Zähnen und Verhaftungen geendet hatte, war am 9. Oktober das „Wunder von Leipzig“ geschehen – die Großdemonstration ging friedlich zu Ende, ohne Eingreifen des Staates. „Das war das Signal, dass es keinen Platz des Himmlischen Friedens geben würde“, sagt Reich. In Berlin war nun alles auf den Beinen, was laufen konnte. Zu Hunderttausenden. „Die Menschen waren völlig frei von Angst. Am Straßenrand hat sogar eine Pantomimengruppe Politbüro gespielt und gerontokratisch gewunken. Die Leute haben sich totgelacht, hat meine Familie erzählt.“

Das war ein ganz großer Tag. Obwohl es der Abgesang auf die DDR war.
Jens Reich

Nur er bekam von der fröhlichen Stimmung zunächst wenig mit, während er für einen wirklich demokratischen Dialog, für Medienfreiheit und freie Wahlen plädierte und vor Kleinmütigkeit warnte. „Vorne stand bestellte Stasi. Die machten hässliche Zwischenrufe und erzeugten einem so einen Strumpf auf dem Herzen.“ Als er sich später unter das Volk mischte und sah, was die Menschen mit großer Ernsthaftigkeit und paradoxer Heiterkeit aus dieser Kundgebung gemacht hatten, erlebte er sie als Aufbruch in die Zukunft. „Das war ein ganz großer Tag. Obwohl es der Abgesang auf die DDR war.“

Die Entzifferung des menschlichen Erbguts

Die Revolution von 1989 war das zweite einschneidende Erlebnis im Leben von Jens Reich. Die Vorbereitungen zur Wiedervereinigung erlebte er als Abgeordneter der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen in der einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR. Nach einem Jahr ging er – abgesehen von einer unabhängigen Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten – von der Politik zurück in die Forschung und gestaltete gleich noch eine Revolution mit: die Entzifferung des menschlichen Erbguts im Humangenomprojekt. Welche bioethischen Fragen damit verbunden sind, diskutierte er unter anderem von 2001 bis 2012 als Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) leitete Jens Reich von 1992 bis zu seiner Emeritierung 2004 eine Gruppe in der medizinischen Genomforschung. Der Campus und das MDC waren der Mittelpunkt seines gesamten beruflichen Lebens. Er hat den Wandel beobachtet – von der abgeschlossenen Gemeinschaft, in der die Stellen fest waren, die Gruppen weitgehend miteinander alterten und der Klatsch blühte hin zu einer Wissenschaft, die sich vor allem nach draußen orientiert und den Jungen wenig Sicherheit bietet. „Sie führen ein Wasserfloh-Leben, um den Anschluss nicht zu verlieren. Wasserflöhe sinken ab, wenn sie sich nicht bewegen. Dann strampeln sie sich wieder hoch.“

Bis heute sieht man Jens Reich mehrmals in der Woche mit dicken Aktenordnern und Büchern über den Campus laufen. Er begleitet unter anderem den Tierschutz am MDC und fördert Diskussionen zur Bioethik wie zum Beispiel zum Genome Editing mit CRISPR-Cas9. „Was mich immer wieder beschäftigt, ist der Eingriff in die genomische Ausstattung noch nicht vorhandener Menschen“, sagt er. „In den Medien ist das Thema eine dystopische Fantasie. Aber was ist, wenn wir mit Genomchirurgie das Leben verlängern können? Wenn wir Anopheles-Mücken dazu bringen, nicht mehr den Menschen stechen. Wie wird diese Welt aussehen? Wie gefährlich ist das? Aber auch wie schön!“ Diese Diskussion dürfe man nicht nur anderen überlassen. Die biomedizinische Forschung solle sich warm anziehen, nach draußen ins Freie gehen und sich einmischen. „Wir brauchen Vordenker!“, sagt er und hat doch Verständnis dafür, dass Zeitnot und Publikationsdruck oft zu einem Tunnelblick führen. 

Wenn es zu Konflikten kommt, steht er den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am MDC nach wie vor als Ombudsmann für Gute Wissenschaftliche Praxis zur Seite „Seine Geradlinigkeit, seine klare Analyse und seine Menschlichkeit sind für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MDC ein Vorbild“, sagt Professor Martin Lohse, Wissenschaftlicher Vorstand des MDC. „Wir schätzen seine sorgfältig abwägende Nachdenklichkeit sehr und sind ihm dankbar dafür, dass er nach wie vor dem MDC in ethischen Fragen zur Seite steht. Zu seinem 80. Geburtstag wünschen wir ihm alles erdenklich Gute.“

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